Vom Arbeitsalltag zwischen Euphorie und Panik
Um die hohen Erwartungen an sich selbst zu erfüllen, gehen Start-up-Gründende an die Grenze ihrer Belastbarkeit – manche darüber hinaus.

Start-ups setzen auf sogenannte disruptive Ideen und innovative Technologien – ob die dann tatsächlich einschlagen, ist ungewiss. | Foto: Lucas Ziegler
Trendige Büros, flache Hierarchien und grosse Ideen, die man mit Gleichgesinnten umsetzt: Die Arbeitskultur in Start-ups ist anziehend. Viele Studienabgehende sehen darin eine Alternative zur klassischen Karriere in grossen Unternehmen oder in staatlichen Organisationen. «Mit dem eigenen Start-up oder der Mitarbeit in einem verknüpfen sie die Chance, etwas bewegen zu können – in kurzer Zeit und im Einklang mit den eigenen Werten», erklärt Pascale Vonmont, Direktorin der Gebert-Rüf-Stiftung und Präsidentin der Stiftung Startupticker. «Die meisten Gründerinnen sind nicht vom Traum nach dem grossen Geld getrieben, sondern von einer Idee. Sie wollen mit ihrer Firma einen Beitrag zur Zukunft leisten und die Welt ein Stück weit besser machen.»
Diese Ideale teilen auch die Angestellten der Start-ups, wie eine Umfrage aus dem Jahr 2023 des deutschen Start-up-Verbands unter 800 Mitarbeitenden und Gründern zeigt. «Flexibilität am Arbeitsplatz», «Gemeinschaftsgefühl» und der «sichtbare Impact», den sie mit ihrem Engagement erzielen können, sind den Befragten wichtiger als Arbeitsplatzsicherheit und Einkommen. Auf Seiten der Gründerinnen sind 73 Prozent überzeugt, dass die bei ihnen praktizierte New-Work-Kultur mit ihren flachen Hierarchien, flexiblen Arbeitsweisen und grossen Gestaltungsspielräumen ein Alleinstellungsmerkmal der Start-ups sei und ihnen bei der Rekrutierung von jungen, gut ausgebildeten Talenten helfe.
Tatsächlich ist das Durchschnittsalter in den deutschen Start-ups mit 32 Jahren deutlich tiefer als die 43 Jahre in der klassischen Firmenwelt. Charakteristisch ist zudem der mit 86 Prozent hohe Anteil an Beschäftigten mit akademischem Abschluss. Auffällig ist auch die hohe Arbeitszufriedenheit in den Start-ups: 32 Prozent der Beschäftigten sind «sehr zufrieden», gegenüber 22 Prozent in der akademischen Forschung. In der Schweiz sind rund 50 000 Personen in Start-ups beschäftigt. Studien zu ihrer Ausbildung und ihrer Zufriedenheit fehlen zwar, doch dürfte beides ähnlich sein wie in Deutschland.
Doch die schöne neue Arbeitswelt hat ihre Schattenseiten: Die Erwartungen der Investorinnen sind hoch, die Arbeitstage in der Regel lang und intensiv. «Start-ups agieren in einem wettbewerbsintensiven Umfeld», sagt Raphael Tobler, Präsident der Swiss Startup Association. «Mit einer 42-Stunden-Woche wurde kaum ein Gründer erfolgreich. Man muss bereit sein, während der Gründungs- und der Wachstumsphase viel Energie und Arbeit ins Unternehmen zu stecken. Und man muss sich bewusst sein, dass es sich um einen Marathon handelt, nicht um einen Sprint.» Tobler rät den Gründern, frühzeitig eine gute Organisation zu schaffen und so schnell wie möglich gewisse Aufgaben und Verantwortlichkeiten an die Mitarbeitenden abzugeben. Ansonsten drohe in der Wachstumsphase das Chaos.
Viel Eigenbeschuss und selbst zugefügter Schaden
In den für Start-ups typischen Phasen schnellen Wachstums kommt es zu grossen Umbrüchen: Die teamübergreifende Zusammenarbeit macht allmählich der Spezialisierung Platz, die Organigramme werden pyramidenförmiger, das Gemeinschaftsgefühl schwindet. Und die Gründerinnen sind plötzlich mit neuen Aufgaben konfrontiert: Sie müssen Gespräche mit Mitarbeitenden führen, Abteilungsleiter auswählen, vielleicht auch Leute entlassen.
«Es ist wichtig, dass sich die Gründer in dieser Phase kritisch hinterfragen», sagt Vonmont: «Ist das noch die richtige Rolle für mich? Die Fähigkeiten und Charaktereigenschaften für eine erfolgreiche Führungsposition ändern sich im Verlaufe der Firmenentwicklung. Man muss seine eigenen Stärken und Grenzen kennen.»
Das von der Gebert-Rüf-Stiftung mitinitiierte Talent-Kick-Programm soll hier Unterstützung leisten: Es richtet sich an Studierende aller Schweizer Hochschulen. Ergänzend zu ihrem Studium lernen sie dabei, eine eigene Geschäftsidee in einem Team zu entwickeln, sich selber besser einzuschätzen und ihre Führungskompetenzen auszubauen.
Wie wichtig eine gute Selbsteinschätzung ist, zeigen auch die Studien von Noam Wasserman. Der US-Wirtschaftswissenschaftler und Organisationsspezialist hat an der Harvard Business School geforscht und Daten von fast 10 000 Gründerinnen und mehr als 3600 US-Start-ups analysiert. Sein Fazit: «Wenn Unternehmertum ein Kampf ist, stammen die meisten Verluste aus Eigenbeschuss oder selbst zugefügten Verletzungen.»
Immer mehr Burnouts
Etwa die Hälfte der von Wasserman analysierten Start-ups sind innert fünf Jahren gescheitert – bei zwei Dritteln davon machte der Forscher «destruktive Spannungen zwischen den Mitgründern oder zwischen Gründer und Team» als Ursache aus. Oft führten falsche Selbsteinschätzungen zu Konflikten, erklärt Wasserman. «In der Anfangszeit ist die Leidenschaft des Gründungsteams für die Idee sehr hilfreich. Es gewinnt damit Mitarbeitende und Fremdkapital. Mit der Zeit aber kann diese Stärke zur Achillesferse werden. Leidenschaft und Selbstvertrauen können dazu führen, dass Gründerinnen ihren Ressourcenbedarf unterschätzen und ihre Fähigkeiten zur Bewältigung bevorstehender Herausforderungen überschätzen, was das Start-up gefährden kann.»
Fehleinschätzungen, zwischenmenschliche Spannungen und Überlastung können auch die Gesundheit aller Mitarbeitenden gefährden. Auf Linkedin und anderen Plattformen mehren sich persönliche Berichte über Founder Burnouts, Depressionen und Angststörungen. Wie viele Gründer und Start-up-Beschäftigte erkranken, lässt sich nur grob abschätzen, Studien dazu fehlen.
Hinweise finden sich in den in der Szene beliebten sogenannten Post-mortem-Berichten, die auf Blogs, Publikations-Plattformen oder in Online-Magazinen publiziert werden: Darin erklären Gründerinnen oder Investoren, warum ihr Start-up gescheitert ist. Das Tech-Unternehmen CB Insights hat über 470 Post-mortem-Berichte ausgewertet und kommt zum Schluss, dass bei acht Prozent der Fälle Burnout als Haupt- oder Mitgrund für den Niedergang der Firma aufgeführt wird.
Auch das wachsende Hilfsangebot für solche Fälle zeigt, dass die Probleme real sind: So bietet beispielsweise die Baloise-Versicherung seit 2023 ein Webinar zum Thema Burnout an, das sich explizit an Gründer richtet. Der Risikokapitalgeber Balderton hat im vergangenen Jahr, gestützt auf eine Befragung von 230 Gründerinnen, ein Health- und Fitnessprogramm entwickelt, das sich am Spitzensport orientiert – mit dem Ziel, die mentale Gesundheit und damit auch die Leistungsfähigkeit in den Start-ups zu erhalten. Das Erkennen und Verhindern des sogenannten Founder Burnout ist gar zu einem eigenen Geschäftsfeld geworden: Das Berliner Start-up Accelerate Health etwa bietet Gründern psychologische Unterstützung an.
Stärken gehen mit psychischen Schwächen einher
Sind Start-up-Gründerinnen besonders Burnout-gefährdet? «Es sind in der Regel ambitionierte Personen», sagt Vonmont. «Sie sind bereit, viel Energie in ihre Firma zu investieren. Und sie sind oft emotional stark mit ihrem Baby verbunden. Das birgt gewisse Risiken.» Der Psychologe Michael A. Freeman weist in einer Studie auf mentale Prädispositionen hin, die bei Gründern stark verbreitet sind und eine Erkrankung begünstigen.
Gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Berkeley und Stanford hat er über 240 Unternehmensgründer aus Kalifornien zu deren mentaler Gesundheit befragt: 49 Prozent gaben an, dass sie mit mindestens einem psychischen Problem zu kämpfen haben oder hatten, etwa Depressionen (30 Prozent), Angststörungen (27 Prozent), bipolare Störungen (11 Prozent) und ADHS (29 Prozent). In der Vergleichsgruppe sind Depressionen (15 Prozent ), ADHS (5 Prozent) oder bipolare Störungen (1 Prozent) deutlich weniger verbreitet. Typische Stärken wie Mut, Kreativität und Engagement gehen gemäss Freeman also oft mit psychischen Schwächen einher.
Hinzu kommt, dass Start-up-Gründerinnen mit grossen Unsicherheiten konfrontiert sind: Sie setzen auf sogenannte disruptive Ideen und innovative Technologien – ob die dann tatsächlich funktionieren und einschlagen, ist ungewiss. Als Gründerin müsse man mit diesem Risiko klarkommen, sagt Vonmont.
In der Schweiz sei das besonders herausfordernd, weil wir eine schlechte Risiko-Kultur hätten: «Scheitern ist in unserem Land noch immer schambehaftet. Das verstärkt den Druck auf die Gründerinnen und Gründer. Manche halten dann zu lange an einer Idee oder an ihrer Rolle fest.»
Die grosse Angst vor dem Absturz
Auch der heute 37-jährige Schweizer Start-up-Gründer Michele Matt bekam diesen Druck zu spüren und ertrug ihn irgendwann nicht mehr: Im Frühjahr 2021 erkrankte er, Diagnose Erschöpfungsdepression. Matt sagt heute, dass er zwar viel, aber nicht übermässig gearbeitet habe. Auch den Investoren mag er nicht Schuld zuweisen. Sie hätten keinen Druck ausgeübt. «Den habe ich mir selber gemacht», erklärt er. «Ich wollte abliefern, die Investoren, aber auch Familie und Freunde und mich selbst nicht enttäuschen.»
Matt hat einen Master in Betriebswissenschaft gemacht und anschliessend mehrere Jahre bei grösseren Firmen in den Bereichen Consulting und Banking gearbeitet. 2015 gründet er das Start-up My-Camper und baut eine Sharing-Plattform für Camping-Fahrzeuge auf. Die Firma wächst rasch, jedes Jahr verdoppelt sie ihren Umsatz. Bald beschäftigt sie 25 bis 30 Leute. Die Aufgaben sind im Team zwar sauber aufgeteilt, doch trägt Matt als Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident besonders viel Verantwortung.
Dazu kümmert er sich um die Finanzierung. «Das war zweifellos zu viel», erklärt er. «Das Gedanken-Karussell drehte sich pausenlos. Abends, nachts im Bett, am Wochenende, ständig habe ich an irgendwelchen Problemen rumgekaut und nach Lösungen gesucht.» Auf euphorisierende Erfolge wie etwa eine Akquisition oder eine weitere gesicherte Finanzierungsrunde folgten Angst- und Panikgefühle: Wird die Firma crashen?
Sie crasht nicht, doch Matt erkrankt und muss eine längere Auszeit nehmen. Danach fällt er einen Entscheid, den er «eigentlich viel früher hätte treffen sollen»: Er gibt den Geschäftsführer-Posten auf und konzentriert sich auf das, was ihm am meisten Freude macht: Ideen und Strategien zu entwickeln.
Besser gemeinsam als im Einzelkampf
Matt ist heute «nur» noch Verwaltungsratspräsident bei My-Camper – und zufrieden mit dieser Rolle. Seine Burnout-Erfahrung hat er in einem Post auf Linkedin publik gemacht. Er möchte «dazu beitragen, das Thema zu enttabuisieren, und Kolleginnen und Kollegen sensibilisieren».
Pascale Vonmont ist überzeugt, dass Gründer enorm viel von den Erfahrungen anderer Gründerinnen profitieren können. «In der Schweiz sind viele junge Geschäftsführerinnen als Einzelkämpferinnen unterwegs. Es ist wichtig, dass eine Community entsteht, dass sich die Gründer intensiver austauschen.» Dazu müssten die nötigen Vertrauensräume geschaffen werden. Vonmont nennt als Beispiele das Programm Venture Kick und den neu lancierten Kickfund. «In beiden Initiativen sind die Start-ups respektive Geschäftsführer über längere Zeit zusammen unterwegs und tauschen sich in spezifischen Gefässen regelmässig über ihre Erfahrungen und persönlichen Herausforderungen aus. Das erweist sich als sehr hilfreich.»