Die Mama erzählt eine Kindergeschichte auf Englisch. Die Tochter fragt auf Deutsch nach. Solche Situationen sind Realität in vielen Familien, die in der Schweiz leben. | Foto: Guido Mieth / Getty Images

Die Schweiz ist ein Land der Polyglotten: Fast 40 Prozent der Kinder wachsen in einem mehrsprachigen Haushalt auf, wie aus der jüngsten Erhebung des Bundesamts für Statistik zu Sprache, Religion und Kultur hervorgeht.

Wer mit nur einer Muttersprache aufwächst und sich mühsam die Basis einer weiteren Sprache erarbeitet, blickt bisweilen mit Neid auf diese Kinder, in der Annahme, dass sie sich völlig unangestrengt zwei Sprachen aneignen, spielerisch von der einen zur anderen wechseln und in zwei Kulturen zu Hause sind. Zudem sollen sie auch noch über aussergewöhnliche kommunikative Fähigkeiten verfügen und einfacher Fremdsprachen lernen.

«Mehrsprachige Kinder reagieren sensibler auf nonverbale Signale ihres Gegenübers.»Stephanie Wermelinger

Doch kann die Forschung all dies bestätigen? «Das Kommunikationsverhalten von mehrsprachig aufwachsenden Kindern unterscheidet sich von jenem der Einsprachigen», sagt Entwicklungspsychologin Stephanie Wermelinger von der Universität Zürich. «Sie nutzen Gesten effizienter, reagieren sensibler auf nonverbale Signale ihres Gegenübers und klären kommunikative Missverständnisse häufiger auf.»

Wermelinger erklärt die Unterschiede mit den alltäglichen Erfahrungen. «Um erfolgreich zu kommunizieren, müssen sich mehrsprachig aufwachsende Kinder in einer sehr variablen Kommunikationsumgebung zurechtfinden und ihr Verhalten entsprechend anpassen.»

Missverständnisse mit Elefant Otto klären

Die Psychologin, die zu Mehrsprachigkeit und Kommunikation forscht, beruft sich auf verschiedene Untersuchungen, die ihr Team durchgeführt hat. In einer Studie mit über 100 Kindern, die zwischen zwei und drei Jahre alt waren und entweder einsprachig, mit den zwei Dialekten Schweizer- und Hochdeutsch oder zweisprachig aufwuchsen, kam der Plüschelefant Otto zum Einsatz.

Weil Otto spazieren gehen wollte, zog ihm die Versuchsleiterin zunächst drei Schuhe an. Den vierten behielt sie in der Hand, gab aber vor, ihn zu suchen. Wenn ein Kind helfen wollte und auf den Schuh zeigte, tat die Forscherin so, als deute das Kind auf ein Bild, das hinter ihr platziert war. Sie kreierte ein Missverständnis. Es waren vor allem die zweisprachigen Kinder, die den Irrtum aufklärten. «Sie sind es wohl eher gewohnt, mit Missverständnissen umzugehen», vermutet Wermelinger.

«Heute geht man davon aus, dass es keinen universalen Unterschied gibt.»

In einer weiteren Studie blickte sie auf sogenannte ikonische Gesten, also Hand- und Armbewegungen, die Form oder Bewegung eines Objekts nachstellen. Die Forschenden wollten wissen, wie Kinder im Vorschulalter solche einsetzen. Im Versuch gab es ein Buch mit Bildern verschiedener Objekte. Aufgabe der Kinder war es, der gehörlosen Puppe Lola zu erklären, welches Objekt im Buch zu sehen ist. Wenn Lola das richtige Objekt in die Schatzkiste legte, leuchtete diese auf.

«Mehrsprachige Kinder verwendeten in ihren Gesten häufiger sowohl die Form wie die Bewegung der Objekte», fasst Wermelinger die Resultate zusammen. «Sie gaben Lola also mehr Informationen.» Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, scheinen also ihre kommunikativen Stärken zu haben. Nicht so klar ist die Forschungslage zu den kognitiven Vorteilen.

«Vor zehn, fünfzehn Jahren gab es einen regelrechten Hype», erklärt Wermelinger. «Es hiess, diese Kinder könnten besser planen und koordinieren. Heute geht man davon aus, dass es keinen universalen Unterschied gibt.» Auch die Annahme, dass mehrsprachig Aufgewachsene einfacher Fremdsprachen lernen, ist laut der Forscherin umstritten: «Die Studien dazu fallen unterschiedlich aus.»

Alle kennen gleich viele Wörter

Zu Mehrsprachigkeit gibt es auch sorgenvolle Vorannahmen. Eltern befürchten etwa, dass ihre Kinder dereinst keine Sprache richtig beherrschen und ihnen Wörter fehlen, ja schlimmer noch: dass sie mit dem Sprachengewirr überfordert sind und Störungen davontragen. Hier gibt die Forschung Entwarnung.

So zeigt eine Studie der Universität Zürich, dass zweisprachig aufwachsende Kinder im Alter von drei bis vier Jahren pro Sprache zwar weniger Wörter kennen als einsprachige, ihr konzeptioneller Wortschatz aber gleich gross ist. Dieser umfasst das Vokabular, das entweder in der einen, in der anderen oder in beiden Sprachen verstanden wird.

«Weil die mehrsprachigen Kinder in den Einzelsprachen hinter den einsprachigen Altersgenossen bleiben können, kommt es häufig zu Fehlinterpretationen.»Katrin Skoruppa

Geleitet hat diese Untersuchung Wermelingers Kollegin Anja Gampe. Sie entwickelte dafür extra einen computerbasierten Sprachtest, den fast 900 Kinder aus dem Grossraum Zürich absolvierten. Die Kinder sahen jeweils sechs Bilder und hörten ein Wort. Ihre Aufgabe war es, das dazu passende Bild auf dem Touchscreen anzuzeigen. Bilinguale Kinder führten den Test in zwei Sprachversionen durch.

Auch bei sogenannten Sprachentwicklungsstörungen, also markanten Abweichungen vom altersgemässen Spracherwerb, werden Sprachtests angewendet. Katrin Skoruppa, Logopädieprofessorin an der Universität Neuenburg, rät dabei aber zu Vorsicht. Ihre Mitarbeiterin Salomé Schwob untersuchte jüngst, wie sich Störungen bei fünfbis achtjährigen Kindern feststellen lassen.

Heute eher unterdiagnostiziert

Die Ergebnisse unterstreichen den internationalen Konsens, dass Sprachstandstests für die Diagnose von bleibenden Störungen bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern ungeeignet sind. «Weil diese Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung in ihren Einzelsprachen hinter den einsprachigen Altersgenossen bleiben können, kommt es häufig zu Fehlinterpretationen», erklärt Skoruppa.

Früher sei deswegen oft überdiagnostiziert worden, heute werde eher unterdiagnostiziert. «Weist ein bilinguales Kind im Kindergartenalter sprachliche Schwächen auf, unternimmt man häufig erst mal gar nichts. In der Annahme, dass bloss eine Verzögerung vorliegt.» So aber könnten Störungen unentdeckt bleiben. Die Studie von Schwob und Skoruppa unterstreicht dagegen das Potenzial eines neuen Ansatzes: das dynamische Assessment. Dabei werden Verarbeitungs- und Lernfähigkeiten für neue, unbekannte sprachliche Strukturen untersucht.

Eine solche Analyse des Sprachlernverlaufs könnte im Prinzip auch ohne langwierige Abklärungen in den Alltag integriert werden, erklärt Skoruppa. Sprachschwache Kinder würden direkt in logopädisch angeleitete Fördergruppen aufgenommen und ihre Fortschritte über einen längeren Zeitraum dokumentiert. «Eine anhaltende Stagnation ist dann als klares Zeichen für eine Störung und einen logopädischen Therapiebedarf zu werten.»

Nicht überfordert

Bleibende Sprachstörungen treten bei mehrsprachigen Kindern nicht häufiger auf als bei Monolingualen: «Ich bekomme dieses Vorurteil zwar oft zu hören, doch es gibt keinen kausalen Zusammenhang», sagt Skoruppa. Auch bei Lese- und Schreibschwächen schliesst die Forschung Kausalität aus. «Dyslexie betrifft etwa eine von zehn Personen und wird mit genetischer Veranlagung erklärt», sagt Irene Balboni. Die Neuropsychologin forscht an der Universität Genf und hat jüngst 40 internationale Studien zum Thema «Dyslexie und Bilinguismus» ausgewertet.

Mehrsprachigen Familien werde oft empfohlen, mit ihrem legasthenen Kind nur noch in einer Sprache zu kommunizieren, sagt Balboni. Die Folgen seien schwerwiegend: Die Kinder verlieren den Zugang zu einer Kultur, manchmal die Nähe zu einzelnen Familienmitgliedern. Ohne Not. «Zweisprachigkeit hat keine konsistenten negativen Auswirkungen auf legasthene Kinder.» Sie könne in einigen Bereichen sogar unterstützend wirken, etwa beim Erkennen der phonologischen Struktur einer Sprache.

«Von der Mehrsprachigkeit profitieren sowohl die neurotypischen als auch die autistischen Kinder.»Stephanie Durrleman

Ähnlich verhält es sich bei Kindern im Autismus-Spektrum. «Noch immer geistert der Mythos herum, dass Mehrsprachigkeit diese Kinder überfordert und ihre Entwicklung hemmt», sagt Stephanie Durrleman, Professorin für Linguistik an der Universität Freiburg. «Unsere Studie widerlegt dies klar.» Mehr als 400 ein- und mehrsprachige Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren nahmen an ihrer Untersuchung teil, darunter neurotypische und autistische Kinder.

Die Bewertung ihrer kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten erfolgte mittels detaillierter Fragen an die Eltern und über Aufgaben, welche die Kinder am Tablet durchführten. «Von der Mehrsprachigkeit profitieren sowohl die neurotypischen als auch die autistischen Kinder », bilanziert Durrleman. «Wir sehen Verbesserungen in Bereichen, die bei Autismus oft Schwierigkeiten bereiten.» Dazu gehörten Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, die Perspektive anderer einzubeziehen.

Mehrsprachigkeit diene als eine Art «natürliche Therapie», vermutet daher die Linguistin. Die Forschung belegt also letztlich, dass mehrsprachige Kinder ziemlich ähnliche Voraussetzungen haben wie Kinder, die einsprachig aufwachsen. Zeit, die verschiedenen Vorurteile, Neid und Besorgnis abzulegen und zu Hause einfach entspannt die jeweiligen Muttersprachen fliessen zu lassen.