«Es braucht Social-Media-Überschriften, die zum Klicken animieren»
Wissenschaft müsse dort präsent sein, wo die Menschen sind – auf Plattformen wie Tiktok etwa – findet Doktorand Marcus Yong. Und sie sollen deren Clickbait-Stil übernehmen.

Der Neurowissenschaftler Marcus Yong erachtet die zögerliche Haltung vieler Forschender gegenüber den sozialen Medien als mitverantwortlich dafür, dass die Wissenschaft nur langsam auf Flut gefährlicher Falschinformationen im Netz reagiert. | Illustration: Klub Galopp
Wissenschaftliche Inhalte landen so gut wie nie in meinen Social-Media-Feeds. Und wenn, dann meistens als Panikmache, etwa zu Mikroplastik oder einem Alltagsprodukt, das angeblich Krebs verursacht. Mir fällt keine einzige wissenschaftliche Schlagzeile aus der letzten Zeit ein, die bei mir hängen geblieben ist. Meinen Freunden geht es genauso. Diese Abwesenheit ist ein Problem, denn soziale Medien sind für einen Grossteil der Menschen die wichtigste Informationsquelle.
Die Forschungsgemeinschaft hat dieses Defizit erkannt und investiert Ressourcen in Plattformen wie Tiktok. Die traditionelle Wissenschaftskommunikation mit nüchterner Vermittlung von Inhalten stösst bei dessen Publikum aber kaum auf Resonanz. Das Debüt von Nature auf Tiktok hat nun auf Linkedin eine Debatte ausgelöst. Sie zeigt, wie hartnäckig sich viele Forschende dagegen wehren, dass lange Artikel nicht mehr das Mass aller Dinge sind. Dieselbe Haltung ist auch mitverantwortlich dafür, dass Wissenschaft auf die Flut gefährlicher Falschinformationen im Netz nur so langsam reagiert. Eines sollte klar sein: Die wenigsten Leute werden einen Medien- oder Fachartikel lesen, um die Feinheiten einer Studie zu verstehen – und das kann man auch nicht von ihnen verlangen.
Wer aber auf Social Media Aufmerksamkeit will, braucht Überschriften, die neugierig machen und zum Klicken animieren. Wenn die Forschungsgemeinschaft diese Plattformen erobern und wissenschaftliches Denken breiter verankern will, dann muss sie selbst offensiv darauf setzen. Eine Überschrift wie «Forschende entdecken neue Farbe!» macht neugierig und bleibt im Gedächtnis. Drama fesselt, Daten langweilen.
Fakten dürfen dabei natürlich nicht verdreht werden. Es geht darum, aus ihnen eine packende Geschichte zu machen. Die nächste Generation digital versierter Forschender verfügt bereits über die nötige Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen, ohne Integrität aufzugeben. Jetzt braucht sie nur noch den Rückhalt der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft. Und: Bei allem, was in der Welt gerade schiefläuft, könnte etwas mehr Überschwänglichkeit für Wissenschaft allen durchaus guttun.
Marcus Yong ist Doktorand in Neurowissenschaften an der Universität Zürich und angehender Wissenschaftskommunikator.