Wenn sich ganze Staaten schuldig gemacht haben
Holocaust, Genozid, Verfolgung: Manche Länder haben grauenvolle Verbrechen aufzuarbeiten. So etwa Ruanda, wo vor 30 Jahren ein unvorstellbarer Völkermord stattfand. Über die Unterschiede im Umgang mit kollektiver Schuld.

Während der Herrschaft der Militärjunta von 1976 bis 1983 verschwanden in Argentinien nach inoffiziellen Angaben 30 000 Personen. Hier erinnern die «Mütter von der Plaza de Mayo» an sie. | Foto: Marcos Adandia / Keystone
Das Bild bewegte die Welt: Als der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt im Dezember 1970 vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto einen Kranz niederlegte, sank er plötzlich in die Knie. Er, der 1933 selber vor den Nazis ins Ausland fliehen musste, blieb kurz in dieser Haltung, die Hände gefaltet.
Ob spontan oder geplant: Brandts einfache Geste wurde als Bitte um Vergebung für die Nazi-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg verstanden. Und steht auch für die Anerkennung der deutschen Schuld.
Erst spät stellte sich auch die Schweiz, die wirtschaftlich mit dem Naziregime eng verstrickt war, ihrer Vergangenheit um den Zweiten Weltkrieg. Die Mitschuld des Landes sei lange verdrängt und «von einer nationalmythologischen Erzählung überblendet» worden, sagt Jakob Tanner von der Universität Zürich. Der emeritierte Geschichtsprofessor war Mitglied der Bergier-Kommission, die ab 1996 auf Druck der USA die Beteiligung der Schweiz an der Kriegswirtschaft und der Vernichtungspolitik der Nazis untersuchte.
Zuvor hätten fehlendes Unrechtsbewusstsein, Réduit-Denken und der Kalte Krieg eine Aufarbeitung und eine offene Debatte verhindert, so Tanner. Die Ansicht, die Schweiz hätte ihr Überleben einzig ihrer «standfesten Wehrhaftigkeit» zu verdanken, sei weit verbreitet gewesen. Erst 2023 hat sich der Bundesrat für eine nationale Gedenkstätte in Bern ausgesprochen.
Aufarbeitung fordert einiges ab
Früheres Unrecht muss laut Tanner in dreifacher Hinsicht anerkannt werden: emotional durch das Eingeständnis, dass es Täter gab, die Gewalt und Zwang ausübten. Kognitiv durch die wissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit. Und materiell durch finanzielle Leistungen und Abgeltungen, die allerdings keine Wiedergutmachung im Wortsinn sein könnten. «Eine Aufarbeitung der Geschichte fordert den Beteiligten einiges ab: Aneignung von Wissen, kritische Auseinandersetzung, Selbstinfragestellung», erklärt Tanner: «Erinnerung und Gedächtnis sind nicht einfach da.»
Eine konstruktive Erinnerungspolitik müsse die Opfergruppen anhören und auch jüngere Generationen einbeziehen, fordert der Historiker. In Ländern wie Russland oder China gebe es dagegen eine nationalistische Gedächtnispolitik von oben – denn die historische Wahrheitssuche könnte für die Herrschenden zur Bedrohung werden. Kollektive Erinnerung könne aber selbst dann scheitern, wenn ein demokratisches Land die eigene Vergangenheit verkläre und eine Great-again-Erzählung verbreite, wie sie etwa in den USA und in europäischen Rechtsparteien Hochkonjunktur habe: «Geschichte schrumpft dann zur reaktionär gewendeten Nostalgie und appelliert vor allem an Bedrohungsgefühle.»
Fehlende staatliche Erinnerungskultur über vergangene Verbrechen ist ein globales Phänomen. Die Historikerin Cassandra Mark-Thiesen, früher an der Universität Basel und heute an der Universität Bayreuth, wurde in Liberia geboren und erforscht dessen Umgang mit seinem belastenden Erbe. Das Land in Westafrika gehört zu den ärmsten der Welt. Nach einem Militärputsch kam es hier von 1989 bis 2003 zu zwei langen und brutalen Bürgerkriegen mit bis zu 250 000 Todesopfern. Die Hälfte der Bevölkerung wurde gewaltsam vertrieben.
Der Staat habe sich mitschuldig gemacht, sagt Mark-Thiesen, indem er ehemalige Kriegsherren nicht bestrafte, sondern ihnen erlaubte, für öffentliche Ämter zu kandidieren. Die Rufe der Opfer nach Gerechtigkeit seien nicht verstummt. Vergangenheitsbewältigung müsse vor allem in Schulen, Universitäten und im öffentlichen Raum stattfinden, findet die Forscherin. Doch für eine staatlich gesteuerte Kultur der Erinnerung und des Gedenkens fehlte es bisher sowohl an Ressourcen wie auch an politischer Stabilität. Und: «Während der Staat die jüngsten Bürgerkriege totschwieg, konzentrierte er sich darauf, an die koloniale Geschichte des Landes zu erinnern.»
Wenn die Nachbarn Täter sind
Eine vereinfachte Version davon lautet, dass das Land im 19. Jahrhundert von befreiten schwarzen Sklaven aus den USA gegründet worden sei – in Wirklichkeit habe die American Colonization Society dahintergestanden. In diesem Frühjahr nun hat die Regierung Liberias jedoch angekündigt, dass sie ein Amt für Kriegs- und Wirtschaftsverbrechen einrichtet, inklusive Sondergericht für die Bürgerkriegsverbrechen.
Mark-Thiesen untersucht, wie sich historische Erinnerung für die Politik und den Wiederaufbau eines Staates nutzbar machen lässt. Versöhnung als Ziel der Erinnerungskultur verspreche in der Regel Vergebung von früherem Unrecht. Doch schwierig werde es, der Ereignisse zu gedenken, deren Folgen noch andauern. Ihre konkreten Fragen: «Wie fühlt es sich an, Seite an Seite mit ehemaligen Täterinnen zu leben oder sogar von ihnen beherrscht zu werden? Was, wenn diese unwissend sind oder ihre Schuld nicht eingestehen? Und was bedeutet es, wenn ein Staat, dessen Aufgabe der Schutz seiner Bürgerinnen und Bürger sein soll, genau diese Täter beschützt?»
Ein Beispiel für den Versuch, direkt betroffene Überlebende und Täter zu versöhnen, ist Ruanda. Die Massaker an bis zu einer Million Tutsi und gemässigten Hutu jähren sich 2024 zum 30. Mal. Eine der ersten Massnahmen: In Ausweisdokumenten wurde die ethnische Zugehörigkeit gestrichen.
Mit den traditionellen Gacaca-Gerichten aus der Vorkolonialzeit ging das Land im Prozess der Aufarbeitung einen eigenen Weg. Die Tribunale fanden am Ort der Taten statt, wo sich die Beschuldigten vor der Bevölkerung verantworten mussten. Die Bilanz der Laiengerichte fiel laut Fachleuten allerdings zwiespältig aus.
Lateinamerikanische Länder wie Chile und Argentinien stehen im Umgang mit der Vergangenheit der Militärdiktaturen und Bürgerkriege nochmals an einem anderen Punkt. An die Opfer erinnert wird hier auf vielfache Weise. Der Literaturwissenschaftler und Iberoromanist Jens Andermann von der New York University, früher an der Universität Zürich, zählt verschiedene Ausdrucksformen auf: Einerseits sind es Initiativen aus der Bevölkerung wie etwa Kundgebungen, anderseits staatliche wie Wahrheitskommissionen, Gedenkstätten in ehemaligen Folterzentren und Stolpersteine an Stellen, wo Verschwundene zuletzt wohnten oder entführt wurden.
Zur Aufarbeitung des Grauens wurden sogar ganze Landschaftsinstallationen geschaffen: So liess der chilenische Autor Raúl Zurita eine Gedichtzeile über die Opfer der Diktatur in die Atacama-Wüste einbaggern: «Ni pena ni miedo», auf Deutsch: «Weder Schmerz noch Angst». Dieses Mahnmal ist nur aus der Luft von oben herab lesbar.
Kollektive Schuldzuweisung birgt Gefahren
Die Schwierigkeit ist laut Andermann, dass die damaligen Verbrechen «vielfach den Rückhalt von Konzernen, Parteien, Medien und rechten Organisationen hatten, die heute alle noch aktiv sind». So sei ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass Menschenrechtsverstösse des Staats nicht hingenommen werden dürften, nur schwer herzustellen.
Doch trotz der furchtbaren Erfahrung von Leid und Verlust hätten sich die Opfer und ihre Angehörigen in der ganzen Region nicht für Vergeltung eingesetzt – sondern für gesellschaftliche Aufarbeitung: «In Chile und Argentinien sind Tausende von Menschen bestialisch ermordet worden, aber in keinem einzigen Fall wurde aussergerichtlich Rache an einem der Täter verübt.»
Für Andermann sind diese beiden Länder deswegen Beispiele einer erfolgreichen Erinnerungskultur. Die Opposition habe gegen die verbrecherischen Regimes machtvolle Bilder und Symbole hervorgebracht, die mittlerweile in der ganzen Welt verwendet werden: etwa Banner mit Passfotos von Verschwundenen oder weisse Silhouetten, welche die Abwesenheit von Verschwundenen sichtbar machen – als Kreidezeichnungen auf dem Asphalt.
Die Beispiele von kollektiver Schuld und kollektiver Erinnerung sind äusserst vielfältig. Orientierung bieten kann die Beschäftigung damit auf theoretischer Ebene. Der Philosoph Benjamin Matheson von der Universität Bern tut genau dies: «Mein Ziel sind Vorschläge, wie Menschen mit kollektiver Schuld und Scham umgehen und sie überwinden können.» In vielen Diskussionen ginge es darum, wie Regierungen vergangenes Unrecht wiedergutmachen könnten. Wie aber Einzelne über belastende Vergangenheit denken, sei kaum geklärt, sagt Matheson.
Ist nicht schuldig auch nicht verantwortlich?
Auch nicht, ob und wie sich kollektive von individueller Schuld unterscheide und inwiefern Einzelpersonen für sämtliche Taten eines Staats schuldig sein können oder nur für einige davon. Und: ob die Erlösung von Schuld bedeute, dass man nun nicht mehr für etwas verantwortlich sei, wofür man es zuvor war.
Matheson will auch wissen, ob und wann es angebracht ist, einer ganzen Gruppe die Schuld für ein Unrecht zu geben. Solche kollektive Schuldzuweisung berge auch Gefahren: «Menschen können in Verbrechen verwickelt werden, die sie gar nicht begangen haben.» Und sie könne möglicherweise gar zu neuen Völkermorden führen: wenn Menschen die Tötung anderer mit der Begründung rechtfertigen, dass diese für eine frühere Straftat verantwortlich seien.