Editorial: Es braucht nicht nur die strahlende Fassade
Die Erfolgsgeschichten über die Grundlagenforschung repräsentieren nicht die Hauptmotivation der einzelnen Forschenden, sagt Florian Fisch, Co-Redaktionsleiter von Horizonte.

Beim «Zürcher Ressourcen Modell» kommen diese Karten zum Einsatz. Es ist ein Beispiel für eine konkreten Anwendung, die auf Grundlagenforschung zurückzuführen ist. So eine direkte Verbindung lässt sich in der Wissenschaft aber nur selten herstellen. | Foto: Philotheus Nisch
Meine Dissertation wurde von einer grossen Chemiefirma gesponsert. Zusammen mit einem Postdoc von einer anderen Universität sollte ich Verwandte eines potenziell nützlichen Enzyms finden. Das Ziel war, die Aktivität von einem zu beschreiben, damit die Firma nachher damit machen kann, was sie will. Mein Kollege hatte bereits früher angefangen und war sehr effizient. Als ich dann auftauchte, war der Auftrag beinahe erledigt und das neue Enzym fast patentiert. Also fokussierte ich mich auf ein Enzym, mit einer anderen Aktivität, die ich beobachten konnte. So kam ich schliesslich zu meinem eigenen Projekt, hatte doch noch Freude und schaffte eine sinnvolle und publizierbare Entdeckung.
Trotz Finanzierung durch die Industrie könnte man diese Arbeit als Grundlagenforschung bezeichnen. Ich habe in meiner Dissertation und Publikation mögliche Anwendungen betont, so gut ich konnte. Und ich habe Leute zitiert, die bis heute an diese glauben. Aber weder mein Sponsor noch sonst jemand wendet bisher das gewonnene Wissen tatsächlich an, zumindest soweit ich informiert bin. Der Artikel hat auch eine ordentliche Anzahl Zitierungen erhalten – das heisst, er hat immerhin ein paar Leute erreicht, die mit dem Inhalt etwas anfangen können. Kurz: Meine Arbeit ist ein winziges Sandkörnchen im Mörtel irgendwo in der Rückwand eines riesigen Hauses, an dem die Wissenschaft baut.
Die schönen Verzierungen auf der strahlenden Fassade des Hauses sind die klassischen Erfolgsgeschichten, die über Grundlagenforschung erzählt werden, wie Laser, MRNA-Impfungen und andere wichtige Anwendungen. Die sind sicher nicht falsch, aber auch nicht repräsentativ. Die Erfolge liefern zwar wichtige Argumente, damit der Staat, der selbst nicht an Enzym- Patenten interessiert ist, Forschung überhaupt finanziert. Aber sie sind nicht die Hauptmotivation der Masterstudierenden, Doktorierenden und Postdocs in der Grundlagenforschung. Der Fokus dieses Heftes widmet sich ab Seite 14 auch deren ganz persönlichem Antrieb. So präsentiert er neben der Fassade auch die Rückwand des faszinierenden Hauses.