«Sexistische Witze dienen dem Dominieren»
Giorgia Magni, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Genf, stellte in ihrer Dissertation über genderbasierte Gewalt unter Studierenden fest, dass fast 60 Prozent schon einmal davon betroffen waren.

Doktorandin Giorgia Magni forscht an der Universität Genf zu geschlechtsspezifischer Gewalt im Bildungsbereich und zu kritischer Pädagogik. | Foto: Olivia de Villaine / 13 Photo
Giorgia Magni, in Ihrer Dissertation haben Sie sich mit genderbasierter Gewalt unter Studierenden beschäftigt. Was ist das denn für Gewalt?
Jede Art von Gewalt, die Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern festigt oder Verstösse gegen Gendernormen bestraft, etwa bei LGBTQ-Menschen. Es gibt physische, psychische, sexuelle und sogar wirtschaftliche Formen von Gewalt.
Der Begriff Gewalt scheint irreführend, wenn es nicht um physische Gewalt geht.
Genderbasierte Gewalt beschränkt sich nicht auf isolierte physische Handlungen. Sie ist Teil eines Musters, das die patriarchalische Macht verteidigt. Auch scheinbar harmlose sexistische Witze dienen dazu, andere zu dominieren.
Welche typischen Beispiele haben die Studierenden erzählt?
Einige erlebten sexuelle Gewalt im Klassenzimmer: unerwünschte Berührungen, sexuelle Annäherungen oder sexuelle Bemerkungen über ihren Körper.
Wie reagierten sie darauf?
Sie entwickelten Strategien: Sie besuchten den Unterricht nicht mehr vor Ort, kamen später und gingen früher oder mieden gemeinsame Aktivitäten und isolierten sich so von ihren Mitstudierenden. Das wirkte sich auf ihre Motivation und ihre Leistung aus.
59 Prozent der Studierenden an der Universität Genf haben genderbasierte Gewalt erlebt. Hat Sie das überrascht?
Ich hatte eine hohe Zahl erwartet, aber nicht fast 60 Prozent. 53 Prozent der Betroffenen definieren sich als heterosexuelle Frauen, 14 Prozent als heterosexuelle Männer. 33 Prozent gehörten einer Minderheit wie LGBTQ an.
Wer übt diese Gewalt aus?
79 Prozent sind Männer, 21 Prozent Frauen, weniger als 1 Prozent nicht binäre Personen.
Sexualisierte Witze sind mit 77 Prozent die am häufigsten erlebte Form dieser Gewalt. Worum geht es?
Zum Beispiel geben Männer damit an, wie viele Frauen sie in einer Nacht bekommen werden. Das normalisiert eine Kultur, die zu Verhaltensweisen wie unerwünschten Berührungen oder Drängen zu Sex führen kann. Oder ein Student wurde ständig gefragt: «Du zeigst uns nie deine Freundin. Bist du schwul?» Er war tatsächlich schwul, wollte das aber verbergen.
Laut Ihren Ergebnissen ist solche Gewalt in allen Fakultäten verbreitet.
Fachbereiche wie Jura werden zwar zunehmend weiblicher, aber die sexistische Kultur hat sich nicht wirklich verändert. Eine Studie von 2019 zeigte, dass Studentinnen während ihrer Praktika in Anwaltskanzleien belästigt wurden. Ein Jurastudent erzählte mir, dass die Fakultät nie auf diese Ergebnisse eingegangen sei und die Studentinnen nicht auf solche Situationen vorbereitet wurden.
Auch die Naturwissenschaften waren lange Zeit männlich …
Ja, in der Biologie ist es ähnlich. Es gibt heute mehr Forscherinnen, aber die Kultur ist immer noch sehr männlich geprägt. Studentinnen werden belästigt und sehen sich gezwungen, die Fakultät zu verlassen. Andere verheimlichen ihre Homosexualität oder Bisexualität.
Und in den Geisteswissenschaften?
Es wird mit Stereotypen gespielt. Eine studierende Person schrieb etwa sexualisierte Gedichte an eine andere. Problematisch können auch philosophische Debatten über sensible Themen wie gleichgeschlechtliche Ehe sein. Der Professor mag argumentieren, dass Debattieren gelernt werden muss. Aber wenn es keine Regeln gibt, können alle sagen, was sie wollen, auch wenn es noch so diskriminierend ist.
Was können die Verantwortlichen an den Hochschulen tun?
Die Studierenden sollen kritisch debattieren, doch die Dozierenden müssen eine Grenze zwischen Meinung und Hassrede ziehen. Debatten über die gleichgeschlechtliche Ehe führen häufig zur Behauptung, sexuelle Minderheiten seien nicht normal. Wer das stehen lässt, normalisiert die Diskriminierung.