PRIVATE FORSCHUNGSGELDER
Nicht einfach ein Weihnachtsgeschenk
Forschung wird zunehmend auch durch gemeinnützige Organisationen oder Unternehmen finanziert. Solche privaten Mittel können Lösungen für Finanzierungslücken bieten, aber auch die akademische Freiheit gefährden.

Als Präventionsmassnahme ist das Design von Zigarettenschachteln in vielen Ländern stark reguliert. Forschung dazu, ob neutrale Verpackungen das Rauchverhalten vermindern, wird von Philip Morris International unterstützt. | Foto: Radharc Images / Alamy Stock Photo
Zwei Tage vor Weihnachten 2024 schickte Francesco Pepe, Astrophysiker und damaliger Leiter des Departements für Astronomie der Universität Genf, mutig eine E-Mail an Nick Hayek, CEO der Swatch Group. Er fragte nach deren Interesse, die Erkundung der Atmosphäre von Exoplaneten zu unterstützen. Seine Forschungsgruppe hatte für das Projekt bereits 1,5 Millionen Franken an öffentlichen Geldern erhalten. «Doch wir schafften es einfach nicht, den innovativsten Teil zu finanzieren», erinnert sich Pepe. Einige Monate später stellte Swatch für das Projekt namens Ristretto 3,5 Millionen Franken bereit. «Es war das erste Mal in 30 Jahren, dass wir private Gelder erhielten.»
Neu sind private Förderungen in der Wissenschaft nicht, doch das Ausmass hat sich verändert. Laut einer Umfrage von CH Media aus dem Jahr 2024 sind an den zwei ETH und den zehn Schweizer Universitäten 162 von insgesamt über 4500 Lehrstühlen privat finanziert – mehr als 20 zusätzliche seit 2019. Zahlen des Bundesamts für Statistik bestätigen: Private Finanzierungen an Hochschulen liegen im Trend. Sie sind von 125 Millionen Franken im Jahr 2000 auf fast 900 Millionen im Jahr 2023 gestiegen. Die Entwicklung dürfte anhalten, da der Bundesrat die Mittel für Bildung, Forschung und Innovation um Hunderte Millionen Franken pro Jahr kürzen will.
Viele private Geldgeber haben philanthropische Ziele. Das Unternehmen Swatch und das Ristretto-Team etwa vereinbarten lediglich, dass Swatch in einem allfälligen Paper genannt würde. «Auf das Projekt selber nahmen sie keinen Einfluss», versichert Pepe. Dennoch könnten gewisse Player die Hochschulen für eigene Interessen einspannen und die Grundwerte der Forschung tangieren: Integrität, Freiheit und Glaubwürdigkeit. Luciana Vaccaro, Rektorin der Fachhochschule Westschweiz und Präsidentin von Swissuniversities, dem Verband der Schweizer Hochschulen, ist überzeugt: «Es ist in Ordnung, wenn von 300 Lehrstühlen eine Handvoll privat gesponsert sind. Wenn wir uns jedoch im grossen Stil auf solche Gelder abstützen, geht die Unabhängigkeit verloren.»
Philanthropie kann Haken haben
2012 stellte die UBS der Universität Zürich 100 Millionen Franken zur Verfügung, was für Aufsehen sorgte. Die Spende ermöglichte den Aufbau des UBS Center of Economics in Society. Zunächst war der Vertrag für die Öffentlichkeit nicht einsehbar. «Ich war schockiert, dass dies in den Medien kaum kommentiert wurde», kritisiert Markus Müller, Professor für öffentliches Recht an der Universität Bern. In einem Appell zum Schutz der akademischen Unabhängigkeit sammelte er weltweit über 1600 Unterschriften. Später wurden die Bedingungen für das Rahmenabkommen offengelegt.
In der Schweiz gibt es über 13 000 gemeinnützige Stiftungen und rund 230 Stiftungen von Unternehmen. «Wir können uns glücklich schätzen, dass es so viele sind», findet Olaf Blanke, Neurologe an der EPFL. Die Stiftung Bertarelli unterstützte 2012 den Aufbau des Center for Neuroprosthetics, dazu gehört der Lehrstuhl von Blanke. Er betont, dass die Zuwendung ohne Auflagen erfolgte und «das Zentrum sonst nicht möglich gewesen wäre». Wie Blanke sehen viele Forschende und Institutionen private Finanzierung als Mittel, um hohes wissenschaftliches Niveau zu erreichen und translationale Forschung zu betreiben, wenn öffentliche Gelder fehlen.
Müller hält gemeinnützige Unterstützung nicht für grundsätzlich falsch, solange damit keine direkten wirtschaftlichen Interessen oder Ideologien verknüpft sind. Er warnt jedoch, der Teufel stecke im Detail. Als Beispiel nennt er die Familie-Larsson-Rosenquist-Stiftung. Sie finanzierte 2015 einen Lehrstuhl für Muttermilchforschung an der Universität Zürich mit 20 Millionen Franken. Das Ziel der Stiftung, weltweit die Stillraten zu erhöhen, passt gut zum Unternehmen für Stillprodukte, das von derselben Familie gegründet wurde.
Bei Sponsoring durch Unternehmen sind wirtschaftliche Interessen und unter Verschluss gehaltene Verträge nicht selten. Ab 2013 unterstützte Philip Morris International (PMI) eine Studie der Universität Zürich über den Einfluss von neutralen Verpackungen auf das Rauchverhalten von Jugendlichen. Die Forschenden fanden keine Hinweise darauf, dass die Verpackungen das Kaufverhalten beeinflussen, und der Hauptautor bekräftigte in der NZZ seine Unabhängigkeit. Im Jahr 2023 wurde der Anti-Tabak-Vereinigung Oxysuisse ein Annex des Vertrags zwischen der UZH und PMI bekannt. Sie fasste ihn in einem Bericht zusammen. Der Annex zeige klar, dass PMI mit darüber entschieden habe, ob und in welcher Form Resultate publiziert würden.
Luciana Vaccaro hat ihre eigenen Erfahrungen mit der Unterstützung von PMI. Ihre Institution, die Fachhochschule Westschweiz, hat einen Vertrag mit der Firma. Sie verweist auf ein Dilemma: «Einerseits gibt es die Gesetze zur Transparenz, andererseits unterliegen wir Vereinbarungen der Vertraulichkeit.» Vertraulichkeitsvereinbarungen sind rechtliche Abmachungen zwischen mehreren Parteien, um vertrauliche Informationen und geistiges Eigentum zu schützen. Sie sind recht üblich bei privater Forschungsförderung.
Oxysuisse lancierte 2024 eine Umfrage, in der sie, gestützt auf die Transparenzgesetze von Bund und Kantonen, von 31 Hochschulen wissen wollte, ob in den letzten fünf Jahren Verträge mit der Tabakindustrie bestanden. Die Studie wird demnächst veröffentlicht und ergab Dutzende laufende Kooperationen mit mehr als zehn Institutionen. Einige wenige waren nicht ganz transparent mit ihren Verträgen oder verweigerten eine Offenlegung. «Transparenz ist ein grosses Problem, und wir werden dafür sorgen, dass diese durchgesetzt wird, wenn nötig mithilfe der Bundesgerichte», erklärt Michela Canevascini, Direktorin von Oxysuisse.
Forschungsfreiheit als oberste Priorität
Komplex wird es bei sehr grossen Spenden. Das Swiss Finance Institute (SFI) ist eine private Stiftung, hauptsächlich von Banken, einschliesslich der UBS, finanziert. Die Zeitung Republik hat über die Institution berichtet. Diese zahlt jährlich bis zu 50 000 Schweizer Franken an mindestens 25 Professoren, welche einen Lehrstuhl am Institut besetzen. Sie kommen aus fast allen Schweizer Hochschulen, wo sie ebenfalls angestellt sind. Müller warnt, das Sponsoring von Finanzexpertise sei in der Schweiz so weit verbreitet, dass man in dem Feld kaum mehr unabhängige Stimmen finde. Es reiche nicht, «einfach zu behaupten, die Forschungsfreiheit sei gewährleistet. Wir müssen die konkreten Bedingungen prüfen und daran denken, dass kognitive Verzerrungen eine Rolle spielen.» Auf jeden Fall gefährdet sei die Forschungsfreiheit, wenn das Gehalt für eine Professur teilweise oder ganz von Privaten abhängt.
Die Wissenschaftsfreiheit ist in Artikel 20 der Bundesverfassung verankert, jede Hochschule bestimmt jedoch selbst, ob und wie sie private Kooperationen eingeht. Müller plädiert für einheitlichere, klare Regeln. Wenn Unternehmen direkte wirtschaftliche Interessen haben, sollte eine Finanzierung untersagt sein. Canevascini hinterfragt die ethischen Aspekte der Zusammenarbeit mit einer «Industrie, die jeden zweiten Raucher tötet und zu starker Abhängigkeit führt». Für Vaccaro ist das Thema komplexer: «Sollen wir Spenden von gewissen Unternehmen verbieten? Rauchen ist in der Schweiz legal, doch die Gesellschaft erwartet, dass wir nicht mit solchen Firmen zusammenarbeiten. Diese ethischen Fragen verdienen eine gesellschaftliche Debatte.»
Eine solche Diskussion fehlt in der Schweiz. Allea, die europäische Föderation der Akademien der Wissenschaften, hat diese Bedenken in einer Erklärung angesprochen. Forschungseinrichtungen sollten demnach prüfen, ob ihre Werte mit den Zielen der kommerziellen Partner vereinbar sind, transparente Verträge abschliessen und die Forschungsintegrität höher gewichten als kurzfristige finanzielle Vorteile.
Bald müssen Forschende aufgrund der drohenden Kürzungen des Bundes mit noch weniger Mitteln auskommen. Dies könnte die Forschung verstärkt in die Arme der Privatwirtschaft treiben. Pepe schaut sich bereits nach neuen Sponsoren um. Vaccaro meint: «Wir brauchen eine langfristige Vision. Forschung und Innovation sind Sache des Staates, die Abhängigkeit von Privaten kann das System erheblich schwächen. Das kann nicht die Lösung für alle Probleme sein.»