Wale und Delfine im Feldstecher

Die Meeres- und Umwelt­biologin Annina Zollinger Fischer (47) leitet seit 2008 Forschungsexpeditionen mit Freiwilligen, seit 2019 für die Schweizer Meeresschutz­organisation «Kyma sea conservation & research».
Annina Zollinger Fischer, Kyma organisiert vor der Küste Siracusas auf Sizilien jährlich zehn Expeditionen mit Freiwilligen. Eine davon leiten jeweils Sie. Mit welchem Ziel?

Unser Forschungsteam fährt das Meer entlang bestimmter Beobachtungspunkte im Zickzack ab. Zwei bis drei der insgesamt sieben Freiwilligen an Bord halten mit dem Feldstecher Ausschau nach Walen, Delfinen, Meeresschildkröten, Thunfischen, Schwertfischen und Haien. Zusätzlich horchen wir mit dem Hydrofon nach akustischen Signalen. Wir dokumentieren, wann die Tiere wo unterwegs sind, um zu erkennen, wo ihre wichtigsten ­Lebensräume liegen.

Warum braucht es da Laien?

Über das Vorkommen von Meeressäugetieren in dieser Gegend gibt es noch sehr wenig Wissen. Wir haben innert neun Jahren über 80 Wochen Daten erfasst. Manche Tiere sehen wir nur ein- oder zweimal pro Jahr, seltene Arten noch viel weniger. Ein solches Projekt wäre an einer Universität nur schwer zu finanzieren.

«Es ist faszinierend zu sehen, wie das Team innerhalb weniger Tage zusammenwächst. Rund die Hälfte kommt wieder.»
Wer bezahlt die 1600 Franken, um in den Ferien für ein Citizen-Science-Projekt zu arbeiten?

Kantischüler, Pensionierte, IT-Fachleute, Geschäftsleiterinnen, Pflegefach- und Lehrkräfte. Die Teilnehmenden bezahlen für Kost, Logis und die Lerninhalte zur Meeresbiologie. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie das Team innerhalb weniger Tage zusammenwächst. Rund die Hälfte kommt wieder.

Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Vor einigen Jahren haben wir erstmals einen Cuvier-Schnabelwal entdeckt. Er bleibt lange unter Wasser, da er über drei Stunden ohne Luft auskommt. Entsprechend selten ist er zu sehen. Mittlerweile beobachten wir die Tiere regelmässig und haben 15 dokumentiert. Wir hoffen, dass unsere Beobachtungen dazu beitragen, dass dieses Gebiet bald als schützenswerte Zone ausgewiesen wird. Wir können dafür Daten und Argumente liefern.

Der 5G-Backpacker mit Exposimetern

Der Experte für Strahlungsexposition am Swiss Tropical and Public Health Institute in Allschwil, Nicolas Loizeau (30), hat für seine Doktorarbeit zwischen 2021 und 2025 wandernd mit Rucksack Strahlungen in der ganzen Schweiz gemessen.
Nicolas Loizeau, warum haben Sie für Ihre Dissertation mehr als 1000 Kilometer zu Fuss zurückgelegt?

Seit 2021 wurden in der Schweiz über 20 000 5G-Antennen in Betrieb genommen. Im Auftrag des Bafu haben wir an insgesamt 300 Orten die Strahlungsexposition gemessen. Wir waren in den Bergen, auf öffentlichen Plätzen, in Wohnungen und im öffentlichen Verkehr.

Warum sind Sie dafür gewandert?

Die Messwerte variieren je nach Position selbst auf kleinem Raum stark. Deshalb ist es sinnvoll, an verschiedenen Positionen viele Erhebungen durchzuführen und dann die Mittelwerte zu berechnen. Ich hatte dafür einen Rucksack mit drei mobilen Exposi­metern dabei. Mein eigenes Smartphone musste stets offline sein, da das Signal sonst die Messungen gestört hätte. Insofern war das auch eine Art Digital Detox (lacht).

Was haben Sie herausgefunden?

Obwohl es stets mehr Antennen gibt, ist die Exposition nur geringfügig höher als früher. Das liegt an den technologischen Fortschritten gegenüber 3G. Die 5G-Antennen senden gezielt Strahlung dorthin, wo ein starker Datenaustausch stattfindet. Die höchste Exposition messen wir in Zügen und Bahnhöfen, also dort, wo sich viele Menschen aufhalten. Diese Strahlung kommt jedoch von den Geräten, nicht von den Antennen – und sie überschritt nirgends die gesetzlichen Grenzwerte.

«Es gab skeptische Menschen, die froh waren, dass wir solche Messungen durchführen.»
Wie war der Austausch mit den Menschen, denen Sie während der Wanderungen begegnet sind?

Meist sehr angenehm, nur selten spürte ich Misstrauen. Zum Beispiel, wenn einzelne vermuteten, ich sei für ein Mobilfunkunternehmen unterwegs und suche nach neuen Standorten für 5G-Antennen.

Manche wehren sich aktiv gegen den Ausbau von 5G-Antennen. Haben auch solche Leute auf Ihre Expedition reagiert?

Ja, in einschlägigen Medien gab es Artikel, die uns vorwarfen, dass wir zur falschen Zeit am falschen Ort und mit den falschen Geräten messen. In einem dieser Artikel wurde ich als 5G-Backpacker bezeichnet. Das gefiel mir so gut, dass ich mich entschied, diesen Titel fortan offiziell zu verwenden. Es gab aber auch skeptische Menschen, die froh waren, dass wir solche Messungen durchführen.

Auf du und du mit Eis und Eisbär

Der Postdoktorand für Glaziologie an der ETH Zürich und der Universität Washington in Seattle, Dominik Gräff (35), war zwischen 2022 und 2024 dreimal in Grönland unterwegs, um die Dynamik des Gletschers Eqalorutsit Kangilliit ­Sermiat zu studieren.
Dominik Gräff, wie haben Sie Grönland bei Ihrer ersten Reise erlebt?

Ich kann mich noch gut an die erste Nacht im Zelt erinnern. Ich wachte wegen Donnergeräusch auf. Zunächst dachte ich an ein Gewitter. Was ich hörte, war aber der Gletscher neben uns. Wenn grosse Mengen Eis ins Wasser fallen, klingt das wie Donner. Hinzu kommen Entladungen der Spannung im Eis, die wie kleine Explosionen tönen. Der Gletscher war in ständiger Bewegung. Wenn ich Zeit hatte, sass ich oft einfach da, schaute auf die vier Kilometer breite Kalbungsfront und staunte. Dabei lernte ich extrem viel über seine Dynamik.

Wie haben Sie die Kälte ertragen?

Im Südwesten Grönlands ist es im Sommer nicht besonders arktisch. Nachts sanken die Temperaturen auf 0 Grad Celsius, tagsüber arbeiteten wir manchmal im T-Shirt. Die grössere Herausforderung waren die Mücken. Aber sie waren nicht das einzige Problem.

«Wir liessen wir Gewehre einfliegen und gingen nachts auf Bärenwache. Alle zwei Stunden mussten wir einander ablösen.»
Erzählen Sie.

Als ich 2023 mit dem Schiff zu unserer Basis fuhr, sah ich vom Fjord aus eine Eisbärenmutter mit ihrem Jungen. Sie waren etwa drei Kilometer von unserem Lager entfernt, wo bereits einige Kollegen arbeiteten. Ich habe sie sofort per Funk gewarnt. Danach liessen wir Gewehre einfliegen und gingen nachts auf Bärenwache. Alle zwei Stunden mussten wir einander ablösen.

Und was war an der Forschung herausfordernd?

Ich wollte ein zehn Kilometer langes Glasfaserkabel entlang der Gletscherfront am Meeresboden verlegen. Das war ein extremer logistischer Aufwand. Ich hatte drei Jahre lang auf diesen Moment hingearbeitet. Schliess-lich rollten wir das Kabel im Sommer 2023 vom Schiff aus am Meeresgrund aus. Dabei stand ich mit Kollegen an Land in Kontakt. Sie sagten, dass sie kein Signal empfangen und das Kabel vermutlich beschädigt sei. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits mein gesamtes Projekt zusammenfallen.

Konnten Sie es noch retten?

Ich entschied mich, das Kabel trotzdem wie geplant zu verlegen. Zum Glück! Später zeigte sich, dass zwei der vier Fasern noch funktionsfähig waren. Damit konnte ich Störungen messen, die durch Rissbildung im Eis, herabstürzendes Eis, Ozeanwellen oder Temperaturschwankungen ausgelöst wurden. Solche Daten helfen, den Verlust von Eisschilden besser zu verstehen.

Wie im Gotthard, so auf dem Mond

Die simulierte Mondmission Asclepios wurde vor fünf Jahren von EPFL-Studierenden gegründet und findet jährlich in der Festung Sasso San Gottardo statt. Ella Ganzer (23), die an der TU München Aerospace studiert, machte 2025 als Astronautin mit.
Ella Ganzer, wie bereitet man sich auf eine analoge Mondmission vor?

Unsere Crew bestand aus neun Personen aus aller Welt. Gemeinsam durchliefen wir ein neunmonatiges Training. Zunächst trafen wir uns online zu Schulungen. Anschliessend absolvierten wir ein Survivaltraining in den französischen Alpen. Wir lernten etwa, wie es sich anfühlt, von einer Lawine verschüttet zu sein. Auch nächtliche Wanderungen waren Teil des Programms. In Lausanne folgten Trainings zu den wissenschaftlichen Experimenten. Der krönende Abschluss war ein Parabelflug in Italien, um kurz Schwerelosigkeit zu erleben. Das war ein unglaublich tolles Gefühl!

Wie verlief die Mission in der Gotthardfestung?

Ich verbrachte insgesamt elf Tage ohne Tageslicht in den kilometerlangen Tunneln des Sasso San Gottardo. Wir simulierten während dreier Tage den Hin- und Rückflug zum Mond. Dazwischen lebten wir acht Tage auf der fiktiven Mondbasis im Inneren des Bergs. Der Tag begann mit einem Briefing, eine Stunde war für Sport eingeplant, und danach arbeiteten wir an unseren Experimenten. Ich untersuchte das Wachstum von Mikroalgen. Diese eignen sich zur Wiederaufbereitung der Atemluft und als Proteinquelle für Astronautinnen. Nachts führten wir in Raumanzügen auch Aufgaben ausserhalb der Station durch. Es war dunkel und die Berge lagen im Nebel – ein ausserirdisches Erlebnis!

«Ich merkte, dass meine Toleranzgrenze gegenüber den anderen sank, und reagierte manchmal harscher als sonst.»
Wie haben Sie die Tage im Stollen erlebt?

Man ist müde, es ist dunkel, das Essen ist gefriergetrocknet und wird mit Wasser angerührt und schmeckt nicht immer gut. Ich merkte, dass meine Toleranzgrenze gegenüber den anderen sank, und reagierte manchmal harscher als sonst. Wir hatten jedoch zuvor gelernt, mit psychischem Stress umzugehen. Die Crew hatte einen sehr guten Zusammenhalt, weshalb ich die Mission trotzdem als positiv und erfüllend erlebte.

Was lernt man in einer simulierten Mondmission fürs Leben?

Asclepios kann ein erster Schritt für einen echten Flug ins All sein. Man lernt sich selbst besser kennen und erfährt, wie man in einem Team unter Extrembedingungen funktioniert. Das ist auch auf der Erde sehr nützlich.

Wenn Empirie und altes Wissen verwachsen

Die Ethnobiologin und Humangeografin an der Universität Bern, Sarah-Lan Mathez-Stiefel (50), forscht seit 2018 im ­peruanischen Gebiet Madre de Dios dazu, wie unterschied­liche Regierungsmodelle auf Mensch und Natur wirken.
Sarah-Lan Mathez-Stiefel, Sie reisen regelmässig für Feldforschung in den peruanischen Amazonas. Was ist Ihre Arbeit?

Sie beginnt oft lange vor der Abreise. Man taucht nicht einfach in einem indigenen Dorf auf, sondern muss sich im Voraus mit den zuständigen Organisationen und den Ältesten der Dörfer abstimmen. Wir müssen vorab auch klären, wo wir übernachten können, und Proviant organisieren. Ich treffe mein Team jeweils in Puerto Maldonado, der grössten Stadt in der Region Madre de Dios, wo 37 indigene Gruppen leben. Wir reisen dann meist auf dem Wasserweg mit motorisierten Kanus weiter. Von den Anlegestellen gehen wir zu Fuss tiefer in den Wald. Das ist in der Regenzeit anstrengend, wenn die Wege matschig sind.

Die Menschen vor Ort sind oft Co-Autoren Ihrer Publikationen …

Bis heute fallen Forschende in indigenes Territorium ein, extrahieren lokales Wissen und Artenvielfalt, um anschliessend ihre Erkenntnisse zu publizieren oder zu kommerzialisieren. Wir wollen weg von dieser kolonialen Art der Forschung und co-designen unsere Projekte zusammen mit Vertreterinnen von indigenen Gruppen. Wir entscheiden gemeinsam, wo und wie wir forschen, was wir mit den Resultaten machen und welchen Nutzen sie aus der Kooperation ziehen.

«Man bleibt eine Fremde. Trotzdem kann eine solche Begegnung ein gutes Erlebnis für beide Seiten sein.»
Können Sie ein Beispiel nennen?

Unsere indigenen Partner hatten die Idee, dass wir Junge vor Ort zu Forschenden ausbilden könnten. Das tun wir nun im Rahmen unseres Projekts zum zweiten Mal mit vier indi-genen Jugendlichen. Wir motivieren sie, eigenes traditionelles Wissen mit den wissenschaft­lichen Methoden zu verbinden, die wir vermitteln.

Kommt es auch zu Miss­verständnissen?

Ja. Vergangenen Oktober besuchten wir eine Gemeindeversammlung. Ein indigener Forscher fiel krankheitsbedingt aus, sodass uns ein Übersetzer fehlte. Die Gemeinde verstand zuerst, dass wir Vorschläge machen wollen, wie ihr Land verwaltet werden könnte. Dabei wollten wir herausfinden, was Wohlbefinden für die indigenen Gemeinden bedeutet und wie dieses durch Landpolitiken beeinflusst wird. Die Skepsis war berechtigt, schliesslich wurden sie über Jahrhunderte hinweg fremdbestimmt.

Fühlen Sie sich in solchen Momenten manchmal fremd – oder sogar wie ein Eindringling?

Immer! Man bleibt eine Fremde. Trotzdem kann eine solche Begegnung ein gutes Erlebnis für beide Seiten sein. Dafür braucht es gegenseitigen Respekt, geteilte Erwartungen und die Anerkennung von Unterschieden.