Auch in basisdemokratischen Gemeinschaften ist Gleichberechtigung stets gefährdet. Wenn jemand mehr besitzt etwa und so im Vorteil ist. Oder schlicht durch diejenigen, die besser argumentieren können. | Illustration: Simon Landrein

Vor meinem Geschichtsstudium habe ich in einer Genossenschaftsbeiz gearbeitet. Alle Entscheide wurden von den Mitarbeitenden im Kollektiv gefällt. Eine aufregende Zeit voller Ideale. Unvergesslich sind auch die Marathonsitzungen zu allen kleinen und grossen Belangen des Betriebs. Einmal ging es darum, wie man kalte Schoggi richtig anrührt. Es gab zwei Lager: Das eine wollte das Kakaopulver in wenig heissem Wasser auflösen, bis die Masse schön flüssig ist, und diese danach mit der kalten Milch vermengen. Das andere dagegen Pulver und kalte Milch direkt mischen. Es gab Argumente: erlesener Geschmack, perfekte Konsistenz. Oder Geschwindigkeit bei Stress. Solche Überlegungen verdienen eine gewisse Auseinandersetzung. Dass sich die Lager aber geschlagene zwei Stunden darüber stritten, war frustrierend.

«Die Gruppierung mit anderen Ansichten wird nur noch als Feind betrachtet, nicht mehr als Teil des mitbestimmenden Demos.»

Selbstverständlich ging es nicht um die Sache. Die beiden leidenschaftlichsten Debattierer rangen schon seit Monaten miteinander um die informelle Vormachtstellung im Kollektiv. Diese basisdemokratische Händelei ist ein Paradebeispiel dafür, was Demokratien einerseits ausmacht, sie andererseits aber zerstören kann. Dass alle sich beratschlagen können, ist ihr Herzstück, sagt Politikphilosoph Francis Cheneval. Doch kann genau diese Möglichkeit missbraucht werden, um sich in die richtige Position zu bringen. Dabei wird oft die Gegenseite kleingemacht, die emotionalen Parolen können bis zu totaler Polarisierung führen. Die Gruppierung mit anderen Ansichten wird nur noch als Feind betrachtet, nicht mehr als Teil des mitbestimmenden Demos.

Das sind die traurigen Auswüchse. Demokratien können zum Glück auch anders funktionieren, etwa ähnlich wie typische Diskurse in den Geisteswissenschaften: Argument und Gegenargument werden beleuchtet. Am Schluss steht manchmal ein Konsens. Der so lange hält, bis jemand bessere Argumente einbringt und Konsens wieder neu ausgehandelt werden muss. So bleibt dieses Wissen dauerhaft in Bewegung. Genau so wie die Demokratie. Wer wissenschaftliche Auseinandersetzung hochhält, bleibt auch im demokratischen Prozess offen für stets neue inhaltliche Debatten. Und wehrt sich gegen Ambitionen Einzelner, durch diese Debatten die Macht an sich zu reissen.