Editorial: Die Lieblinge töten, um Erfolg zu haben
Spin-off-Gründende müssen für den Erfolg durch schmerzhaftes Auswählen und Fokussieren, schreibt Co-Redaktionsleiterin Judith Hochstrasser.

Besser nicht verzetteln: Im Seed Stage präsentieren Spin-offs den Investoren einen Prototyp, um für dessen Weiterentwicklung Geld zu bekommen. | Foto: Lucas Ziegler
«Es war wie ein Abenteuerritt!» Gründer Sreenath Bolisetty erzählte und gestikulierte bei unserem virtuellen Treffen mit ansteckender Leidenschaft vom Auf und Ab seines Spin-offs. Die neue Technologie für Wasserreinigung von Blu-Act Technologies war ab 2018 mit einem grossen Feldtest in Peru sehr gut angelaufen, gefolgt von weltweiten Pilotprojekten und einer Grossanlage in Italien, bis der Kurs durch die Pandemie 2020 jäh gestoppt wurde. Inzwischen hat sich das Spin-off vollends erholt. Das Gespräch mit Bolisetty war eines von insgesamt neun, die ich für das Schwerpunktthema in dieser Ausgabe geführt habe. Ich wollte dafür wissen, wie sich die Start-ups, die wir bereits einmal in der Rubrik «So funktioniert’s» vorgestellt hatten (jeweils auf Seite 13 zu finden), später auf dem realen Markt behauptet haben.
Es waren aufregende Berichte: Manche Interviewpartnerinnen machten den Eindruck, als seien sie direkt vor dem Videotelefon noch im weissen Kittel im Labor gestanden, andere dagegen, als würden sie sich bereits geübt in den Teppichetagen möglicher Grossinvestoren bewegen. Eines aber war bei allen gleich: die Freude, mit der sie mir die Entwicklung ihrer Babys beschrieben. «Vor sechs Monaten hätte ich mir den Zustand, in dem sich das Unternehmen jetzt befindet, nie vorstellen können», fasste es etwa Dimitrios Terzis vom Spin-off Medusoil zusammen, das mit Biozement unter anderem Böden entlang von Strassen und Schienen stabilisiert.
Natürlich hätte ich gerne den Geschichten aller neun Spin-offs viel Raum gegeben. Es tat weh, manche der eindrücklichen Begegnungen aus dem Artikel streichen zu müssen, weil sie nicht in die Zusammenstellung der Beiträge passten. Doch das ist nun einmal das tägliche Brot von Redaktorinnen. Sie müssen oft ihre «Lieblinge töten», wie es im Journalismus so treffend heisst. Sehr ähnlich geht es auch den Gründern von Start-ups: Sie können nicht alle Produkte herstellen, nicht alle spannenden Märkte ansteuern, nicht alle interessanten Kunden annehmen. Lieblingsprojekte zu beerdigen ist schmerzhaft, aber sonst würden die jungen Firmen in Vielfalt untergehen. Bewusste Auswahl und klarer Fokus sind fundamental, für ein stringentes Erzählen wie für ein souveränes Unternehmen.