Bild: Valérie Chételat

Jasagt Christian Suter, Professor für Soziologie.

Bild: Valérie Chételat

Neinsagt Ellen Hertz, Professorin für Anthropologie.
Keine Sonderbehandlung! Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen gleich behandelt werden wie die Natur- und Technikwissenschaften, mit denen sie in Konkurrenz stehen und mit denen sie, explizit oder implizit, verglichen werden. Die Weigerung, ihre gesellschaftliche Wirkung zu messen, könnte den falschen Eindruck erwecken, dass sie keine vorzuweisen haben. Das Gegenteil ist der Fall: Sie ist erheblich, denn die erfolgreiche gesellschaftliche Implementierung von Wissen setzt kritische konzeptbasierte Bewertung und Interpretation voraus. Fakten- und datenbasierte Evaluationen können sie sichtbar machen und systematisch belegen.

Die Bedeutung datenbasierter Wirkungsindikatoren hat im Verlaufe der letzten Jahre in Politik und Verwaltung, aber auch in Firmen und Non-Profit-Organisationen stark zugenommen – dies unter anderem aufgrund des in der neuen Bundesverfassung von 1999 aufgenommenen Artikels 170 zur Evaluation öffentlicher Politik und der gesellschaftlichen Forderung nach mehr Transparenz. So führt das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) regelmässig datenbasierte Wirkungsanalysen zu Massnahmen im Bereich Wissenschaft und Forschung durch – etwa zur gesellschaftlichen Wirkung nationaler Forschungsprogramme. Gleichzeitig stützen sich Wirkungsanalysen auf neue, umfangreiche Datenquellen, Indikatoren und Methoden. Stichwort Big Data.

Die breite Öffentlichkeit und die gesellschaftlichen Anspruchsgruppen sind ein wichtiges Zielpublikum der Geistes- und Sozialwissenschaften. Eine ihrer Aufgaben besteht darin, der Öffentlichkeit Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen, das heisst ein kritisches und vertieftes Verständnis für die Entwicklungen des gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Kontexts.

«Die Weigerung, ihre gesellschaftliche Wirkung zu messen, könnte den falschen Eindruck erwecken, dass sie keine vorzuweisen haben.»

Die Forschungsliteratur zeigt, dass Forschende aus diesen Disziplinen ihren Einfluss auf die Gesellschaft generell als wichtiger einschätzen als Forschende aus den Natur- und Technikwissenschaften. Gerade deswegen ist es umso wichtiger, diesen Einfluss zu messen und ihn mit Fakten und Daten zu belegen.

Gängige Wirkungsindikatoren basieren oft auf zu einfachen Einzelzählungen, die die Komplexität des zu messenden Phänomens – hier des gesellschaftlichen Impacts der Wissenschaft – nicht abbilden können. Die Entwicklung differenzierter Messverfahren ist aber eine Kernkompetenz der Human- und Sozialwissenschaften, insbesondere für komplexe Phänomene wie kulturelle Identität, soziale Integration, Innovation oder eben: gesellschaftliche Wirkung. Dafür braucht es vorgängig eine Klärung der zugrundeliegenden Konzepte.

Nur so kann transparent unterschieden werden zwischen Aspekten gesellschaftlicher Wirkung, die messbar sind, und solchen, die es nicht sind. Ein solches explizites Wirkungskonzept definiert, welcher konkrete Einfluss bei welcher gesellschaftlichen Zielgruppe erreicht werden soll. Damit wird die Basis für zuverlässige und präzise Wirkungsindikatoren geschaffen, welche erlauben, den unbestreitbaren Impact der Geistes- und Sozialwissenschaften fakten- und datenbasiert aufzuzeigen.

Christian Suter leitet das Soziologische Institut der Universität Neuenburg und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Schweizer Kompetenzzentrums für Sozialwissenschaften (FORS).

Die Idee, dass die gesellschaftliche Wirkung der sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung gemessen werden soll, ist nachvollziehbar. Quantifizierungen sind für die Gestaltung von Strategien schliesslich zentral. Obwohl hinlänglich dokumentiert ist, dass sie mit Verzerrungen und Vereinfachungen einhergehen. Es wird oft argumentiert, dass sich die Sozial- und Geisteswissenschaften der Quantifizierung beugen müssen, damit sie ihre Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit erhöhen können. Doch diese Haltung beruht auf einem dreifachen Irrtum und ist abzulehnen.

Erstens wissen wir ganz einfach nicht, wie wir die soziale Wirkung über die verschiedenen Disziplinen hinweg quantifizieren können. Ihre Interaktionen mit der Gesellschaft sind zu vielfältig, als dass wir sie auf standardisierte Indikatoren reduzieren könnten. Das von Swissuniversities finanzierte sechsjährige Forschungsprogramm «Research performances in the humanities and social sciences» kam kürzlich zum Schluss, dass sich in diesen Wissenschaften die Wirkung nur durch disziplinenspezifische, peer-bestimmte Standards einschätzen lässt, bei denen die Quantifizierung eine zweitrangige Rolle spielen sollte. Eine Evaluation der gesellschaftlichen Gesamtwirkung aller Disziplinen sollte sich auf diese spezifischen Schlussfolgerungen stützen.

Zweitens ordnen quantitative Messungen den Sozial- und Geisteswissenschaften die falsche Rolle in der demokratischen Gesellschaft zu. Einer Wirkungsmessung liegt die Idee zugrunde, dass von der Forschung automatisch eine positive Kraft ausgeht: Je mehr Leute erreicht werden, desto besser. Diese Massenvermarktungslogik hindert uns daran, wichtigere Fragen über die Art der Wirkung, die diese Disziplinen haben sollten, zu stellen: auf wen und für wen. Es besteht die Gefahr, dass die demokratische Debatte über unsere Forschungsergebnisse durch einen Popularitätstest aufgrund von Hits und Likes ersetzt wird.

«Es besteht die Gefahr, dass die demokratische Debatte durch einen Popularitätswettbewerb ersetzt wird.»

Drittens wird eine Messung der gesellschaftlichen Wirkung die Grundsatzfrage nicht beantworten, wie wir auf legitime Forderungen nach einer Rechenschaftsablage über die Verwendung von öffentlichen Geldern reagieren. Wenn wir dabei statt auf komplexe Methoden auf eine breite Diskussion zur Rechenschaftsablage setzen, wird dies keinesfalls diejenigen überzeugen, die den Wert der Forschung bezweifeln. Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Wissenschaft entspringt der Angst, dass solche Expertisen elitär, hyperspezialisiert und ausschliessend sind. Diese Bedenken durch noch ausgeklügeltere, der Intuition zuwiderlaufende Quantifizierungstools zu ersetzen, ist weder aus wissenschaftlicher noch aus strategischer Sicht sinnvoll.

Vielmehr sollten wir den Einbezug der Öffentlichkeit stärken, indem wir den Austausch mit der Zivilgesellschaft und mit den Entscheidungsträgern fördern. Die Schweiz ist dafür dank eines robusten föderalistischen tertiären Bildungssystems gut positioniert, denn dieses ermöglicht Diskussionen mit lokalen Akteuren über Belange, die sie beschäftigen. Oberste Priorität sollte für uns haben, diesen Austausch durch qualitative Studien zu begleiten, die aufzeigen, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften einen sehr wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Debatte leisten. Quantitative Assessments können in diesem Prozess nützlich sein, aber nur zur Unterstützung, nicht als Richtungsweiser. Die Zukunft der Sozial- und Geisteswissenschaften liegt in der modernen Demokratie, nicht in der Technokratie.

Ellen Hertz ist Professorin für Anthropologie an der Universität Neuenburg und Präsidentin der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft.

Bild: Valérie Chételat

Jasagt Christian Suter, Professor für Soziologie

Keine Sonderbehandlung! Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen gleich behandelt werden wie die Natur- und Technikwissenschaften, mit denen sie in Konkurrenz stehen und mit denen sie, explizit oder implizit, verglichen werden. Die Weigerung, ihre gesellschaftliche Wirkung zu messen, könnte den falschen Eindruck erwecken, dass sie keine vorzuweisen haben. Das Gegenteil ist der Fall: Sie ist erheblich, denn die erfolgreiche gesellschaftliche Implementierung von Wissen setzt kritische konzeptbasierte Bewertung und Interpretation voraus. Fakten- und datenbasierte Evaluationen können sie sichtbar machen und systematisch belegen.

Die Bedeutung datenbasierter Wirkungsindikatoren hat im Verlaufe der letzten Jahre in Politik und Verwaltung, aber auch in Firmen und Non-Profit-Organisationen stark zugenommen – dies unter anderem aufgrund des in der neuen Bundesverfassung von 1999 aufgenommenen Artikels 170 zur Evaluation öffentlicher Politik und der gesellschaftlichen Forderung nach mehr Transparenz. So führt das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) regelmässig datenbasierte Wirkungsanalysen zu Massnahmen im Bereich Wissenschaft und Forschung durch – etwa zur gesellschaftlichen Wirkung nationaler Forschungsprogramme. Gleichzeitig stützen sich Wirkungsanalysen auf neue, umfangreiche Datenquellen, Indikatoren und Methoden. Stichwort Big Data.

Die breite Öffentlichkeit und die gesellschaftlichen Anspruchsgruppen sind ein wichtiges Zielpublikum der Geistes- und Sozialwissenschaften. Eine ihrer Aufgaben besteht darin, der Öffentlichkeit Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen, das heisst ein kritisches und vertieftes Verständnis für die Entwicklungen des gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Kontexts.

«Die Weigerung, ihre gesellschaftliche Wirkung zu messen, könnte den falschen Eindruck erwecken, dass sie keine vorzuweisen haben.»

Die Forschungsliteratur zeigt, dass Forschende aus diesen Disziplinen ihren Einfluss auf die Gesellschaft generell als wichtiger einschätzen als Forschende aus den Natur- und Technikwissenschaften. Gerade deswegen ist es umso wichtiger, diesen Einfluss zu messen und ihn mit Fakten und Daten zu belegen.

Gängige Wirkungsindikatoren basieren oft auf zu einfachen Einzelzählungen, die die Komplexität des zu messenden Phänomens – hier der gesellschaftliche Impact der Wissenschaft – nicht abbilden können. Die Entwicklung differenzierter Messverfahren ist aber eine Kernkompetenz der Human- und Sozialwissenschaften, insbesondere für komplexe Phänomene wie kulturelle Identität, soziale Integration, Innovation oder eben: gesellschaftliche Wirkung. Dafür braucht es vorgängig eine Klärung der zugrundeliegenden Konzepte.

Nur so kann transparent unterschieden werden zwischen Aspekten gesellschaftlicher Wirkung, die messbar sind, und solchen, die es nicht sind. Ein solches explizites Wirkungskonzept definiert, welcher konkrete Einfluss bei welcher gesellschaftlichen Zielgruppe erreicht werden soll. Damit wird die Basis für zuverlässige und präzise Wirkungsindikatoren geschaffen, welche erlauben, den unbestreitbaren Impact der Geistes- und Sozialwissenschaften fakten- und datenbasiert aufzuzeigen.

Christian Suter leitet das Soziologische Institut der Universität Neuenburg und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Schweizer Kompetenzzentrums für Sozialwissenschaften (FORS).

 


Bild: Valérie Chételat

Neinsagt Ellen Hertz, Professorin für Anthropologie.

Die Idee, dass die gesellschaftliche Wirkung der sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung gemessen werden soll, ist nachvollziehbar. Quantifizierungen sind für die Gestaltung von Strategien schliesslich zentral. Obwohl hinlänglich dokumentiert ist, dass sie mit Verzerrungen und Vereinfachungen einhergehen. Es wird oft argumentiert, dass sich die Sozial- und Geisteswissenschaften der Quantifizierung beugen müssen, damit sie ihre Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit erhöhen können. Doch diese Haltung beruht auf einem dreifachen Irrtum und ist abzulehnen.

Erstens wissen wir ganz einfach nicht, wie wir die soziale Wirkung über die verschiedenen Disziplinen hinweg quantifizieren können. Ihre Interaktionen mit der Gesellschaft sind zu vielfältig, als dass wir sie auf standardisierte Indikatoren reduzieren könnten. Das von Swissuniversities finanzierte sechsjährige Forschungsprogramm «Research performances in the humanities and social sciences» kam kürzlich zum Schluss, dass sich in diesen Wissenschaften die Wirkung nur durch disziplinenspezifische, peer-bestimmte Standards einschätzen lässt, bei denen die Quantifizierung eine zweitrangige Rolle spielen sollte. Eine Evaluation der gesellschaftlichen Gesamtwirkung aller Disziplinen sollte sich auf diese spezifischen Schlussfolgerungen stützen.

Zweitens ordnen quantitative Messungen den Sozial- und Geisteswissenschaften die falsche Rolle in der demokratischen Gesellschaft zu. Einer Wirkungsmessung liegt die Idee zugrunde, dass von der Forschung automatisch eine positive Kraft ausgeht: Je mehr Leute erreicht werden, desto besser. Diese Massenvermarktungslogik hindert uns daran, wichtigere Fragen über die Art der Wirkung, die diese Disziplinen haben sollten, zu stellen: auf wen und für wen. Es besteht die Gefahr, dass die demokratische Debatte über unsere Forschungsergebnisse durch einen Popularitätstest aufgrund von Hits und Likes ersetzt wird.

«Es besteht die Gefahr, dass die demokratische Debatte durch einen Popularitätswettbewerb ersetzt wird.»

Drittens wird eine Messung der gesellschaftlichen Wirkung die Grundsatzfrage nicht beantworten, wie wir auf legitime Forderungen nach einer Rechenschaftsablage über die Verwendung von öffentlichen Geldern reagieren. Wenn wir dabei statt auf komplexe Methoden auf eine breite Diskussion zur Rechenschaftsablage setzen, wird dies keinesfalls diejenigen überzeugen, die den Wert der Forschung bezweifeln. Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Wissenschaft entspringt der Angst, dass solche Expertisen elitär, hyperspezialisiert und ausschliessend sind. Diese Bedenken durch noch ausgeklügeltere, der Intuition zuwiderlaufende Quantifizierungstools zu ersetzen, ist weder aus wissenschaftlicher noch aus strategischer Sicht sinnvoll.

Vielmehr sollten wir den Einbezug der Öffentlichkeit stärken, indem wir den Austausch mit der Zivilgesellschaft und mit den Entscheidungsträgern fördern. Die Schweiz ist dafür dank eines robusten föderalistischen tertiären Bildungssystems gut positioniert, denn dieses ermöglicht Diskussionen mit lokalen Akteuren über Belange, die sie beschäftigen. Oberste Priorität sollte für uns haben, diesen Austausch durch qualitative Studien zu begleiten, die aufzeigen, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften einen sehr wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Debatte leisten. Quantitative Assessments können in diesem Prozess nützlich sein, aber nur zur Unterstützung, nicht als Richtungsweiser. Die Zukunft der Sozial- und Geisteswissenschaften liegt in der modernen Demokratie, nicht in der Technokratie.

Ellen Hertz ist Professorin für Anthropologie an der Universität Neuenburg und Präsidentin der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft.