Beobachter im Dschungel der Finanzmärkte
Sein Forschungsgebiet liegt praktisch vor der Haustür: Stefan Leins beschäftigt sich mit Finanzmärkten und entkräftet damit das Klischee des Sozialanthropologen, der in fernen Ländern Stammesriten beobachtet.

Stefan Leins sieht sich als Kind der Finanzkrise und versteht Finanzanalysen als Schöpfer von Geschichten, die dem Geschehen auf dem Markt Deutung verleihen. | Foto: Ulrike Meutzner
Manche Rechnungen sind ziemlich einfach – zumal für einen jungen Mann, der sein Studium finanzieren muss: Es waren die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts, der Finanzplatz Zürich bot viele Jobs für Ungelernte – Computerarbeiten, Archivieren. Der Stundenlohn war höher als in einer Bar. Der Anthropologiestudent Stefan Leins wählte den besseren Verdienst.
Dass dieser Entscheid dereinst sein Berufsleben massgeblich prägen sollte, ahnte er damals nicht. «Ich habe im Back-Office einer amerikanischen Investmentbank ein paar administrative Sachen gemacht, interessierte mich aber nicht besonders dafür, was die Leute tun. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das in irgendeinem Zusammenhang zu meinem Studium stehen könnte.»
Dann kam die Finanzkrise 2007. «Das war ein Gamechanger», sagt Leins. Plötzlich zeigte sich: «Da passiert etwas, das eine enorme gesellschaftliche Relevanz hat.» Staaten am Rand des Bankrotts, zunehmende Ungleichheit, steigende Arbeitslosigkeit – mit Auswirkungen auf den Alltag vieler Menschen.
Für ihn wurde klar: Was sich da gerade in abstürzenden Aktienkursen manifestiert, lässt sich eben doch mit seinen Studieninteressen verbinden. «Ich bin ein Kind der Finanzkrise. Meine gesamten Forschungsinteressen haben sich dadurch entwickelt.»
Besser nicht im Wollpullover
Anthropologen, so das Klischee, untersuchen in fernen Weltgegenden Stammesriten, Glaubensvorstellungen, ethnische Besonderheiten. Es gibt aber auch die, die Feldforschung an der Wall Street, am Zürcher Paradeplatz oder im Londoner Finanzdistrikt betreiben. Unter dem Eindruck des wirtschaftlichen Zusammenbruchs wollte Leins nun einer von letzteren werden. Doch der Weg dorthin war kein Spaziergang. «Ich habe sehr viele Banken mit meiner Forschungsidee kontaktiert und nur Absagen erhalten.»
Der mögliche Kontrollverlust über das, was aus dem Inneren einer Bank publik wird, scheint vielen zu heikel gewesen zu sein. Die Forschungsfreiheit war schliesslich zentral: «Ich konnte ja nicht riskieren, zwei Jahre zu investieren und am Schluss nichts publizieren zu dürfen, weil die Bank ihr Veto einlegt», erklärt er.
In Jamaika Interesse an sozialen Ordnungen gefunden
Stefan Leins, geboren 1980 in der Region Zürich, reiste nach der Matur für mehrere Monate nach Jamaika, wo er in einem ländlichen Gebiet lebte – eine Erfahrung, die sein Interesse an Kultur, Alltag und sozialen Ordnungen prägte. Danach studierte er Ethnologie, Geschichte und Arabistik an der Universität Zürich.
Er war Gastforscher in London, lehrte an den Universitäten Liechtenstein, Luzern, Trondheim und Zürich und war von 2019 bis 2024 Professor für Ethnologie an der Universität Konstanz. Heute ist er Professor für Sozialanthropologie und Co-Direktor des Departements für Sozialanthropologie und Kulturwissenschaftliche Studien an der Universität Bern.
Schliesslich klappte es: Für seine Dissertation arbeitete Leins zwei Jahre lang in einer Schweizer Grossbank – nicht als externer Beobachter, sondern als Teil des Analystenteams, weil man von seinem Wissen zu islamkonformen Finanzprodukten profitieren wollte. Drei Tage pro Woche erstellte er Berichte, nahm an Sitzungen teil und verfasste Marktanalysen; an den übrigen Tagen schrieb er an seiner Doktorarbeit. Gleichzeitig beobachtete er den Alltag der Finanzanalysten ethnografisch: wie sie Prognosen entwickelten, miteinander diskutierten, zweifelten, spekulierten.
Sein Vorteil: «Ich kannte die kulturellen Codes.» Er wusste, dass ein ausgeleierter Wollpullover und verwaschene Jeans eher nicht goutiert werden, kannte die Sprache seiner Arbeitskollegen, ihre Umgangsformen. Trotzdem blieb Leins ein Exot. Er kam aus einer anderen Welt, war politisch eher links geprägt. Vor dem 1. Mai musste er sich deshalb auch mal Sprüche anhören: «Wir wollen dann in der Zeitung kein Bild von dir sehen, wie du im schwarzen Block mitmarschierst.»
Sogar Astrologie wird herangezogen
Aus dieser zweijährigen Feldforschung entstand seine Dissertation und später das Buch «Stories of Capitalism». Darin richtet er den Fokus auf die Bedingungen, unter denen Finanzakteurinnen und -akteure handeln. Seine Beobachtung: Die Menschen in Banken sind entgegen gängiger Vorurteile keine amoralischen Figuren, viele ringen durchaus mit dem, was sie tun – zugleich bewegen sie sich in einem System, das bestimmte Entscheidungen nahelegt und andere kaum zulässt. «Der Kapitalismus formt Menschen dazu, nach einer ökonomischen Ordnung zu funktionieren», sagt er. Und diese Logik stünde manchmal im Widerspruch zur eigenen ethischen Intuition.
Heute ist Leins Professor und Co-Direktor des Departements für Sozialanthropologie und Kulturwissenschaftliche Studien der Universität Bern. Sein Forschungsfeld sei nicht so abwegig, wie es für Aussenstehende wirken mag. Entscheidend für die anthropologische Perspektive sei nicht der Ort, sondern die Frage, wie Menschen handeln, wie sie Entscheidungen begründen und welche Geschichten sie sich selbst darüber erzählen.
In seiner Dissertation lautete die Frage etwa: Warum sitzen hochbezahlte Analystinnen täglich vor Bildschirmen, obwohl sie den Markt letztlich nicht besser vorhersagen können, als wenn jemand eine Zufallsprognose erstellt? Leins’ Antwort klingt paradox: «Diese Analysten gibt es nicht, weil der Markt voraussehbar ist, sondern genau, weil er es nicht ist.» Es gehe weniger um Vorhersage als um Deutung. Um Geschichten, die Ordnung schaffen – das, was oft als Narrativ bezeichnet wird.
Das ist nicht unbedingt das Bild, das Banken von sich selbst vermitteln wollen. Wenn Finanzfachleute ihre Prognosen erklären, sprechen sie von Modellen und Berechnungen. Wer sie so nahe begleitet, wie es Leins getan hat, sieht weitere Dimensionen: «Manchmal wird sogar mit Astrologie argumentiert», erzählt er – Dinge, die in Experteninterviews nie auftauchen würden.
Die eigene Position verschwindet nicht
Stellt sich die Frage: Wie können bei dieser Art Feldforschung überhaupt Aussagen gemacht werden, die über eine subjektive Einschätzung hinausgehen? Ein berechtigter Einwand, wie Leins einräumt. «Ich bin mein eigenes Forschungsinstrument. Die eigene Position verschwindet nicht.» Ob er als Mann, als Schweizer, als Akademiker im Feld sitzt, beeinflusst, was er sieht und was ihm gesagt wird. Der Fachbegriff dazu lautet: Positionalität. «Meine Beobachtungen sind kulturell geprägt. Und unsere Resultate sind unsere Interpretationen.»
Seine Strategie: Anstatt die eigene Perspektive zu verstecken, legt er sie offen. Transparenz ersetzt so den Anspruch auf Objektivität. Qualititative Feldforschung mit teilnehmender Beobachtung liefert keine schnellen Antworten und Lösungen. Aber sie macht sichtbar, was sonst leicht übersehen wird: wie ökonomische Logiken in den Alltag einsickern, wie Menschen sich an Systeme anpassen, die sie selbst nicht gemacht haben.
Es bleibt aber nicht nur beim Beobachten. Leins erstellt auch Berichte und Gutachten, etwa zu Rohstoffhandel oder Lieferketten, die in politische Prozesse einfliessen. Es gehe ihm dabei weniger um fertige Rezepte als um neue Blickwinkel. «Wir können zeigen, dass vieles, was als naturgegeben erscheint, menschengemacht ist», sagt er. «Vieles, was wir als selbstverständlich empfinden, könnte auch anders sein.»
Diese Haltung spiegelt sich auch in einem aktuellen Forschungsprojekt: Mit seinem Team untersucht er derzeit die Kulturen in Bereichen, wo spekuliert wird, etwa im Rohstoffhandel oder bei Kryptowährungen. Die Arbeitsverhältnisse sind dort oft prekär. Er interessiert sich zum Beispiel dafür, wie die Leute mit einer unsicheren Zukunft umgehen.
Unsicherheiten sichtbar machen
Angesichts der Weltlage dürfte das ein Thema sein, das viele umtreibt. Einfache Antworten werden Leins und seine Kolleginnen und Kollegen zwar wohl auch dieses Mal nicht liefern, für Leins liegt die Motivation für seine Arbeit jedoch genau darin, solche Unsicherheiten sichtbar und verständlich zu machen. «Ich brenne für das, was ich mache. Ich finde es sinnvoll und relevant.» Dazu gehört für ihn auch das Miteinander im Departement. «Ich bin verantwortlich für die Leute, die mit mir arbeiten», sagt er.
Darunter versteht er vor allem Präsenz und Ernsthaftigkeit im Umgang miteinander: «Beides wird im akademischen Betrieb extrem unterschätzt.» Er kenne die Probleme aus seinen eigenen Erfahrungen im Mittelbau und versuche bewusst, Fehler nicht zu wiederholen. Für ihn heisst das nicht zuletzt, die Leistungen seiner Mitarbeitenden zu würdigen und auch nach aussen zu tragen: «Ich will nicht der alte Mann werden, dessen Name überall stehen muss», sagt er. «Ich habe Doktorierende und Postdocs, die viel cleverer sind als ich.»