Die 150ste Ausgabe ist publiziert
Seit fast 40 Jahren kommt Horizonte heraus. Wir zeichnen mit Analysen und ausgewählten Höhepunkten die Entwicklung des Magazins nach.

Das erste Layout von Horizonte blieb zehn Jahre unverändert. Nachdem Relaunch von 1998 sah das Magazin dann ganze 15 Jahre lang gleich aus. | Grafik: Bodara
Immer mehr Mensch und Meinung
Seit März 1988 prägt Horizonte den Schweizer Wissenschaftsjournalismus. Das Magazin hat sich dabei stetig weiterentwickelt. 1998 bekam es erstmals ein neues Erscheinungsbild. Der Relaunch fiel mit der Schaffung einer eigenen Redaktion innerhalb des SNF zusammen, nachdem das Magazin zuvor extern gestaltet worden war. Die journalistischere Neuausrichtung brachte einige neue Elemente, die bis heute bestehen: der Fokus mit mehreren Beiträgen zu einem Schwerpunktthema, die Leserbriefe, die Rubrik «Im Bild», Porträts sowie Meinungsbeiträge von Forschenden. Das Layout des Titelblatts blieb nun 15 Jahre lang unverändert. Im Inneren des Heftes kamen aber Ende 2003 Cartoons und eine grössere Zahl kurzer Artikel zu Forschungsprojekten hinzu.
2013 schliesslich gab es eine umfassende optische Neugestaltung. Die inhaltliche Strategie blieb dieselbe, wurde aber schöner verpackt: mit aufwendigeren Illustrationen und einem zweiseitigen Titelbild. Die äussere Veränderung fiel zeitlich eng mit dem eher stillen Einstieg der Akademien der Wissenschaften Schweiz in die redaktionelle Arbeit zusammen. 2017 ging Horizonte online. Die dritte grosse layouterische Erneuerung gab es 2020, als das Magazin seine heutige Form erhielt, mit noch mehr Akzent auf visuell ansprechende Gestaltung. Zudem bekamen Reportagen mehr Raum, es wurden mehr Rubriken zur Forschungspolitik geschaffen.
Alle diese Veränderungen waren auch von Kontinuität begleitet: Bereits die erste Ausgabe erschien auf Französisch und auf Deutsch, und es gab neben institutionellen Informationen und kurzen Artikeln über Forschungsprojekte auch längere Beiträge. Diese widmeten sich immer schon sowohl Themen aus Biologie und Medizin sowie anderen Naturwissenschaften als auch aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Forschungspolitik hat zwar an Bedeutung gewonnen, doch die Balance der Disziplinen blieb.
Ein Konzept, das auf der Überzeugung beruht, dass «das Hinaustragen des Wissens – aus der Sphäre der Forschungsstätten ins breite Publikum – unbedingt erforderlich ist», wie es André Aeschlimann, damals Präsident des Forschungsrates, schon 1988 im allerersten Editorial des Magazins formulierte.

Die Gestaltung mit dem doppelten Titelblatt hielt sich von 2013 an für sieben Jahre. Seit 2020 hat das Design des Magazin seine aktuelle Form und hat damit 2021 den European Magazin Award gewonnen, der Medien auszeichnet, die durch Qualität in Design und Konzeption herausragen. | Grafik: Bodara
Sprachlich nicht komplexer geworden
«Was für die einen Fachchinesisch oder Gelehrten-Kauderwelsch ist, verliert für andere jeden wissenschaftlichen Wert und wird zur unstatthaften fürchterlichen Vereinfachung.» Ein Editorial von 1990 betont die Bedeutung einer angepassten Sprache, um Wissenschaft einem breiten Publikum zu vermitteln.
Wie Horizonte das macht, lässt das kanadische Online-Tool Scolarius erahnen, das die sprachliche Komplexität von Texten etwa aufgrund der Länge von Wörtern, Sätzen und Absätzen bewertet. Die Redaktion hat damit 20 zufällig ausgewählte französischsprachige Artikel zwischen 1988 und 2026 analysiert. Im Durchschnitt entsprechen die Texte dem Sprachniveau der Gymnasialstufe, mit grossen Abweichungen.
Es zeigt sich übrigens keine Korrelation zwischen Themen oder Zeitperioden und sprachlicher Komplexität. Manche Formulierungen sind zwar heute überholt, das Schwierigkeitsniveau blieb aber konstant. Die Entwicklung der Sprache ist aber ein Indikator für gesellschaftliche Veränderungen. Recherchen im Horizonte-Archiv zeigen, dass die Häufigkeit des Begriffs «Forscherin» und Formulierungen wie «Forschende» über die Jahrzehnte zunimmt – parallel zum steigenden Frauenanteil in der Forschungswelt.
Eine Vermutung ist zudem: Horizonte hält angesichts zunehmender Unsicherheit stärker an Zahlen fest. Das Wort «Statistik» kommt seit 2021 jedenfalls eineinhalbmal häufiger vor als von 1991 bis 2000. Die Nutzung von «Krise» hat sich in der gleichen Zeit vervierfacht.

Horizonte wurden bis dato publiziert. Das Magazin wurde zunächst schrittweise dicker: von nur 12 Seiten im Jahr 1988 über 16 Seiten im Jahr 1990 hin zu 20 Seiten im Jahr 1994. Mit dem ersten grossen Relaunch von 1998 wuchs das Heft mit 36 Seiten auf fast den doppelten Umfang. Ende 2012 erhielten zunächst zwei Ausgaben 44 Seiten, bevor das Magazin ab 2013 mit dem neuen Layout nun 52 Seiten stark wurde. Dieser Heftumfang blieb 2020 bei der letzten grafischen Neugestaltung unangetastet.
Seit fast 40 Jahren Dauerbrenner
Seit Horizonte ein wissenschaftsjournalistisches Magazin ist, hat jede Ausgabe ein Spezialthema – etwa Grundlagenforschung oder Demokratie –, dem besonders viele Seiten gewidmet sind. Dieser Fokus beleuchtet jeweils entweder eine gesellschaftlich relevante Entwicklung oder ein brennendes Thema aus der Wissenschaftswelt.
In den vergangenen 150 Ausgaben erreichten manche Themenkomplexe mehrfach Dossierstatus: Klima und Umweltschutz sowie die Digitalisierung belegen mit fünf- und viermal die obersten Ränge. Dicht gefolgt werden sie von Gesundheitssystem und Medizin, der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik sowie dem Wasser, zu denen es je dreimal einen Fokus gab. Zweimal schafften es Migration, die Alpen und wissenschaftliche Experten zum Spezialthema.
Daneben gibt es eine Vielfalt an spezifischeren Themen wie Silizium, Aids, das Cern oder Gleichberechtigung, die sich in einzelnen Artikeln wiederholen. Hier schlägt eindeutig die Grundlagenforschung den grossen Bogen. Sie wird bereits im Editorial der ersten Ausgabe im Jahr 1988 besprochen und bekommt im vorliegenden Heft zum ersten Mal einen eigenen Fokus. Sie wird jedoch nur in 0,6 Prozent aller Artikel thematisiert, seit Horizonte online erscheint. Der Klimawandel dagegen in beachtlichen 3,9 Prozent aller Beiträge seit 2017.

Im Sorgenbarometer 2025 der UBS stehen mit Gesundheit, Umwelt/Klima und Asylpolitik teilweise ähnliche Themen auf den vorderen Rängen. Weit oben finden sich dort aber auch die Altersvorsorge, die Beziehungen zur EU oder die hohen Wohnkosten. Ein Fingerzeig für kommende Schwerpunkte?

So hoch war die höchste Auflage: Die Ausgabe vom September 2019 zum Thema Schule erreichte diese Zahl dank Versand über Lehrerverbände. Generell stieg die Auflage über die Jahre zunächst deutlich an – von knapp 13 000 Exemplaren pro Ausgabe im Jahr 1998 auf über 55 000 im Jahr 2014. Nach einer Phase mit Auflagen von über 50 000 Exemplaren zwischen 2013 und 2020 gingen die Zahlen leicht zurück. 2025 wurden durchschnittlich 42 000 Exemplare pro Nummer gedruckt.
Von Prognosen, die sich erfüllten und Aussagen, die heute überholt sind
«Die Wahrscheinlichkeit einer Epidemie ist nicht klein», so betitelte Horizonte 2004 ein Interview mit Epidemiologin Kathrin Mühlemann. Sie bezog sich dabei zwar auf die Vogelgrippe, doch sprach sie auch über den Erregerstamm, der 2020 die Welt in den Lock-down schickte. Sie hielt schon vor 20 Jahren fest: «Die alten Kontrollmechanismen wie Barrieren schaffen, Leute absondern, Hygiene einhalten haben immer noch eine grosse Bedeutung.»
Und Luciano Maiani, damals Generaldirektor des Cern, vermutete in einem Interview von 2003 korrekt, dass der LHC in Genf das Higgs-Boson «wegen der Anzahl Teilchenkollisionen, die nötig sind», eher entdecken werde als das Fermilab in den USA. Der Rück-blick zeigt: Forschende liegen in ihren Einschätzungen oft richtig.
Manche Forderungen werden zudem, wenn auch mit Verzögerung, aufgenommen. Julia Leemann befand 2008 im Rahmen ihrer Studie zu Gleichstellung in der Forschungsförderung, dass bei der Beurteilung von Lebensläufen Betreuungspflichten anerkannt werden sollten. Ihr Fazit damals: «Das ist noch ziemlich tabu.»
Seit 2022 gilt beim SNF das akademische Alter, das Elternschaftsunterbrüche berücksichtigt. Andere ehemalige forschungspolitische Feststellungen wären heute obsolet. Journalist Roland Fischer resümierte 2016 in einem Beitrag zu Dual Use an Hochschulen: «Viele sind der Ansicht, die Frage nach militärischer Forschung sei eher hypothetisch.» Das hat sich seit dem Angriff auf die Ukraine ins Gegenteil gekehrt. 2025 forderte Dominique Foray von der EPFL in Horizonte: «Die Armeeeinrichtungen müssen mit Innosuisse und dem SNF zusammenarbeiten.»