Die Anthropologin besucht die spirituellen Tänzer
Sich zu Rhythmus und Melodie zu bewegen, kann mit sich selbst, den Ahnen oder etwas Grösserem verbinden. Das glauben Praktizierende von ekstatischem Tanz. Sozialanthropologin Manéli Farahmand schwebt und wirbelt mit durch Säle und Wälder und erforscht so diese neuen Formen der Spiritualität.

Sich wiegen, hüpfen, einfach gehen oder am Boden sitzen: Nichts ist falsch oder richtig beim ekstatischen Tanzen. Die Sozialanthropologin Manéli Farahmand forscht zu dieser Form neuer Spiritualität. | Fotos: Sébastien Agnetti
Die Reise beginnt. In einem Saal in der Nähe des Bahnhofs Vevey fangen rund zwanzig Tänzerinnen und Tänzer im Alter von 25 bis 80 Jahren an sich zu bewegen. Die Musik ist langsam, meditativ. In der Luft schwebt Saunaduft, Kerzen flackern rund um den Raum. Auf dem Holzparkett wiegen sich einige auf der Stelle, andere gehen umher oder rollen sich auf dem Boden. Auch Manéli Farahmand ist Teil der Gruppe. Mit Leggings und Bluse fällt sie nicht auf. Sie ist Forscherin mitten im Forschungsfeld. Die 30-jährige Sozialanthropologin befasst sich im Rahmen ihres Postdocs damit, wie Spiritualität in der Schweiz zunehmend den Platz von Religion einnimmt.
Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik lag der Anteil der Menschen, die sich als religiös bezeichneten, im Jahr 2024 bei 14 Prozent, während sich 16 Prozent als spirituell beschrieben. Farahmand untersucht, wie diese Spiritualität vermehrt über den Körper vermittelt wird – insbesondere durch Tanz.
Vom Tantratanz zum Schamanismus
In vier Jahren führte die Forscherin von der Universität Freiburg 30 qualitative Interviews zu sogenanntem ekstatischem Tanz durch und nahm an 45 entsprechenden Sessions teil. Bei der Tanzform stehen Wohlbefinden, Kreativität, innere Transformation und Spiritualität im Zentrum. «Für die Teilnehmenden ist der Tanzraum heilig. Sie kommen mit der Idee, das Göttliche in sich selbst zu suchen, einen Raum für sich zu finden und sich mit anderen, ihren Vorfahren oder etwas Grösserem zu verbinden», erklärt sie.
Sufi- und Tantratanz, intuitiver und schamanischer Tanz oder die schöne Wortkombination im französischsprachigen Raum Dansualité: Die Familie der ekstatischen Tänze, deren Wurzeln auf das New York der 1970er-Jahre zurückgehen, ist vielfältig. Die Forscherin hat eine Kartografie für die Schweiz erstellt und ist auf rund dreissig Bezeichnungen gestossen. «Ich war überrascht, dass es so viele sind. Die Kreativität ist gross, von spirituellen bis zu therapeutischen Formen, die auch verschmolzen oder kombiniert werden.»
Farahmand analysiert die symbolische Funktion der Tänze, sie will also verstehen, welcher Wert und welche Bedeutung ihnen kollektiv zugeschrieben werden. «Die Sessions verlaufen oft wellenförmig», resümiert sie. Zuerst gibt es einen Gesprächskreis, dann setzt zunächst langsam die Musik ein und beschleunigt sich allmählich bis zu einer Art Höhepunkt. Dann beruhigt sich der Rhythmus nach und nach, und das Ritual endet mit einem meditativen Moment. Der Aufbau ist immer ähnlich, unterschiedlich sind je nach anleitender Person Stil und Ästhetik.
An diesem Montagabend steht sogenannter freier, bewusster Tanz mit Tabea Serena auf dem Programm. «Wir bewegen uns ohne vorgegebene Regeln und lassen den Körper das tun, wozu er gerade Lust hat», erklärt sie. Für die «Reisen», die sie anbietet, lässt sie sich vom keltischen Rad inspirieren.
Die heutige dreht sich um Imbolc, ein Fest, welches das Erwachen der Natur ehrt. «Es gibt eine Verbindung zur Jahreszeit. Diese lasse ich erahnen durch die Atmosphäre und die Musik, die verschiedene rhythmische Universen durchläuft», fährt die Körperpsychotherapeutin fort. «Als Ritualbegleiterin leite ich die Reise an und schaffe einen freien Raum, in dem sich die Menschen sicher fühlen und sich selber sein können.»
Tatsächlich scheinen die Teilnehmenden von der Sorge befreit, gesellschaftliche Normen beachten zu müssen oder kritischen Blicken anderer ausgesetzt zu sein. Einige schütteln sich, andere durchstreifen hektisch den Raum, während eine Tänzerin sitzen bleibt, den Schal über das Gesicht. Viele haben die Augen geschlossen oder halb geschlossen, als wollten sie «sich mit sich selbst verbinden».
Parallel zum Tanz gibt es drei Stationen: Sie laden dazu ein, Wünsche auf Karten zu schreiben, ein persönliches Reinigungsritual mit Wasser zu gestalten, das «im Vollmond und im Sonnenlicht aufgeladen» wurde, und Samen oder Holzperlen auf einem handgefertigten Altar niederzulegen.
Farahmand war anfangs darüber erstaunt, wie wichtig die physischen Elemente – auch der Körper – bei den ekstatischen Tänzen sind. «Das Materielle ist überall mit einer spirituellen Konnotation präsent. Man sieht deutlich, dass es sich nicht um einen säkularen Tanzraum handelt. Der Körper fungiert wie die Gegenstände als Mittler zu symbolischen Welten.»
Schweifender Blick
Farahmand informiert jeweils sowohl die Ritualbegleiterinnen als auch die Teilnehmenden über ihre Forschung. Oft erhalte sie «sehr begeisterte» Reaktionen. Tatsächlich kommen auch am Ende dieser Session mehrere Personen spontan auf uns zu. Ein Teilnehmer erzählt, dass er hier «nach der Arbeit auf andere Gedanken kommt», eine andere schätzt die «therapeutische Tiefe», eine dritte finde «Heilung » und «Verbindung zur Erde».
Für Serena ist die Anwesenheit der Forscherin kein Problem. «Ich kenne Manéli Farahmand in erster Linie als Tänzerin der Gruppe. Sie war bisher immer respektvoll, und das ist alles, was die Teilnehmenden brauchen.» Sie sei «sehr glücklich», Besuch zu empfangen. «Die Leute sollen sehen, dass es einfach sein kann, sich selbst zu sein», lächelt sie. Sie bittet jedoch immer darum, dass jeder und jede mittanzt – das gilt für die Journalistin ebenso wie für die Forscherin. Nur für den Fotografen gibt es heute eine Ausnahme.
Sicht selbst nicht verlieren
Die Musik ist leicht und beschwingend. Manche Tänzer und Tänzerinnen hüpfen, manche bewegen sich zu zweit. Eine junge Frau dreht sich wie ein Derwisch. Farahmand folgt dem Rhythmus innerhalb des Rahmens, den sie sich selbst gesetzt hat. «Ich stelle mich selten in die Mitte des Raumes. Einzig wenn eine Übung das erfordert oder wenn eine andere Tänzerin mich dorthin führt. Aus forschungsethischer Perspektive fände ich es unangebracht, im Zentrum des Geschehens zu stehen», erklärt die Sozialanthropologin. Sie versuche, sich «so weit wie möglich in die Gruppe einzufügen, ohne sich dabei selbst zu verlieren».
Farahmand ist in teilnehmender Beobachtung geschult und daran gewöhnt, während der Tanzsession keine Notizen zu machen. «Ich präge mir die Worte der Ritualleiterin, die Raumanordnung und die markanten Elemen- te ein und notiere dann alles am Ende oder nehme eine lange Audionachricht auf.» Um mit der «notwendigen Diskretion und dem nötigen Respekt» zu arbeiten, hat sie «eine Beobachtungsmethode entwickelt, bei der mein Blick gleitet und das Geschehen erfasst, ohne zu starren».
Tanzen ist für Farahmand sehr natürlich, da sie schon lange Modern Jazz und Contact Improvisation praktiziert. Die Herausforderung bestünde vielmehr darin, «ein Umfeld zu untersuchen, in dem sich alle bewegen und man selbst in Bewegung ist». Sie muss sich zudem immer wieder an neue Umgebungen anpassen. Sessions dauern bis zu vier Stunden und finden an unterschiedlichsten Orten statt, etwa im Wald.
«Einmal gab es eine Übung, bei der wir unsere Stimme öffnen sollten. Einige Teilnehmende schrien so laut, dass ich mich selbst nicht mehr hören konnte – das war schwierig», erzählt Farahmand, die zugibt, bei gewissen Übungen zu zweit oder in bestimmten Gruppen «Unbehagen» verspürt zu haben.
In einem leichten Trancezustand
«Ein anderes Mal schienen sich die Leute sehr gut zu kennen, es herrschte eine Art Clangeist mit viel Körperkontakt und Menschen, die übereinander rollten», erinnert sie sich. «Ich fühlte mich ständig von mir selbst abgetrennt und war unfähig, mich auf die Stimmung einzulassen.»
Umgekehrt geschieht es auch bisweilen, dass sie «Wohlbefinden» verspürt oder in «leichten Trancezustand» gerät. Diese sowohl angenehmen als auch unangenehmen Empfindungen veranlassen sie, über den Platz ihres Körpers als Forscherin nachzudenken.
Kritik des leistungsfähigen Körpers
Die Sozialanthropologin bespricht ihr Fazit in einem Buch. Dabei fokussiert sie auf die Philosophie der ekstatischen Tänze, die das Modell des leistungsfähigen Körpers kritisiert. Sie würden einen «erlebten und empfindsamen Körper» wertschätzen und bildeten eine «Subkultur, die auf ganzheitliche Gesundheit und Vitalität ausgerichtet ist». Bewegung werde mit Befreiung, Reinigung und Wohlbefinden verbunden.
In Vevey wird die Musik wieder leiser. Alle legen sich für ein paar Minuten Meditation hin. Dann beendet Tabea Serena die zweieinhalbstündige Session. «Ich lade dich ein, langsam deine Umgebung wieder bewusst wahrzunehmen», flüstert sie. Die Augen öffnen sich, etwas Subtiles geschieht, vielleicht die Rückkehr zum öffentlichen Ich nach einem langen Eintauchen in sich selbst. Farahmand wird ihre Beobachtungen in ihren Notizen festhalten.









