Vier Mal Mondgeburt aus hundertausenden Trümmerteilen
Bisher wurde angenommen, dass der Mond rasch aus Trümmern des Zusammenstosses von Erde und Theia entstand. Neue Simulationen deuten nun auf einen deutlich komplexeren Entstehungsprozess in zwei Phasen hin.

Ein neuer Blick auf den Erdtrabanten während der Artemis-2-Mission im April 2026. | Foto: Nasa
Ein neues Modell stellt die bisherige Vorstellung von der Entstehung des Trabanten infrage. Nach der klassischen Annahme kam es vor rund vier Milliarden Jahren zu einer gewaltigen Kollision zwischen der Erde und dem Planeten Theia. Der daraus entstandene Trümmerhaufen ballte sich rasch zu einem einzigen Himmelskörper. Nach einer Studie des Astrophysikers Jérémy Couturier an den Universitäten Genf und Rochester (USA) könnte sich der Mond aber in zwei Phasen gebildet haben.
Couturier simulierte die Bahnen von 100 000 Bruchstücken – das ist hundertmal mehr als in früheren Modellen – und berücksichtigte realistischere Prozesse: Bei heftigen Zusammenstössen können Trümmerteile weiter zerbrechen, statt zu verschmelzen oder aneinander abzuprallen. Das Ergebnis: In den ersten Jahrzehnten nach der Kollision könnten aus der Schuttwolke mehrere grosse Körper entstanden sein. Anschliessend wurden diese über einen Zeitraum von 10 000 bis 100 000 Jahren von der Erde weggedrängt und bewegten sich schliesslich in einer Art Bahn. Sie synchronisierten sich, manche Körper stiessen wieder zusammen, manche dagegen wurden aus der Bahn geschleudert. So könnte einzig der heutige Mond zurückgeblieben sein.
Die Dynamik ist chaotisch, der Forscher vorsichtig: Jede der vier Simulationen sei nur «eine Variante unter unendlich vielen anderen». Bereits die Verschiebung eines Trümmerteils um einen Zentimeter könne den Verlauf grundlegend verändern. «Wir wissen noch nicht, ob der Mond ein wahrscheinliches oder ein aussergewöhnliches Ergebnis ist. Um dies zu klären, wären Tausende von Simulationen erforderlich.»