Editorial: Sei kritisch begeistert!
Bei wissenschaftlichen Expeditionen «ist es durchaus möglich, gleichzeitig selbstkritisch und leidenschaftlich zu sein», sagt Florian Fisch, Co-Redaktionsleiter von Horizonte.

Auch für potentielle Marsmissionen gilt: Es ist möglich, sie kritisch zu hinterfragen und gleichzeitig von den technischen Möglichkeiten begeistert zu sein. Auf dem Bild üben zwei Forscher die relative Isolation in einer Wüste im südlichen Utah. | Foto: Vera Hartmann
Die Mondlandung, Humboldts Reise nach Amerika und sogar das Scheitern von Shackletons Antarktisdurchquerung inspirieren viele bis heute. Kein Wunder, stiess der Vorschlag meiner Redaktionskollegin sofort auf Begeisterung: wissenschaftliche Expeditionen als Fokusthema. Wenn sich Menschen in unbekannte Gebiete vorwagen, um Neues zu lernen, entspricht dies dem Kern von Forschung. Gleichzeitig laden diese Unternehmungen ein auf traumhafte innere Reisen.
Die Redaktion landete aber rasch wieder auf dem harten Boden der Realität. Wir waren überfordert: Worauf sollen wir uns bei all den tollen Themen konzentrieren? Und vor allem: Welchen Platz sollen die negativen Folgen durch den Kolonialismus erhalten? Ich wollte die zum Träumen inspirierenden Geschichten nicht durch Selbstzerfleischung zerstören und diesen Aspekt auf einen einzigen Artikel konzentrieren. Andere bestanden aber darauf, dass Journalismus stets kritisch bleiben und die negativen Seiten der Expeditionen überall mitberücksichtigt werden müssten.
Unsere Lösung können Sie hier lesen. Meine Bedenken haben sich in nichts aufgelöst. Gleichzeitig selbstkritisch und leidenschaftlich zu sein, ist durchaus möglich. Das beweist die Ethnologin Sarah-Lan Mathez-Stiefel im Interview, die zusammen mit indigenen Gruppen in Peru den Einfluss von Landpolitik erforscht: «Man bleibt immer eine Fremde. Trotzdem kann eine solche Begegnung ein gutes Erlebnis für beide Seiten sein.»
Und selbst wenn wir die Aufmerksamkeit den Schattenseiten zuwenden, gibt es Lichtblicke. So widersetzten sich etwa die Brüder Schlagintweit im 19. Jahrhundert in ihren Himalaja-Reiseberichten den herrschenden Konventionen: Sie würdigten die Leistung ihrer Helfer und ernteten dafür den Spott der Presse, wie der Artikel zu den Nebenwirkungen von Expeditionen zeigt. Sehr ambivalent wirkt heute auch die Schmetterlingsforscherin Maria Merian, die Sie im geschichtlichen Rückblick kennenlernen können. Sie stiess um 1700 einerseits emanzipiert und mutig in den Dschungel Surinams vor, hält dabei andererseits ganz selbstverständlich Sklaven.
Aber nun urteilen Sie selbst: Erkunden Sie unseren Fokus und berichten Sie, wie gut uns die Balance gelungen ist.