Laura Bernardi ist Vizepräsidentin des Nationalen Forschungsrats des SNF. | Foto: Université de Lausanne

Kaufmann John Graunt las im 17. Jahrhundert aus Neugier die wöchentlichen Sterbeverzeichnisse Londons. Bald erkannte er wiederkehrende Muster bei Geburten und Todesfällen, etwa deutliche Unterschiede zwischen Stadtvierteln und Hinweise darauf, wo Krankheiten besonders heftig wüteten. Seine 1662 veröffentlichten Beobachtungen wurden zur Grundlage von Demografie und Epidemiologie. Sie zeigen: Wirk-same Gesundheitspolitik beginnt mit dem Zugang zu zuverlässigen Daten – und ihrer kompetenten Interpretation.

Heute sind verlässliche Daten mehr denn je die zentrale Ressource für Innovation. Sie lassen sich in immer grösseren Mengen verarbeiten. Fortschritt ist entscheidend von ihrer Erzeugung, Zusammenführung und Analyse abhängig. Sie sind etwa Grundlage für politische Entscheidungen zu Alterung, Nachhaltigkeit, gesundheitlicher Chancengleichheit, Mobilität oder digitaler Inklusion. Die Bewältigung so komplexer Herausforderungen erfordert umfassende wissenschaftliche Evidenz, die auf hochwertigen Daten beruht. Ohne öffentliche Investitionen und regulatorische Rahmen bleiben Daten jedoch über Institutionen und Sektoren hinweg fragmentiert, zwischen verschiedenen Bereichen inkompatibel oder für Forschung unzugänglich. Da Daten, die kollektiven und langfristigen gesellschaftlichen Zielen dienen, ein Gemeingut sind, muss der Staat ihre Offenheit, zeitliche Kontinuität, ethische Governance und den gleichberechtigten Zugang für Forschung und Öffentlichkeit gewährleisten.

«Ohne Kohortendaten würde es der sozialen Innovation an der empirischen Grundlage mangeln.»

Ein hervorstechendes Beispiel sind Kohortendaten, die über einen längeren Zeitraum Individuen und Gruppen folgen. Sie liefern wertvolle Einblicke in das Zusammenspiel sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Faktoren und lassen langfristige Trends in Bezug auf Gesundheit und Wohlbefinden, Mechanismen hinter Ungleichheiten sowie Auswirkungen von politischen Massnahmen erkennen. Ohne Kohortendaten würde es der sozialen Innovation an der empirischen Grundlage mangeln, die für ihre Wirksamkeit erforderlich ist. Das Sammeln zuverlässiger Längsschnittdaten erfordert stabile, langfristige Investitionen. Heute werden sie hierzulande jedoch, wenn überhaupt, durch kurzfristige Instrumente finanziert, was zu anhaltender Unsicherheit führt.

Der SNF setzt sich für nachhaltige öffentliche Investitionen in die Forschung ein. Daher sollte er auch eine führende Rolle bei der Förderung einer koordinierten nationalen Strategie spielen, mit der Daten im Sinn der sogenannten FAIR-Prinzipien auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar bereitgestellt werden.