Auf Tauchgang ins Reich der Quaggamuscheln
Weichtiere aus dem Schwarzen Meer breiten sich mit rasender Geschwindigkeit in den hiesigen Seen aus und bedrohen Ökosysteme und Infrastruktur. Eine Expedition mit dem wissenschaftlichen Tauchteam in die Tiefen des Bodensees.

Die wissenschaftliche Tauchgruppe des Eawag springt in den Bodensee. Danach soll es auf 25 Meter Tiefe hinunter gehen. | Foto: Philotheus Nisch
«Handschuhe? Messer? Gewichte? Kommunikationskabel? » Christoph Walcher überprüft mit seinem Team die Tauchausrüstung, bevor sie in den Lieferwagen verladen wird. Es ist 8 Uhr morgens an einem Dienstag Ende Mai 2026. Ich stehe vor einem Hangar des eidgenössischen Wasserforschungsinstituts Eawag, das in einem Vorort von Zürich zwischen Gleisen, dreispurigen Strassen, Neubauten und einem kleinen Biotop liegt. An das zweite Fahrzeug koppelt die Doktorandin Julie Conrads den Anhänger mit dem Boot, dann machen wir uns auf den Weg zum Bodensee. Ziel des Tages: Quagga-Dreikantmuscheln in verschiedenen Tiefen zu sammeln.
Die Invasorin stammt ursprünglich aus der Dnjepr-Mündung im Norden des Schwarzen Meeres und breitet sich in vielen Seen Europas und Nordamerikas rasant aus. Sie wurde 2015 im Genfersee und im Jahr darauf im Bodensee entdeckt, war dort aber wahrscheinlich schon vorher vorhanden. Seither hat sie beide Seen erfolgreich besiedelt und den grössten Teil des Grundes erobert. Im Bodensee lassen sich durchschnittlich mehr als 3000 Muscheln pro Quadratmeter zählen, in flachen Bereichen sogar das Zehnfache.
Der unaufhaltsame Vormarsch der Dreissena rostriformis bugensis hat erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Die Muscheln verstopfen die Leitungen der Wasserversorgung und der Heiz- und Kühlanlagen von Gebäuden. Die EPFL und die Universität Lausanne müssen ihr Heiz- und Kühlsystem, das Wasser aus dem Genfersee nutzt, komplett erneuern – die Kosten werden auf 50 Millionen Franken geschätzt.
«Ausserdem verändert die gebietsfremde Muschel das Gleichgewicht der Ökosysteme von Seen tiefgreifend», fügt Alexandra Weber, Biologin und Gruppenleiterin an der Eawag, während der Fahrt hinzu. «Sie verdrängt einheimische Arten und frisst riesige Mengen an Phytoplankton. Das wirkt sich auf die gesamte Nahrungskette aus.»
12 Kilo um die Taille
Um 9.30 Uhr sind wir am Hafen von Bottighofen bei Kreuzlingen angekommen. Das Team lädt die Ausrüstung aus, während Conrads rückwärts die Rampe hinunterfährt, um das Boot ins Wasser zu lassen. Alle ziehen Schwimmwesten an. Walcher, Techniker bei der Eawag und Tauchsicherheitsverantwortlicher, tankt das Boot voll und fährt aus dem Hafen hinaus. Etwa zehn Minuten später gehen wir vor Anker. Die Tiefe beträgt hier 30 Meter, wie das Echolot anzeigt.
Weber und ihr Kollege Pascal Bucher haben bereits ihre Trockenanzüge über der Thermounterwäsche angezogen: Die Temperatur am Seegrund steigt nicht über zehn Grad, auch nicht an einem Hitzetag wie heute, an dem das Thermometer 31 Grad Celsius erreichen wird. Über dem Wasser ist die Ausrüstung eine Qual, aber niemand beschwert sich. Man gewöhnt sich dran.
Walcher geht noch einmal den Tauchplan durch, und das Team rüstet sich aus: Messer an der Wade, Computer am Handgelenk, Maske im Gesicht und ein 12-Kilo-Gurt um die Taille. Jetzt müssen nur noch die Kommunikationskabel angeschlossen werden. Über diese verständigen sich die Tauchenden untereinander und mit dem Boot, und sie dienen gleichzeitig als Sicherheitsleine zur Oberfläche. Weber und Bucher steigen ins Wasser und gleiten in die Tiefe, bis sie nicht mehr zu sehen sind. Von nun an zeugen nur noch Luftblasen von ihrer Anwesenheit.
Alexandra Weber und Christoph Walcher haben 2023 die wissenschaftliche Tauchgruppe der Eawag gegründet. «Ich habe mich schon immer für Wasserorganismen interessiert », erklärt Weber. «Für meine Arbeit zur Quaggamuschel waren Tauchgänge erforderlich, und wenn das Tauchen an der Eawag organisiert wird, können wir Fachwissen aufbauen und bewahren.» Walcher erwarb nach seiner Diplomarbeit am Alfred-Wegener-Institut auf der norddeutschen Insel Helgoland, wo er anschliessend sieben Jahre lang tätig war, eine Zertifizierung für wissenschaftliches Tauchen.
Als er 2019 zur Eawag kam, konnte er Weber und sechs weitere Mitarbeitende ausbilden. Die Gruppe zählt heute acht Mitglieder. Sie führt auch Aufträge für die Arbeit von anderen Forschenden der Einrichtung durch.«Berufstauchen ist rechtlich geregelt, und der Arbeitgeber ist für die Sicherheit verantwortlich », erklärt Walcher. Zu den Anforderungen gehören beispielsweise das Tragen einer Vollmaske, die verhindert, dass der Atemregler bei Bewusstlosigkeit verloren geht, sowie eine systematische Analyse potenzieller Risiken: Wetter, Strömungen, Sichtverhältnisse oder auch Schiffsverkehr. Walcher hat ein Sicherheitsbriefing vorbereitet, das von jedem Mitglied der Expedition unterzeichnet wurde, und die geplanten Tauchgänge bei der Bodensee- Schifffahrtsgesellschaft angemeldet.
In der Schweiz kann eine wissenschaftliche Tauchgruppe ihr Personal nur für Expeditionen im Rahmen interner Projekte ausbilden. Keine Organisation ist befugt, ein Zertifikat auszustellen, das von anderen Institutionen anerkannt wird. Um ein solches zu erhalten, muss man ins Ausland reisen. «Das ist ein Punkt, den wir innerhalb der kleinen Schweizer Gemeinschaft für wissenschaftliches Tauchen diskutieren», erklärt Walcher. Dazu gehören Forschungsgruppen aus den Bereichen Biologie und Archäologie, Zentren für technisches Tauchen sowie Umweltberatungsbüros.
Lautes Lachen unter Wasser
Jetzt tauchen Weber und Bucher mit ihrem Fang wieder auf: Muscheln, die sie vom Seegrund gesammelt haben und die Doktorandin Conrads sofort in eine Kühlbox füllt. Eine Viertelstunde später taucht das Duo erneut auf 25 Meter Tiefe ab. Dank des Kommunikationssystems können wir ihre Arbeit in der Tiefe mitverfolgen: die letzte Sicherheitskontrolle vor dem Abstieg, die Probenahmen, der Sicherheitsstopp in fünf Meter Tiefe. Die Stimmung ist locker, man neckt sich ein wenig. Webers Gelächter erklingt aus dem Lautsprecher, und mir wird klar, dass es tatsächlich möglich ist, unter Wasser laut zu lachen.
Nun übernehmen Conrads und Walcher. Sie sammeln Muscheln in 20 Meter Tiefe, dann ein letztes Mal in einer Tiefe von 15 bis 5 Metern. Auch ich gehe jetzt unter Wasser, zwar ohne Flasche, aber mit Flossen und Brille fürs Freitauchen, und ich entdecke eine erstaunliche Landschaft: einen Teppich aus kleinen Muscheln von wenigen Zentimetern Grösse, der sich über den Grund erstreckt, so weit das Auge reicht. Und die Sicht ist überraschend gut für einen Schweizer See, weil eine einzige Quaggamuschel bis zu zehn Liter Wasser pro Tag filtert.
Das Team wird die eingesammelten Exemplare später in der Eawag einfrieren, um sie noch diesen Sommer zu untersuchen. Es wird standardisierte Fotos zu Farbe, Grösse und Form anfertigen und die eingeschalteten Gene sowie epigenetische Marker analysieren. «Wir haben festgestellt, dass sich Quaggamuscheln, die nahe an der Oberfläche, und solche, die in der Tiefe leben, morphologisch unterscheiden, ohne dass nennenswerte genetische Unterschiede bestehen», erklärt Weber. «Es handelt sich also um zwei Ökomorphe derselben Art und nicht um zwei verschiedene Arten.»
Vorläufige Analysen deuten auf eine graduelle Veränderung der Gestalt der Weichtiere in Tiefen von 10 bis 40 Metern hin. Für genauere Untersuchungen müssen Proben im Meterabstand gesammelt werden. Weil sich der übliche mechanische Bodengreifer dafür nicht eignet, werden Taucherinnen eingesetzt. Im Gegensatz zur Wandermuschel, einer weiteren invasiven Art aus dem Schwarzmeerraum, die nur in flacheren Bereichen lebt, besiedelt die Quaggamuschel auch die tiefsten Bereiche. Das verstärkt ihre Auswirkungen auf die Umwelt und verringert die Erfolgschancen einer mechanischen Bekämpfung. Denn sie sind schwierig zu erreichen. Auch deswegen werden sie genauer untersucht.
Das Wichtigste wäre, eine weitere Ausbreitung der invasiven Art einzudämmen. Sie ist nämlich inzwischen in die meisten grossen Schweizer Seen vorgedrungen. Die Kantone führen deswegen nach und nach die Pflicht zu einer zertifizierten Reinigung mit heissem Druckwasser ein, bevor ein Boot von einem See in einen anderen übergesetzt werden darf. Dabei werden auch die Larven beseitigt, die sich im stehenden Wasser der Kühlkreisläufe der Boote befinden.
Conrads wird sich am nächsten Tag genau dieser Aufgabe widmen – es ist eine Arbeit, die mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Das soll auch verhindern, dass der Regen Larven in den Bach neben den Hallen der Eawag und von dort weiter in den Rhein spült. Das Team der Eawag will schliesslich helfen, das Problem der Quaggamuscheln zu lösen, und nicht dazu beitragen.









