Forschung nicht nur für die Katz
Haustiere schenken uns viel Freude, bringen aber auch viel Verantwortung. Die Wissenschaft untersucht, wie wir mit ihnen interagieren und sie gesund halten können. Sechs Beispiele.

Hunde und Katzen sind in der Schweiz stark beforscht. Andere Tiere weniger. | Illustration: Laura Junger
Heulen geht besser als Bellen
In einem Wolfsrudel müssen die Tiere miteinander kooperieren – bei der Aufzucht der Jungen, der Jagd und der Verteidigung des Reviers. Die Grundlage dafür ist eine gute Verständigung durch Laute und Körpersprache. Die Situation bei Haushunden ist anders: Sie leben mit Menschen zusammen und sind nicht auf Kooperation mit Artgenossen angewiesen.

«Es liegt deshalb nahe, dass Hunde im Laufe der Domestizierung diese Fähigkeit etwas verloren haben», sagt die Verhaltensforscherin Gwendolyn Wirobski von der Universität Neuenburg. Sie untersucht derzeit, ob Hunde im Vergleich zu Wölfen weniger effektiv miteinander kommunizieren und kooperieren. Hierfür arbeitet sie mit dem Wolfforschungszentrum der Veterinärmedizinischen Universität Wien zusammen. Die Forschenden vergleichen dort Wolfsrudel mit Gruppen von Haushunden, die unter gleichen Bedingungen aufgewachsen sind. Beobachtet wird etwa, wie die Tiere auf fremde Geruchsmarkierungen reagieren oder ob sie bei der Beschaffung von Nahrung zusammenspannen.
Bisherige Ergebnisse weisen darauf hin, dass Hunde sich tatsächlich weniger gut untereinander verständigen als Wölfe. Allerdings haben sie durch die Domestizierung andere kommunikative Fähigkeiten dazugewonnen – so können sie Worte und Gesten von Menschen besser deuten als ihre wilden Vorfahren.
Katzendarm in Petrischale
Etwa ein Drittel aller Menschen ist chronisch mit Toxoplasmose infiziert. Der parasitäre Einzeller kann während der Schwangerschaft Komplikationen verursachen. In die Umwelt gelangen die Erreger über den Darm von Katzen, wo sich sogenannte Oozysten bilden, die dann mit dem Kot ausgeschieden werden. «Dieser Schritt wäre einer der besten Zeitpunkte, um die Ausbreitung zu stoppen», sagt die Zellbiologin Chandra Ramakrishnan von der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich.

Um die Vorgänge besser zu verstehen, müsste man Katzen infizieren. Das sei ethisch nicht zu verantworten, so Ramakrishnan. Die Forschenden wollen deshalb die Schleimhautzellen des Dünndarms im Labor züchten und mit Toxoplasmose infizieren. Dann könnten sie die molekularen Abläufe aufklären, die zur Oozysten-Bildung führen – und Methoden entwickeln, dies zu verhindern. An der Etablierung eines solchen Modells sind schon viele gescheitert. Das Zürcher Team hofft nun auf den Durchbruch.
Slow Food für Pferde
«Die Offenstallhaltung bei Pferden ist sehr zu empfehlen», sagt Verhaltensforscherin Marie Roig-Pons von der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern. Dabei stehen die Tiere nicht einzeln in Boxen, sondern teilen sich Weide und Unterstand. «Dies entspricht ihren natürlichen sozialen Bedürfnissen.» In der Schweiz ist etwa die Hälfte der Pferde so unterbracht, für Jungtiere ist es vorgeschrieben. Doch ein Problem ist das Futter: Steht es frei zur Verfügung, so fressen sich einige Tiere Übergewicht an. Gibt es jedoch wie traditionell üblich tagsüber drei Mahlzeiten während zweier Stunden, so kann es zu Streit und Verletzungen kommen. Zudem befürchten manche, dass die lange nächtliche Phase ohne Futter Magenprobleme verursacht.

Roig-Pons hat deshalb am Schweizer Nationalgestüt von Agroscope in Avenches eine neue Strategie getestet: sechs Mahlzeiten während einer Stunde, verteilt über 24 Stunden. In einem Offenstall mit 17 Stuten beobachtete sie, wie sich die verschiedenen Fütterungsmethoden auf die Gruppendynamik und das Wohlbefinden auswirkten. Überraschenderweise hatten die kleinen Portionen keinen positiven Effekt im Vergleich zur traditionellen Fütterung. «Möglicherweise interferieren die nächtlichen Mahlzeiten und das nur einstündige Zeitfenster mit dem Liegeverhalten und der Gruppen-Interaktion», überlegt Roig-Pons. Am besten schnitt das sogenannte Slow Feeding ab. Hier ist das Futter zwar frei verfügbar, aber beispielsweise so in Netze verpackt, dass die Pferde es nur sehr langsam konsumieren können.
Hundeleben bei Römern
Bei Ausgrabungen der römischen Siedlungen Augusta Raurica und Vindonissa kamen in Brunnen auch Hundeknochen zutage. Deren Analyse ermöglichte einen einzigartigen Einblick in die Lebensumstände dieser Tiere vor fast 2000 Jahren. «Es schien ihnen erstaunlich gut zu ergehen», sagt Ben Krause-Kyora von der Christian-Albrechts-Universität Kiel, der an diesem Projekt der Universität Basel beteiligt war. In den Knochen der 31 untersuchten Tiere fanden sich keine Spuren von Krankheitserregern. Chemische Analysen zeigten eine ausgewogene Ernährung mit viel tierischem Protein – möglicherweise bekamen sie die Reste der Mahlzeiten ihrer Frauchen und Herrchen.
Unterschiedliche genetische Linien sprechen dafür, dass schon damals eine Vielfalt an Hunderassen existierte. Neben Wach- und Hütehunden gab es wohl auch Tiere, die wie bei uns zur Familie gehörten. Drei der Hunde waren sehr kurzbeinig, einer hatte einen extrem kurzen Kopf − was an moderne Zwerghunde erinnert. Rätselhaft bleibt, warum die toten Hunde in Brunnen geworfen wurden.
Für gesunde Haut beim Büsi
Jede Woche treffen Anfragen aus aller Welt bei Tosso Leeb ein. Es geht um die Abklärung von rätselhaften Hauterkrankungen bei Katzen und Hunden. An der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern sucht er nach genetischen Ursachen dafür. Sein Team hat bei diesen Tieren schon über fünfzig erbliche Fälle geklärt.Zum Beispiel bei zwei kalifornischen Strassenkatzen, die unter einer gestörten Funktion der Talgdrüsen, Haarausfall und Augenproblemen litten. Die Analyse fand einen Gendefekt, der den Fettstoffwechsel beeinflusst. Da sich dadurch die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit ändert, sind neben der Haut auch die Augen betroffen.

Die meist seltenen Erkrankungen kommen in der Rassezucht öfter zum Vorschein. Denn die dafür notwendige Inzucht macht es wahrscheinlicher, dass ein Kätzchen von Mutter und Vater das gleiche defekte Gen erbt. Aber: «Ist der Gendefekt einmal identifiziert, können die Paarungen so gesteuert werden, dass es keine kranken Nachkommen mehr gibt», so Leeb. «Seriöse Zuchtstätten arbeiten deswegen gerne mit uns zusammen.» Die Forschung liefere auch neue Erkenntnisse zu Hautkrankheiten beim Menschen, denn die biologischen Mechanismen seien sich sehr ähnlich.
Auch Meerschweinchen!
In der Schweiz leben etwa genauso viele Meerschweinchen, Hamster und andere Kleinnager wie Hunde – nämlich über eine halbe Million. Trotzdem gibt es hierzulande sowie anderswo kaum wissenschaftliche Forschung zu deren Gesundheit. «Es ist sehr herausfordernd, dafür die Finanzierung, qualifizierte und motivierte Forschende sowie genügend Daten von hoher Qualität zu finden», sagt Dan O’Neill, ein auf Haustiere spezialisierter Epidemiologe am Royal Veterinary College im britischen Hatfield.

Dass sich der Aufwand lohnt, zeigt eine unter seiner Leitung durchgeführte Studie. Sie wertete Akten von über 50 000 Meerschweinchen in tierärztlicher Behandlung in Grossbritannien aus. Über ein Viertel der Tiere hatte zu langen Krallen, was auf zu wenig Bewegungsmöglichkeiten hinweist und Schmerzen und Entzündungen verursachen kann. Je etwa fünf Prozent litten unter der Hautkrankheit Ringwurm oder einem Hornhautgeschwür am Auge. «Unsere Resultate können zu einer besseren Versorgung beitragen», so O’Neill. «Das grösste Gesundheitsrisiko für Meerschweinchen sind eigentlich wir Menschen, denn wir bestimmen ihre Umgebung und Ernährung.»
Er glaubt, dass die Ergebnisse auch auf andere europäische Länder übertragbar sind, da die Meerschweinchenhaltung überall recht ähnlich ist. Sein Institut führt auch Studien zu anderen Kleintieren wie Kaninchen durch, die auf Daten aus tierärztlichen Praxen beruhen.