Fokus: Lange Leben
Jede soll altern, wie sie will
Überleben um jeden Preis oder doch lieber alles möglichst geniessen: Wie wir die Zeit am eigenen Lebensende gestalten, soll keine Frage von gesellschaftlicher Moral oder medizinischem Schema F sein, findet Co-Redaktionsleiterin Judith Hochstrasser.

Es wird der grösste Auftritt ihres Lebens für die über 70-Jährigen in Arizona. | Foto: Kendrick Brinson für 1in6by2030
Als bei meinem 56-jährigen Onkel Krebs in bereits fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert wurde, entschied er sich, keine Strahlen- oder Chemotherapie zu machen. Er wollte frei leben, solange er noch zu leben hatte. Er genoss seine letzten Monate. Erst in den letzten Tagen war er nicht mehr draussen unterwegs, wie er es sonst stets gewesen war.
Ich bewunderte ihn damals, und ich bewundere ihn heute noch. Für ihn war klar: Er wollte nicht einfach ein paar Monate länger überleben, nein, er wollte die verbleibende kurze Zeit in vollen Zügen auskosten. In den ethischen Fragen rund ums Immer-älter-Werden steckt genau dieses Dilemma: Um jeden Preis länger leben oder den Rest des Lebens geniessen? Beim Konzept Longevity soll ein möglichst hohes Alter möglichst gesund erreicht werden. Da werden Medikamente getestet, wird intensiv Sport getrieben, auf vieles verzichtet. Der Arzt und Verfechter von Longevity Manuel Puntschuh erzählt auf Seite 23: «Ich arbeite ständig daran, bei mir selbst Dinge zu optimieren.» Dabei stützt er sich auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse aus Tiermodellen – eine eher dünne Grundlage für eine medizinische Anwendung. Es gibt keine robusten Belege dafür, dass etwa Antioxidanzien oder Kalorienrestriktionen, die Fadenwürmer und Mäuse länger leben lassen, direkt auf das Alter bei einem humanen Individuum wirken.
Und dann ist da noch der Gegenpol. Die 72-jährige Autorin und Regisseurin Katja Früh findet es auf Seite 26 «nicht lebenswert, wenn man sich kasteit. Natürlich soll man sich nicht ruinieren, aber ich finde es wunderbar, sich den Genüssen hinzugeben.» Sie lässt sich von wissenschaftlichen Erkenntnissen vermutlich nicht die Lebensfreude nehmen. Obwohl viele Studien zeigen, dass gängige Genüsse wie Rauchen, Trinken und wenig Bewegung die durchschnittliche Lebenserwartung reduzieren.
Doch spielen starke oder schwache wissenschaftliche Belege wirklich eine Rolle, wenn es um die Gestaltung des eigenen Lebensendes geht? Ich finde: Egal, mit welcher Haltung man sich identifiziert, es steht niemandem zu, anderen dabei etwas vorzuschreiben. Der moralische Zeigfinger, starre gesellschaftliche Normen, ein medizinisches Schema F und selbst wissenschaftliche Erkenntnisse sind als alleinige Vorgaben für diese individuellen Entscheide nicht angebracht.