Vom Karussell rund um die Lehrstühle
Professuren zu besetzen, ist eine zentrale Aufgabe von Hochschulen. Zu wessen Gunsten die Waage ausschlägt, bestimmt nicht nur die akademische Leistung der Kandidierenden, sondern auch ihr gesellschaftliches Engagement.

Wer eine Professur bekommt, ist Sache der Hochschulleitungen. Die Studierenden hören den Dozierenden dagegen vor allem zu. | Foto: Martin Ruetschi / Keystone
Kontroversen bei der Besetzung von Professuren sind den Schweizer Hochschulen nicht fremd. 2014 wurde bekannt, dass die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL) dem Lebensmittelkonzern Nestlé für zwei neue, von ihm gesponserte Professuren ein Vetorecht bei deren Besetzung und einen Sitz in der Berufungskommission eingeräumt hatte. Ein Jahr zuvor musste das Verfahren zur Besetzung eines vakanten Lehrstuhls an der Theologischen Fakultät der Universität Basel nach Beschwerden neu lanciert werden. Es ging darum, dass zu wenig Frauen auf der Nominationsliste waren, und um Differenzen über die ideologische Ausrichtung des Lehrstuhls.
Laut Antonio Loprieno, Ägyptologe und ehemaliger Rektor der Universität Basel, veranschaulichen solche Vorfälle, was er als «inhärente Spannung» zwischen den Bottom-up-Anliegen der Forschenden und den strategischeren Top-down-Vorgaben der Universitätsleitungen bezeichnet. Während die Forschungsgemeinschaft bei der Prüfung von Kandidaturen eine rein akademische Leistungsbewertung befürwortet, berücksichtigen die Leitungen ein breiteres Spektrum von Kriterien wie öffentliches Engagement, Technologietransfer und das heikle Thema der Chancengleichheit.
Trotz dieser Spannungen gelingt es laut Loprieno den Schweizer Hochschulen in der Regel, hochqualifizierte Personen zu engagieren. Es müsse allerdings häufig ein Gleichgewicht zwischen akademischen und nichtakademischen Kriterien hergestellt werden. «Die ideale Person ist sowohl wissenschaftlich herausragend als auch gesellschaftlich engagiert», erklärt er. «Das findet man nicht oft.»
Die Macht der Fakultät
In früheren Jahrzehnten, so Loprieno, handelten Professorinnen und Professoren in der Schweiz ihre Budgets mit der Kantonsregierung aus, der Papierkrieg hielt sich in engen Grenzen. Dies änderte sich um das Jahr 2000, als die Hochschulen unabhängiger wurden und Globalbudgets erhielten. Das Ergebnis seien «effiziente Hochschulverwaltungen und eine stärkere Kontrolle durch das Rektorat» – auch mit Auswirkungen auf die Rekrutierung für akademische Positionen.
Wenn für eine Professur Bewerbungen ausserhalb der Hochschule gesucht werden, setzt die Fakultät oder Abteilung in der Regel eine Berufungskommission ein. Mitglieder des typischerweise zehn bis 15 Personen umfassenden Gremiums sind meistens Forschende der eigenen und anderer Fakultäten oder Hochschulen sowie ein Student oder eine Studentin und allenfalls sogar Externe aus der Industrie. Diese Kommission definiert die Kriterien für die neue Stelle, veröffentlicht Ausschreibungen, evaluiert die Bewerbungen, erstellt eine Auswahlliste, führt Vorstellungsgespräche und empfiehlt dann die besten Namen zur Wahl. Die Fakultätsmitglieder spielen in diesem Prozess insofern eine zentrale Rolle, als sie die Berufungskommission einsetzen und an gewissen Universitäten auch über die Bewerbungen abstimmen. Beschränkt wird ihr Handlungsspielraum dadurch, dass Hochschulpräsidium und -rat die Leitplanken für das Einstellungsverfahren vorgeben, die Zusammensetzung der Berufungskommission validieren, die externen Expertinnen und Experten überprüfen oder selber solche in die Kommission aufnehmen und die von der Kommission empfohlene Person genehmigen oder ablehnen.
Führen, Mittel beschaffen, Ergebnisse nutzen
Beim Bewerbungsverfahren muss die Berufungskommission verschiedene Faktoren abwägen. Dazu gehören neben Forschungs- und Lehrkompetenzen der potenziellen neuen Lehrstuhlinhaberin auch ihre Fähigkeit zum Führen von Mitarbeitenden und zur Mittelbeschaffung sowie die Frage, ob ihre Forschungsinteressen zu bestehenden Professuren oder Abteilungen passen. Ein weiterer Aspekt ist der mögliche Beitrag zur wirtschaftlichen Nutzung von Forschung, auch wenn dies laut Matteo Galli, Direktor für Fakultätsangelegenheiten an der EPFL, eher für höhere akademische Positionen und Funktionen in industrienahen Bereichen relevant ist.
Auf ein solches breiteres Profil wird zunehmend Wert gelegt. Die Schweizer Hochschulen haben die internationale Initiative «Declaration on Research Assessment» (Dora) unterzeichnet, die eine Loslösung von quantitativen Messgrössen wie Publikations- und Zitationszahlen anstrebt. Mehr Gewicht erhalten gemäss Antonio Loprieno Kriterien wie die Zeit, die für Beiträge an Konferenzen oder für Mediengespräche aufgewendet wird. «Von jüngeren Forschenden wird dies bereits erwartet», erklärt er.
Qualität über Geschlecht
Gefördert wird neben diesen Fähigkeiten auch ein höherer Frauenanteil. An den meisten Hochschulen ist eine Überzahl Männer in akademischen Funktionen tätig, vor allem auf den höchsten Karrierestufen. An der ETH Zürich zum Beispiel sind lediglich 16 Prozent der ordentlichen Professuren mit Frauen besetzt. Deshalb setzte sich die Hochschule vor einigen Jahren das Ziel, 40 Prozent der neuen Lehrstühle an Frauen zu vergeben. Dieses Ziel wurde inzwischen deutlich übertroffen: 2023 betrug dieser Wert gemäss Pressemitteilungen 58 Prozent. Die Universität Basel bemüht sich laut Generalsekretär Stefano Nigsch ebenfalls um eine Erhöhung des Frauenanteils in der Professorenschaft, allerdings ohne dabei ein Gesamtziel zu setzen. Die Universität schreibe zwar vor, dass bei zwei gleichwertigen Qualifikationen zuerst der Frau die Stelle anzubieten ist. Das Geschlecht sei aber «an sich» kein Auswahlkriterium.
Laut Galli ist dies auch an der EPFL der Fall, die Qualität einer Bewerbung «stehe über dem Geschlecht», im seltenen Fall von zwei gleichwertigen Profilen werde eine Frau jedoch gegenüber einem Mann vorgezogen. Er erklärt auch, dass die Professorinnen und Professoren in den Berufungskommissionen üblicherweise ihre Kontakte an anderen Hochschulen auf offene Stellen hinweisen. «So bewerben sich im Allgemeinen mehr geeignete Personen und auch mehr Frauen.»
Bei Beförderungen sind politische oder strategische Überlegungen gemäss Loprieno dagegen weniger relevant. Beim Entscheid, einem Assistenzprofessor nach rund fünf Jahren eine ausserordentliche Professur – also eine unbefristete Position – anzubieten, wird trotzdem eine Kommission eingesetzt. In diesem Fall werde jedoch die Zusammensetzung und die Empfehlung der Kommission kaum von oben geändert. «Ich kenne keinen Fall, in dem die Fakultät jemanden vorgeschlagen und die Universitätsleitung diese Person abgelehnt hat», sagt Loprieno.
Auch bei externen Berufungen nimmt die Hochschulleitung weniger Einfluss. In Basel prüft das Präsidium laut Nigsch zwar, ob die Kommission auf Interessenkonflikte achtet, die Studierenden einbezieht und die Diversitätsvorschriften einhält. Es käme aber relativ selten vor, dass etwa Kommissionsmitglieder ausgewechselt würden, und die Leitung lege auch selten ihr Veto gegen eine Empfehlung der Fakultät ein. «Die Kompetenz zur Auswahl der richtigen Person für eine Professur liegt in der Fakultät, denn das ist eine sehr fachspezifische Aufgabe», erklärt er.
Gemäss Galli gilt dies auch für die EPFL: Der Vizepräsident, der dieselben Funktionen wie ein Prorektor hat, genehmigt die Zusammensetzung der Kommissionen, wenn die Richtlinien eingehalten werden. Auch wenn er keine genauen Zahlen zur Hand hat, schätzt er, dass der Präsident «im Durchschnitt nur einmal pro Jahr» von seinem Veto gegen eine Kandidatur Gebrauch macht. Die Hochschulleitung kann nicht nur über Vorgaben für das Bewerbungsverfahren Einfluss auf die Professuren nehmen, sondern auch mit den Fakultäten zusammenarbeiten, wenn erfahrene, herausragende Persönlichkeiten direkt berufen werden. Solche Berufungen sind eher selten. Galli schätzt, dass die EPFL seit 2021 nur drei von insgesamt 68 neuen Professuren so besetzt hat. Eine davon war der Mathematiker und Fields-Medaillen-Gewinner Martin Hairer. Laut Loprieno ist dieser Mechanismus in den stärker globalisierten Natur- und Biowissenschaften üblicher als in den Geistes- und Sozialwissenschaften.
Birgt diese komplexe und vielschichtige Einstellungspraxis nicht die Gefahr, intransparent und damit unseriös zu werden? Loprieno verneint. Er findet, dass die Universitäten das Verfahren offenlegen sollten, nicht aber Einzelheiten zu konkreten Fällen. Er ist überzeugt, dass «Transparenz häufig von Personen gefordert wird, die mit den Ergebnissen unzufrieden sind, nicht mit den Verfahren», und dass die Professuren auch aktuell mit hochkarätigen Persönlichkeiten besetzt sind. «Vielleicht wurden nicht dieselben Personen berufen, die man vor 25 Jahren aufgrund ihrer Publikationsliste berufen hätte», führt er aus, «aber ich glaube nicht, dass es deswegen Fehlbesetzungen sind.»