Seilziehen um den richtigen Preis

Ende Dezember 2025 kündigte Swissuniversities, die Dachorganisation der Schweizer Hochschulen, an, dass sie mit dem Verlag Springer Nature keinen Vertrag abschliessen konnte. Seit Anfang 2026 herrscht daher eine «No-Deal-Situation». Das bedeutet: Bis ein neuer Vertrag ausgehandelt ist, können die Forschenden in der Schweiz beim zweitgrössten Wissenschaftsverlag der Welt weder frisch publizierte Artikel lesen noch ihre eigenen Artikel automatisch im Sinne von Open Access für alle frei zugänglich publizieren.

Für den Stillstand sorgen die aktuell üblichen Read-and-Publish-Verträge. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen durch sie eigentlich effizient zirkulieren können, was sie im Augenblick nicht mehr tun.

Meilensteine in der Geschichte des Publizierens wissenschaftlicher Ergebnisse

1665: Das Journal Philosophical Transactions of the Royal Society wird lanciert. Es bietet eine Alternative zum Briefverkehr zwischen Forschenden.

1869: Der Astronom Norman Lockyer gründet die Fachzeitschrift Nature und setzt zunächst auf schnelles Publizieren kurzer Artikel ohne Peer-Review. Dieses wird dort erst 1973 eingeführt.

1951: Der Geschäftsmann Robert Maxwell kauft den Verlag Butterworth-Springer, macht daraus Pergamon Press und das Publizieren wissen­schaftlicher Artikel zu einem Geschäft.

1991: Die Plattform Arxiv zur schnellen Archivierung von Preprints wird auf­geschaltet.

2022: Der Basler Verlag MDPI für Open Access überholt den weltweit drittgrössten wissenschaft­lichen Verlag Wiley bei der Anzahl publizierter Artikel. Er liegt noch hinter Elsevier und Springer Nature.

Forschungsinstitutionen befinden sich weltweit in einem harten Seilziehen um den richtigen Preis für solche Verträge. Durch gemeinsames Auftreten versuchen die Hochschulen, ihren Hebel zu verlängern. Nicht nur in der Schweiz. In Deutschland etwa hielten sie zwischen 2019 und 2023 einen vertragslosen Zustand mit Elsevier aus, dem grössten Wissenschaftsverlag der Welt – mit Erfolg: «Die Preise des deutschen Deal-Konsortiums gelten als Best in Class», sagt Thomas Leibundgut, der für Swiss­universities die Verhandlungen koordiniert.

Doch was ist ein fairer Preis für die Arbeiten der Verlage? Und wofür bezahlen die Forschenden und Hochschulbibliotheken genau? Antworten dazu auf diesen vier Seiten.

Was Publikationsaktivitäten kosten

«Die echten Kosten und Gewinne von Verlagen sind sehr schwer nachzuvollziehen», sagt Claudio Aspesi, früher Finanzanalyst, heute Berater von Hochschulen. «Manchmal frage ich mich, ob die Verlage es selbst verstehen.» Es sind oft Mischunternehmen. Die Relx Group, zu der Elsevier gehört, organisiert Messen, bietet Online-Datenbanken sowie Analyseinstrumente für Recht und Finanzen an.

Um trotzdem eine Idee davon zu bekommen, welcher Arbeits­schritt der Verlage wie viel Aufwand bedeutet, ist die seit 2021 existierende Publikationsplattform Open Research ­Europe (ORE) hilfreich. Denn die Europäische Kommission zahlt ORE einen festen Betrag von 870 Euro pro Artikel. ORE publiziert die eingereichten Artikel zunächst als Preprint – die Peer-Reviews werden später angehängt. Alle Forschenden, die EU-Förderung erhalten, können dort kostenlos Open Access publizieren, ab Herbst 2026 gilt dies auch für alle Forschenden aus der Schweiz.

«Manchmal frage ich mich, ob die Verlage ihre echten Kosten und Gewinne selbst verstehen.»Claudio Aspesi

Einen weiteren Einblick gibt der Verlag Plos, der zwölf Open-Access-Zeitschriften herausgibt und wie die meisten zuerst ein traditionelles Peer-Review durchführt. Wird der Artikel publiziert, zahlen die Forschenden eine Article Processing Charge (APC). Diese ist mit 1900 bis 6300 US-Dollar bei Plos One respektive Plos Medicine deutlich höher als der feste Betrag von ORE.

Die Kosten können jedoch nicht eins zu eins verglichen werden. Denn die APC von Plos müssen auch den Aufwand für die abgelehnten Artikel mittragen. Laut Plos Medicine sind dies immerhin 97 Prozent der eingereichten Artikel. ORE publiziert nach nur formaler Prüfung sämtliche Artikel. ORE und Plos zeigen im Gegensatz zu vielen anderen Verlagen ihre Kosten auf ihre Aufgaben aufgeschlüsselt öffentlich (siehe Grafik 2 oben).

«Die Verlage machen ihre Kostenstruktur nicht transparent, was einen Vergleich verunmöglicht.»Thomas Leibundgut

Inwiefern die Kosten von Plos gerechtfertigt sind, möchte Thomas Leibundgut von Swissuniversities nicht beurteilen: «Die Verlage machen ihre Kostenstruktur nicht transparent, was einen Vergleich verunmöglicht.» Es gebe aber legitime Preisunterschiede zu ORE, insbesondere falls zusätzliche Dienstleistungen angeboten würden wie das fachspezifische Lektorat, eine Statistikberatung oder Abklärungen für Bildrechte. Allgemein findet Leibundgut die Gebühren allerdings eher hoch: «Schliesslich wird die meiste Arbeit von Forschenden ehrenamtlich geleistet.»

Jemand muss für den freien Zugang aufkommen

«Der uneingeschränkte Zugang zu wissenschaftlichem Wissen muss selbstverständlich sein, damit Gesellschaft, Wirtschaft und Forschende es rasch und kreativ nutzen können», sagt Tobias Philipp, Verantwortlicher für Publikationen beim SNF. «Ein Patient kann etwa medizinische Erkenntnisse aus erster Hand erfahren, oder eine Start-up-Gründerin kann Eltern via KI einen einfachen Zugang zum neusten Stand der Pädagogik anbieten.»

Obwohl der Trend weltweit in Richtung mehr Offenheit geht, befinden sich die meisten Fachartikel immer noch hinter sogenannten Paywalls: Bei Science zum Beispiel muss man 30 Dollar zahlen, um ein entsprechendes PDF herunterzuladen. Bei Nature kostet das 29 Euro, wobei damit dann immerhin einen Monat lang alle Artikel aus deren über 50 Fachzeitschriften zugänglich sind. Es wird also schnell teuer, auf dem neusten Stand zu sein.

«Ein Patient kann etwa medizinische Erkenntnisse aus erster Hand erfahren, oder eine Start-up-Gründerin kann Eltern via KI einen einfachen Zugang zum neusten Stand der Pädagogik anbieten.»Tobias Philipp

Viele Hochschulbibliotheken haben deshalb die Abonnemente von Journals übernommen. Doch nicht alle Forschenden weltweit haben zu allem Zugang, geschweige denn Interessierte ausserhalb der Forschung. Wissenschaftlerinnen schicken sich deshalb gegenseitig die PDF zu. Ausserdem stellen Plattformen wie Scihub die Artikel zur Verfügung – oft illegal.

Während der Covid-Pandemie haben die Verlage Fachartikel zur Krankheit freiwillig allen zur Verfügung gestellt und damit den Austausch über­lebenswichtiger Informationen massiv beschleunigt. Um dies auch in normalen Zeiten möglich zu machen, verlangen immer mehr Förderer, dass die Forschenden ihre Artikel automatisch Open Access zur Verfügung stellen.

«Mit 3500 Franken pro Artikel ist es problemlos möglich, Forschenden sehr gute Dienstleistungen anzubieten.»Tobias Philipp

Bei vom SNF geförderter Forschung waren 2023 fast 90 Prozent der Artikel auf diese Weise zugänglich. Doch das kostet weiterhin Geld. Nur dass jetzt nicht mehr die Lesenden oder die Bibliotheken für die Arbeit der Verlage bezahlen, sondern die Forschenden selbst oder ihre Förderer dafür aufkommen müssen.

Der Preis: mehrere tausend Franken pro publiziertem Artikel. Der SNF zahlte 2024 in Einzelfällen sogar über 7000 Franken. Ab 2027 gilt eine Oberlimite von 3500 Franken. «Wir müssen die Kostenentwicklung begrenzen und nachhaltig mit öffentlichen Mitteln umgehen», erklärt Philipp. «Mit 3500 ist es problemlos möglich, Forschenden sehr gute Dienstleistungen anzubieten.»

Und am Ende dreht sich weiter alles um die Reputation

«Viele kritisieren Verlage für den Profit, den sie erzielen», sagt Stefan Gaillard, Doktorand für Wissenschaftsstudien an der niederländischen Radboud-Universität. «Ich sehe das anders. Schliesslich kann ich nicht dem Händler die Schuld dafür geben, wenn ich mehr für ein Auto bezahle, als ich eigentlich möchte.» Im freien Markt können die Kundinnen entscheiden, ob sie kaufen oder nicht.

Üblicherweise werden die Profitmargen von Verlagen allerdings nicht mit denen von Autohändlerinnen ver­glichen, sondern mit denen von Techunternehmen oder teilweise – weniger rühmlich – mit denjenigen im Drogenhandel. Im Jahr 2024 wiesen die drei grössten Verlage Elsevier, Springer Nature und Wiley Margen von 30 bis 40 Prozent aus. «Es ist eines der attraktivsten Geschäfte, die es gibt», sagt Claudio Aspesi, ehemaliger Finanzanalyst und heute Berater von Hochschulen.

«Ich kann ich nicht dem Händler die Schuld dafür geben, wenn ich mehr für ein Auto bezahle, als ich eigentlich möchte.»Stefan Gaillard

Welche Dienste so viel Geld wert sind, ist eine andere Frage. Aspesi urteilt hart: «Wir brauchen Publikations­tätigkeiten, aber wir brauchen dafür keine Verlage.» Gaillard, der selbst eine Fachzeitschrift mit dem klingenden Namen «Journal of Trial and Error» mitgegründet hat, nuanciert: Ja, ein Teil des Preises sei gerechtfertigt durch Publikationstätigkeiten, durch Software, die Arbeiten am Manuskript, die Verbreitung der Artikel, wofür es bezahlte Mitarbeitende brauche. Und dabei koste mehr Qualität auch mehr Geld.

Den anderen Teil des Preises zahle man aber für die Reputation. «Je grösser diese ist, desto mehr kann ein Verlag dafür verlangen», so Gaillard. Das habe wenig mit realen Kosten zu tun. Der einzige Aufwand, der mit der Reputation steige, sei der Fakt, dass mehr Manuskripte eingereicht würden, die verwaltet werden müssen.

«Wir brauchen Publikations­tätigkeiten, aber wir brauchen dafür keine Verlage.»Claudio Aspesi

Besonders für junge Forschende ist es wichtig, bei Fachzeitschriften mit klingenden Namen wie Nature und Science publiziert zu haben, um eine Stelle an einer Hochschule zu erhalten. So bleibt das Verlagswesen ein gutes Geschäft.

Sowohl beim Berufungsverfahren an den Hochschulen als auch in den Verlagen übers Publizieren entscheidet ein kleiner Kreis von arrivierten Forschenden darüber, ob ein Fachkollege dazugehören darf: Kooptation nennt sich das. «Häufig ist da nichts Falsches daran. Das machen Organisationen von der katholischen Kirche bis zur Unternehmensberatung Mckinsey so», sagt Aspesi. Findet jedoch: «Wissenschaft sollte aber eigentlich revolutionäre Ideen fördern.»