Die Schattenseiten der Forschungsabenteuer
Einst galten Expeditionen als heroische Unternehmungen, heute ringen sie mit kolonialen Altlasten und ihrem eigenen ökologischen Fussabdruck. Eine Tour vom Himalaja bis in die Arktis.

Die zweite Besteigung des Mount Everest 1956 durch ein Team von Schweizern und Sherpas aus Darjeeling, nachdem die prestigeträchtige Erstbesteigung 1952 knapp gescheitert war. | Foto: Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung
Am Morgen des 28. Mai 1952 beginnen der Schweizer Raymond Lambert und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay ihren letzten Aufstieg. Später wird Lambert schreiben, die Nacht zuvor sei «furchtbar» gewesen und Schlaf ausgeschlossen. In ihrem notdürftig aufgeschlagenen Zelt auf 8400 Metern flackerte nur eine kleine Kerze, über der sie etwas Schnee zu Trinkwasser schmolzen. Zu essen hatten sie fast nichts mehr.
Lambert und Tenzing wollen an diesem Tag schaffen, was keinem Menschen zuvor gelungen war: den Mount Everest erklimmen. Doch sie kommen nur schleichend voran. «Als der Hang steiler wird, bewegen wir uns vorwärts wie ein Hund, der einer Spur folgt, auf allen vieren», schreibt Lambert. In über fünf Stunden schaffen sie noch rund 200 Höhenmeter, dann sind sie am Ende ihrer Kräfte. 300 Höhenmeter unterhalb des Gipfels geben sie auf und kehren um.
Expeditionen wie diese waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert oft lebensgefährlich. Natur galt als feindlicher Raum. Hunderte starben an Erfrierungen, Hunger, Krankheiten oder Stürzen. Risiken wurden nicht nur in Kauf genommen – sie wurden gesucht. «Die extreme Umwelt gehörte zu einem heroischen Narrativ, das Expeditionen damals attraktiv machte», sagt Patricia Purtschert, Philosophin und Geschlechterforscherin an der Universität Bern.
In einer Welt, die zunehmend modernisiert und technisch beherrschbar wurde, habe das Ausgreifen in lebensfeindliche Räume etwas Archaisches gehabt, erklärt Purtschert. Expeditionen seien als «Kampf mit den Elementen» inszeniert worden – vor allem als männlicher Kampf. Diese heroische Männlichkeit war kulturell wie politisch anschlussfähig.
Komplizenschaft mit Kolonialmächten
In der Schweiz identifizierte sich die Öffentlichkeit stark mit den Bergsteigern, die in den 1950er-Jahren im Himalaja unterwegs waren. Sie verkörperten, so Purtschert, «althergebrachte koloniale Bilder weisser Männlichkeit, die mit Eroberung, Abenteuer, Mut, Führungs- und Besitzanspruch verbunden waren». Damit war auch eine nationale Dimension verbunden. «Die Schweiz wollte das mit kolonialer Symbolik aufgeladene Wettrennen um den Mount Everest gewinnen», sagt Purtschert. «Erste Nation am Gipfel – das war prestigeträchtig.»
Der Schweizer Versuch der Everest-Erstbesteigung war auch eine Forschungsreise. Neben der achtköpfigen Bergsteigergruppe um Lambert nahmen damals Forschende der Universität Genf teil: ein Geologe, ein Botaniker und die Ethnologin Marguerite Lobsiger- Dellenbach. Sie vermass nepalesische Männer und Frauen, notierte Grösse, Kopfumfang, Breite der Nase und mehr.
Dass noch 1952 eine Schweizer Wissenschaftlerin Rassenforschung betrieb, gehört für Purtschert zur «kolonialen Komplizenschaft» der Schweiz. Das anthropologische Institut der Universität Zürich sei, ebenso wie das in Genf, zeitweise sogar ein «Zentrum der internationalen Rassenforschung» gewesen. Damit lieferte die hiesige Wissenschaft Legitimation für Herrschaft, Ausbeutung und Ungleichheit.
Die Schweiz war auch ohne Kolonien in koloniale Projekte eingebunden: Forschende führten Expeditionen mit Unterstützung europäischer Kolonialmächte durch. Der Historiker Bernhard C. Schär zeigte etwa am Beispiel von Niederländisch Indien, dem heutigen Indonesien, wie sie mit ihrem Wissen die Expansion der Herrschaft mit ermöglichten. Expeditionen vereinten damals zahlreiche Motive: Wunsch nach Wissensgewinn, Abenteuerlust, wissenschaftliches Prestige ebenso wie nationale Konkurrenz und politische Interessen. Indem sie unbekannte Räume betraten und vermassen, machten Forschende diese verfügbar – wissenschaftlich, wirtschaftlich, strategisch.
Fortschritt und Unterwerfung
«Militärisch gesprochen waren Expeditionen die Vorhut», sagt Christian Kehrt, Professor für Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Braunschweig. «Forschende öffneten Pfade, auf denen Händler und Siedler folgten, die Städte und Infrastrukturen bauten.» Vor allem die Briten gingen so vor: Mit ihren Expeditionen tilgten sie weisse Flecken von der Landkarte. Das waren oft Hunderte bewaffnete Personen, die mit Schusswaffen und Peitschen indigene Helfer und Helferinnen kontrollierten, angeleitet von einigen wenigen Forschenden und Militärs. Die aus europäischer Sicht neu entdeckten Regionen modernisierten die Briten dann mit ihren Tools of Empire. Darunter versteht man Technologien wie Eisenbahn und Telegrafenlinien.
Die so entstandene globale koloniale Infrastruktur schuf erstmals die Voraussetzungen für weltweite Messprogramme zu Erdmagnetik, Wetter oder Meeresströmungen. Zugleich müsse man, so Kehrt, festhalten: «Die globale Erschliessung der Welt und die Vormachtstellung Europas sind das Ergebnis militärischer Unterwerfung, die durch Forschungsexpeditionen vorbereitet und begleitet wurde.»

Mit der Hilfe eines Paddlers ist der Schweizer Geologe Arnold Heim 1954 auf dem Mutandasee in Uganda unterwegs. Er wurde zum Befürworter der Dekolonisierung. | Foto: Jon Feuerstein / ETH-Bibliothek Zürich
Wissenschaft diente dabei nicht nur als Feigenblatt imperialer Ambitionen, – oft nutzten Forschende imperiale Interessen, um ihre Expeditionen zu finanzieren. In vielen Forschungsvorhaben und -praktiken seien koloniale Logiken eingeschrieben gewesen, erklärt Moritz von Brescius. Der Professor am Europa- Institut der Universität Basel forscht seit Jahren zu verschiedenen Facetten des Imperialismus. «Neben der Aussicht auf territoriale Expansion interessierten sich Herrscher, wissenschaftliche Gesellschaften und Ostindien- Kompanien immer auch für Rohstoffe und Handelswaren, die entdeckt und gesichert werden konnten», sagt er.
«Häufig versuchten Forschende deshalb, ihre Finanziers mit der Aussicht auf Ausbeutung für ihre kostspieligen und logistisch aufwendigen Expeditionen zu gewinnen.» Im 19. und 20. Jahrhundert habe die Suche nach kolonialen Rohstoffen und ihr Raubbau eine neue Intensität bekommen.
Nichts mit einsamer Held
Ihr koloniales Denken zeigte sich auch darin, dass Expeditionsleitende dazu bereit waren, möglichst viele Daten und Objekte zu sammeln und nach Europa zu bringen. Aus der schieren Masse würde sich später schon ein System ergeben. Von Brescius nennt das «Sammelwut », die sich so zeigte: Pflanzen, Gesteine, Artefakte, Zeichnungen, Tierpräparate, selbst menschliche Skelette. Alles wurde eingetauscht, gekauft oder geraubt, nach Europa transportiert und katalogisiert.
Die Sammlungen vieler Museen des globalen Westens wurden massgeblich im Zuge kolonialer Unternehmungen aufgebaut und umfassen ungeheure Mengen an Objekten – darunter wertvolle Kulturgüter. Die Wechselausstellung Extract der ETH Zürich fand 2024 unter dem Titel «Koloniale Spuren – Sammlungen im Kontext» statt. In einer begleitenden Publikation steht, dass sich noch heute «Zehntausende Tier- und Pflanzenpräparate sowie Gesteine aus den europäischen Überseekolonien» im Besitz der ETH befinden. Das ist keine Ausnahme: Die meisten sogenannten Typusbelege aus ehemaligen Kolonien befinden sich heute in Westeuropa und den USA. Das sind einzigartige Pflanzenund Tierpräparate, aber auch Fossilien.
Anhand dieser Belege wurden Arten erstmals beschrieben – oft von Forschenden des globalen Westens. Heute müssen neu gesammelte Typusbelege in ihren Herkunftsländern bleiben. So schreibt es seit 2014 das Nagoya-Protokoll vor, das den Zugang zu genetischen Ressourcen und den gerechten Vorteilsausgleich regelt.
Auch in ihren Reiseberichten, die Forschen- de oft gewinnbringend vermarkteten, spiegelten sich koloniale Denkmuster wider. Häufig beschrieben sie sich darin als heroische Einzelreisende, die allein den Gefahren widerstanden und die Welt vermassen. «Dabei waren Expeditionen enorme logistische Unterfangen mit Hunderten von Trägern, Übersetzern und lokalen Führern», sagt von Brescius.
Literarische Konvention verschweigt Hilfe
Indigene aus Reisebüchern herauszuschreiben, entsprach damaligen literarischen Konventionen. Wer abwich, riskierte Kritik. So passierte es den deutschen Brüdern Hermann, Adolf und Robert Schlagintweit. In ihren Berichten würdigten sie nach einer dreijährigen Expedition nach Indien und in den Himalaja die Leistung ihrer Helfer. In der britischen Presse ernteten sie dafür Spott, da sie den Eingeborenen Individualität und damit Autorenschaft zusprachen.
Die Verfälschung ging sogar noch weiter: Heute ist bekannt, dass viele Reiseberichte fiktionale Elemente enthielten. Ganze Routen waren erfunden. Der Ethnologe Johannes Fabian beschreibt in seinem Buch «Out of Our Minds», dass einige europäische Reisende während ihrer Expedition schwer erkrankten, im Fieber halluzinierten und von ihren indigenen Begleitern getragen werden mussten, weil sie selbst nicht mehr gehen konnten. Kaum etwas davon wird schriftlich erwähnt.

Erst nachdem der Schweizer Meteorologe Alfred de Quervain auf die bei den Inuit seit Jahrhunderten etablierten Hundeschlitten zurückgriff, gelang ihm 1912 die Durchquerung Grönlands. | Foto: ETH-Bibliothek Zürich
Gleichzeitig zeigen viele historische Expeditionen, welche Folgen es haben konnte, indigenes Wissen zu ignorieren. Die Kulturwissenschaftlerin Lea Pfäffli beschreibt dies in ihrem Buch «Arktisches Wissen» am Beispiel des Schweizer Meteorologen Alfred de Quervain. 1909 scheiterte er daran, das grönländische Inlandeis zu überqueren, weil er Schlitten mit Ausrüstung und Proviant selbst ziehen wollte, anstatt sie hinter die in Grönland seit Jahrhunderten etablierten Hundeschlitten zu spannen. Pfäffli zitiert De Quervain: «Dieser Teufel in Schlittengestalt! Wo er sich überschlagen kann, tut er’s; wo er’s nicht kann, tut er’s trotzdem.»
Erst drei Jahre später gelang ihm die Durchquerung – mit Hundeschlitten. Trotzdem erkannte De Quervain das Wissen der Inuit nicht als gleichwertig an. Pfäffli zeigt, wie De Quervain ihr Wissen implizit abwertet – und die Inuit in seinen wissenschaftlichen Publikationen nicht als Wissensproduzenten oder Referenzen auftauchen.
Lokale Teilhabe bleibt komplex
Die kolonialen Muster, die Expeditionen seit dem 19. Jahrhundert prägten, hinterliessen eine Infrastruktur, von der Forschung im globalen Westen bis heute profitiert. «Daraus ergibt sich Verantwortung für moderne Expeditionsforschung », ist Danièle Rod, Direktorin des 2016 gegründeten Schweizer Polarinstituts (SPI) überzeugt. Es finanziert und organisiert Expeditionen ins Eis und berät Schweizer Forschende bei ethischen Fragen und zu rechtlichen Rahmenbedingungen.
Solche sind erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten entwickelt worden und befinden sich weiterhin im Wandel. Heute stehen dekoloniale Prinzipien im Zentrum: Forschung soll lokale Gemeinschaften einbinden, Wissen teilen und transparent arbeiten. Internationale und nationale Vorgaben sowie Forderungen indigener Organisationen setzen dafür hohe Standards. «Viele Forschende können sich damit überfordert fühlen», sagt Rod.
Zugleich belohnt das westliche akademische System Geschwindigkeit, Publikationen und internationale Kooperationen – nicht aber den Aufbau langfristiger Beziehungen. «Echtes kollaboratives Forschen zusammen mit indigenen Gruppen, das die wissenschaftliche Qualität spürbar erhöht, braucht Zeit und Vertrauen», sagt Rod. In der Praxis werde jedoch häufig zuerst geplant und finanziert – und erst danach über lokale Beteiligung gesprochen. Die Entscheidungshoheit bleibe somit im globalen Westen, und Strukturen änderten sich langsam. Zudem beobachtet Rod Ermüdungserscheinungen in manchen indigenen Communities: Wenn Jahr für Jahr Dutzende Teams auftauchen, Fragen stellen, Kooperationen anstossen und Zustimmung einholen, kippt das Verhältnis von Aufwand und Nutzen leicht.
Neben der Frage der Teilhabe stehen bei modernen Expeditionen schon lange weitere Aspekte im Fokus: insbesondere den ökologischen Fussabdruck im Auge zu behalten und dafür etwa Material für die Expeditionen effizienter zu transportieren. «Wer Fracht statt per Flugzeug per Schiff organisiert, reduziert den Fussabdruck massiv, muss dafür jedoch Monate mehr einplanen», so Rod. Gleichzeitig fördert das SPI Modelle, die Reisen generell reduzieren: Lokale Partner können eingebunden werden, um Messgeräte zu warten oder Proben zu sammeln. Das senkt Emissionen und stärkt die lokale Forschungskomponente.
Und doch, sagt Rod, lasse sich Feldforschung nicht vollständig ersetzen. Die Polarregionen veränderten sich rasant, Kipppunkte hätten globale Auswirkungen. «Deshalb muss Wissenschaft ins Feld», ist Rod überzeugt. «Wir wissen genug, um zu handeln. Aber wir wissen nicht, wann die Systeme kippen.» Dass heute von Kipppunkten die Rede ist, zeigt einen veränderten Blick auf die Umwelt.
Dania Achermann, Wissenschafts- und Technikhistorikerin, sagt: «In der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich unsere Beziehung zur Natur verändert, weg von Eroberung und Beherrschung, hin zur Einsicht, dass wir sie schützen und bewahren müssen.» Mit dem ökologischen Bewusstsein der 1960er- und 1970er-Jahre wurde deutlich, dass die Umwelt ein empfindliches System sei.
Tourismus der letzten Chancen
Parallel dazu veränderte sich auch die Expeditionsforschung: Sie wurde technischer und internationaler. Heutige Grossprojekte wie die antarktische Eiskernbohrung Beyond Epica oder die Arktisexpedition Mosaic erweiterten das Wissen erheblich, erfordern aber auch aufwendige Logistik und gehen mit enormem Ressourcenverbrauch einher.
Diese Entwicklung habe Folgen über die Wissenschaft hinaus, sagt Achermann. Forschungsexpeditionen hätten historisch wie gegenwärtig nicht nur Wissen erzeugt, sondern auch Wege eröffnet zu entlegenen Regionen, die heute auch touristisch genutzt werden. Zugleich machten wissenschaftliche Daten, Bilder und Klimadiagnosen den rasanten Wandel dieser Orte sichtbar und rückten sie stärker ins öffentliche Bewusstsein. In diesem Zusammenhang spricht Achermann von einem «Last-Chance-Tourismus»: Das Wissen um die Bedrohung polarer Regionen steigert das Interesse, sie «noch einmal» zu besuchen, bevor sie verschwinden.
In den Polarregionen wird diese Dynamik besonders sichtbar. Kreuzfahrtschiffe, Polarflüge und Forschungsexpeditionen nutzen oft dieselben Routen und Anlandestellen. «Wissenschaftliche Expeditionen haben diesen Tourismus nicht ausgelöst», sagt Achermann, «sie tragen aber dazu bei, entlegene Regionen als erreichbar und bereisbar zu zeigen.»
Gleichzeitig schafft die Erwärmung neue Zugänge. Mit dem Rückgang des Eises werden Gebiete erreichbar, die lang unzugänglich waren – und damit auch deren Rohstoffe. Die wachsende Erreichbarkeit macht diese Räume politisch relevant. Das erhöht die Dringlichkeit für Forschung, weckt aber auch geopolitische Begehrlichkeiten. Besonders in der Arktis, wo territoriale Ansprüche umstritten sind, müssen Expeditionen deshalb verantwortungsvoll geplant werden – nicht zuletzt, um zu verhindern, dass Forschung erneut als Vorwand für andere Interessen missbraucht wird.