Wie Horizonte anno dazumal war
Die erste Chefredaktorin nach der wissenschaftsjournalistischen Neuausrichtung und der treue Leser seit eh und je: Interviews mit zwei, denen Horizonte seit Jahrzehnten am Herzen liegt.
«Eine kleine Revolution»

Véronique Preti, verbinden Sie Horizonte mit schönen Erinnerungen?
Sicher! Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir bewusst, dass die Geschichte von Horizonte auch die Geschichte der Kommunikation des SNF ist – und im weiteren Sinne der Wissenschaft – in einer Zeit, in der vieles keineswegs selbstverständlich war.
Was zum Beispiel?
Damals galt Wissenschaftskommunikation als etwas, das der Seriosität schadete und Forschende von ihrer eigentlichen Arbeit abhielt. Kommuniziert wurde vor allem innerhalb der Fachwelt – über wissenschaftliche Artikel oder Konferenzen. Weil Horizonte jedoch die Zeitschrift ihres wichtigsten Förderers war, öffneten uns die Forschenden ihre Labore schliesslich doch.
1995 stellte der SNF Journalistinnen und Journalisten ein.
Ja. Bis dahin gab es einen Mitarbeiter und eine Sekretärin, die sich prioritär um Anfragen von Medien kümmerten. Der SNF wollte seine Medienarbeit professionalisieren.
War das die Geburtsstunde des Magazins mit journalistischer Ausrichtung?
Horizonte gab es bereits seit 1988, wurde aber von einer Agentur produziert. Ich arbeitete gelegentlich mit ihr zusammen. Für mich und die beiden anderen Journalisten – darunter Christoph Dieffenbacher, der noch heute für Horizonte schreibt – war es jedoch frustrierend, dass wir dieses Instrument nicht selbst in der Hand hatten. Also ergriffen wir die Initiative. Und unsere Vorgesetzten unterstützten uns dabei. Der damalige SNF-Direktor Hans-Peter Hertig hatte zwar Zweifel, ob wir das schaffen würden. Aber er hat uns nie gesagt, die Idee sei verrückt.
Wie schwierig war die Umsetzung?
Wir mussten vieles erst lernen. Als Journalistin weiss ich, wie ich einen Artikel schreibe – aber nicht, wie ich ein Magazin produziere. Ein Grafiker aus Zürich half uns enorm: beim Aufbau der Rubriken, der Gestaltung der Seiten, der Entwicklung des Konzepts. Zudem mussten wir eine zweisprachige Redaktion mit freien Journalistinnen und Fotografen aufbauen, Texte übersetzen, das Heft drucken und verbreiten.
Wie kamen Sie zu Themen?
Wir durften an den Sitzungen des Forschungsrats teilnehmen, an denen er die eingereichten Projekte beurteilte. Das war eine kleine Revolution. Zuvor hatten wir dazu keinen Zugang. Es war nicht immer einfach. Manche Forschende waren skeptisch.
Und wie ging es mit den Abonnementen?
Vor 1997 hatte der SNF noch keine Website. Deshalb waren wir jedes Jahr etwa an der Genfer Buchmesse präsent. Dort stellten wir jeweils ein Forschungsprojekt möglichst spielerisch vor – etwa mit einem Quiz zu archäologischen Fundstücken. Das Forschungsteam des Projekts und Mitarbeitende der Geschäftsstelle des SNF halfen bei der Betreuung des Stands. Was haben wir gelacht! Das Team, die Forschenden, das Publikum … Der direkte Kontakt brachte die Leute auch zum Abonnieren von Horizonte.
Was fällt am heutigen Horizonte auf?
Die Themen werden viel stärker aus gesellschaftlicher Perspektive erzählt. Zu Beginn stand eher die Grundlagenforschung im Mittelpunkt – und es war nicht ganz einfach, sie einem breiten Publikum verständlich zu machen. Während früher ausserdem die Personen hinter der Forschung meistens im Hintergrund blieben, liegt heute der Fokus stärker auf ihnen, etwa bei den Porträts und in den Reportagen.
«Sozusagen mein geistiges Fitnessprogramm»

Kurt Reimann, wann ist Ihnen Horizonte zum ersten Mal in die Hände gefallen?
Im Rektorat der ETH schaute ich immer die ganze Post durch. Dabei habe ich Horizonte zum ersten Mal gesehen. Ich fand es interessant und begann, es zu lesen. Bei meiner Berufstätigkeit war es mir eine grosse Hilfe, um über alle Wissensgebiete hinweg à jour zu bleiben. Nach meiner Pensionierung habe ich es dann abonniert, damit ich es weiterlesen konnte.
1998 hatten Sie der Redaktion einen kritischen Leserbrief zum neuen Design geschrieben.
Ich fand damals, Horizonte sei etwas Spezielles und durch das Redesign habe es sich trivialisiert. Im Nachhinein würde mich die Änderung gar nicht mehr so stören. Es ist klar, dass sich eine Printpublikation ab und zu erneuern sollte.
Ist es Ihnen wichtig, dass Horizonte auf Papier erscheint?
Ja. Für mich hat das Lesen von Magazinen im Internet etwas Unverbindliches. Man scrollt durch, bleibt vielleicht irgendwo mal hängen, aber lässt es doch schneller wieder los. Beim Printprodukt ist das anders.
Ist das inhaltliche Niveau für Sie richtig?
Es ist ein bisschen anspruchsvoll. Aber das ist auch sehr gut. Gerade für jemanden, der älter wird und sich bemühen will, geistig wach zu bleiben. Also im Endeffekt dient mir das Magazin sozusagen als mein geistiges Fitnessprogramm.
Was bietet Horizonte, das Sie anderswo nicht finden?
Die Gesamtschau. Ich lese auch Magazine von Hochschulen oder Instituten. Die sind auch sehr interessant, aber sie beziehen sich auf die eigene Institution, und sie sind eher PR. Horizonte dagegen bewahrt eine gewisse Nüchternheit, und das finde ich gut.
Wenn es Horizonte nicht mehr gäbe, wodurch würden Sie es ersetzen?
Es wäre schlicht nicht ersetzbar. Ich hätte eine Wissenslücke. Ich könnte das vielleicht kompensieren, indem ich noch Wissenschaftsmagazine von Universitäten aus der Romandie abonniere, aber irgendwann wäre es natürlich auch zu viel, oder? Horizonte bietet auch eine Selektion, die für mich wertvoll ist.