Laut Politikphilosoph Francis Cheneval kennen auch die Irokesen oder die Thembu Mitbestimmung. | Foto: Christian Grund

Francis Cheneval, während des WEF in Davos Anfang 2026 wurde die leuchtende Botschaft «No Kings» installiert. Ein Statement für Demokratie?

Nicht grundsätzlich. Ich würde Kings und Queens nicht als absoluten Gegensatz zu Demokratie sehen, solange es wie in den konstitutionellen Monarchien Europas ein Parlament gibt und Wahlen. Es ging um Donald Trump, der sich aufführt wie ein absolutistischer König. Allerdings ist sein Amt mit sehr viel mehr Macht ausgestattet als dasjenige einer konstitutionellen Monarchin.

Laut Historischem Lexikon der Schweiz wurzelt Demokratie auch in alpinen Gemeinden des ausgehenden Mittelalters. Da sehe ich einen Bogen.

In der Schweiz und den USA wurden Demokratiebestrebungen auch als Unabhängigkeitsbewegungen gegen Könige oder Landvögte gesehen. Demokratie ist bei uns im Kommunalismus verwurzelt. Auch in den USA wurde versucht, an Traditionen anzuknüpfen. Bei den Irokesen etwa gab es Mitbestimmung und Föderalismus.

Demokratie ist die Referenz, mit der wir in Westeuropa andere Regierungssysteme vergleichen. Ist das nicht arrogant?

Arrogant ist, zu meinen, Mitreden und Mitbestimmen würden nur bei uns geschätzt. Nelson Mandela beschreibt in seiner Autobiografie etwa die Entscheidungsprozesse bei den Thembu. Er sagt: Wir hatten Demokratie. Die Männer konnten sich stundenlang beratschlagen, man hörte auf alle. Demokratie ist nicht in Athen erfunden worden. Nur ihr Name. Nun kann man sich fragen, wie weit sie gehen soll.

«Privatsphäre liegt nicht in der Kompetenz demokratischer Entscheidungen.»
Wie meinen Sie das?

Selbst eingefleischte Demokraten wären wohl nicht einverstanden, wenn es Abstimmungen darüber gäbe, wen sie persönlich heiraten sollen. Privatsphäre liegt nicht in der Kompetenz demokratischer Entscheidungen. Aber für viele Bereiche ist das Gefühl stark, dass es besser ist, wenn alle mitbestimmen.

Warum eigentlich?

Ein Gedankenexperiment: Sie wandern jeden Samstag mit demselben Verein. Wohin es geht, entscheidet immer das Präsidium. Jedes Mal finden alle super, was da wieder über sie entschieden worden ist. Die Alternative wäre, dass die Gruppe jede Woche demokratische Entscheidungen darüber fällt, wohin sie wandert. Manchmal passt Ihnen der Entscheid gar nicht. Welches System würden Sie vorziehen? Wie wertvoll ist es, dass Sie mitreden konnten, unabhängig vom Resultat?

Können Sie das auf eine politische Situation anwenden?

Im jährlichen Entwicklungsbericht der Uno schwingen die demokratisch regierten Länder obenaus: beim Zugang zu Bildung, bei der niedrigen Kindersterblichkeit, beim Einkommen. Demokratie ist also instrumentell wertvoll, ihre Resultate sind über die Zeit hinweg am besten, jedenfalls in Bezug auf diese Kriterien. Aber was wäre, wenn mit anderen Regierungsformen diese Kriterien besser erfüllt würden? Das könnte eine aufgeklärte Diktatur sein oder eine künstliche Intelligenz. Wir müssten sie vorziehen, wenn es uns nur um Resultate ginge. Wir müssten sie aber ablehnen, wenn wir es an sich wertvoll finden, dass wir mitbestimmen können.

Seine Gedanken sind frei

Francis Cheneval (63) hält den Lehrstuhl für politische Philosophie an der Universität Zürich inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind etwa Demokratietheorien und die Geschichte des politischen Denkens. Dabei beschäftigt er sich auch mit alternativen Organisationsformen wie Anarchie oder Kreislaufwirtschaft.

Gibt es faire politische Entscheidungsfindung ausserhalb von Demokratien?

Wenn man Fairness als Beteiligungsberechtigung aller definiert, eher nicht. Wenn man Fairness wiederum über Resultate definiert, wäre es möglich, dass aufgeklärte Despoten unter Umständen fairer sind als gewisse Volksentscheide. Der aufgeklärte Despotismus ist aber eine sehr theoretische Annahme. Eine unabhängig regierende Gruppe von Menschen mit Wissensvorsprung und Macht wird diese über kurz oder lang missbrauchen. Rechenschaftspflicht ist ein zentrales Element guter Regierung. Sie ist instrumentell nützlich und an und für sich wertvoll als Ausdruck von Respekt.

Welche Alternativen gibt es noch?

Ich glaube nicht, dass wir die perfekte Form von Demokratie schon gefunden haben. Innovative Formen finde ich daher sehr spannend. Der dezentrale Konsens in der digitalen Welt gehört dazu. Dort gibt es die Decentralized Autonomous Organisations, kurz DAO, innerhalb derer der Konsensmechanismus vom Algorithmus bestimmt wird. Sie treffen Entscheidungen über den Code, das Konsensverfahren und die Verwaltung der Finanzmittel wie etwa Investitionen oder Spenden. Kryptogemeinschaften wie Ethereum und Bitcoin funktionieren damit. Die Blockchaintechnologie basiert allgemein auf dieser Idee. Wenn man allerdings genau hinschaut, welche Token- Besitzer wie viel Stimmgewicht haben, ist es manchmal doch nicht so dezentralisiert.

Kann so ein System überhaupt auf einen Staat übertragen werden?

Vielleicht, wenn wirklich alle gleichermassen Zugang zu den Technologien haben. Sonst gibt es die digitale Spaltung. Das war schon beim E-Voting das Problem. Aber Digitalisierung hat ein enormes Entwicklungspotenzial für Demokratie. In der Schweiz meinen wir ja, wir hätten mit den direkten Volksabstimmungen den Zenit erreicht, aber das glaube ich nicht. Kennen Sie die Theorie der Liquid Democracy?

«Ich erwarte nicht, dass wir die Demokratie neu erfinden werden.»
Nein. Erzählen Sie.

Die Idee: Man hat für einen bestimmten Bereich kein Parlament und keine Volksabstimmungen mehr, sondern jeder von uns hat bei jedem Entscheid eine Stimme. Diese kann man selber verwenden oder delegieren. Die Delegation kann man wieder zurücknehmen. Die Person, an die man sie delegiert, kann sie auch wieder weitergeben. Das System kann aber zu Machtkonzentrationen führen, über die man die Kontrolle verliert. Trotzdem ist es spannend, darüber nachzudenken. Ich erwarte nicht, dass wir die Demokratie neu erfinden werden. Aber ergänzen werden wir sie über kurz oder lang.

Welche Definition von Demokratie ergibt für Sie heute Sinn?

Demokratie ist ein beteiligungszentriertes Entscheidungsverfahren, bei dem sich alle an Beratschlagung und Entscheidung in einer signifikanten Art beteiligen können. Das ist eine sehr allgemeine Definition, mit der ein Kaninchenzüchterverein wie auch ein Staat demokratisch sein können. Wenn ich Demokratie von der Wortbedeutung her anschaue, dann braucht es einen Demos. Es ist aber nicht so klar, was das Volk eigentlich ist und wer dazugehört. Keine einzelne Institution repräsentiert es vollständig.

Zur Frage des Volkes: Üblicherweise wird die Schweiz seit 1848 als liberale Demokratie bezeichnet. Dabei waren Frauen bis 1971 nicht beteiligt.

Das stimmt. Um sich an Beratung und Entscheidung beteiligen zu können, muss man Gründe verstehen und formulieren können. Der generelle Ausschluss der Frauen ist also haltlos. Die Schweiz hatte zwar die demokratischen Verfahren und die Gewaltenteilung, also die institutionellen Instrumente, die zu einer Demokratie gehören. Aber der Demos war viel zu exklusiv und klar diskriminierend definiert. Wir hatten seit 1848 eine Demokratiebaustelle.

«Wenn man die Grundideen der Verfassung konsequent ausbuchstabiert, müssen Sklaverei und Segregation abgeschafft werden.»
Warum kam es doch noch zur Integration von Frauen?

In der Verfassung sind Ideale festgeschrieben oder unterstellt, die längerfristig dazu führen, dass man das System in ihre Richtung reformiert. Jürgen Habermas spricht vom normativen Überschuss. Man hat in der Schweiz erst 1971 anerkannt, was es eigentlich heisst, dass alle mitstimmen dürfen. Ähnliches gilt für die US-amerikanische Verfassung. Sie wurde eingeführt, und gleichzeitig gab es noch Sklaverei. Wenn man die Grundideen der Verfassung konsequent ausbuchstabiert, müssen Sklaverei und Segregation abgeschafft werden.

Viele sprechen aktuell von der Krise der Demokratien. Kann die Situation auch eine Chance sein?

Demokratien haben immer fluktuiert. Ich bin optimistisch. Die Tatsache, dass neue Parteien entstehen, ist eher ein Zeichen dafür, dass die Demokratien funktionieren. Diese Parteien dürfen aber nicht die Institutionen abschaffen, die ermöglichen, dass sie wieder frei abgewählt werden können. So weit sind wir vielerorts noch nicht. Auch wenn es manche immer wieder versuchen. Ich sehe bei den technologischen Entwicklungen die grössten Chancen und Gefahren. Sie sind langfristig viel wichtiger als einzelne Personen oder Parteien.