Porträt von Helga Nowotny

«Viele Menschen sehnen sich danach, Dinge zu verstehen, die jenseits ihres Alltags liegen», sagt die emeritierte Wissenschaftsphilosophin Helga Nowotny. | Foto: Mafalda Rakoš

Helga Nowotny, der ERC verteilt jährlich über zwei Milliarden Euro an über 2600 Grundlagenforschungsprojekte. Was zeichnet diese aus?

Anders als bei den anderen Forschungsförderprogrammen der EU geht es in erster Linie um die Person der Wissenschaftlerin und deren Projekt. Es gibt keine thematischen Vorgaben. Die Anträge müssen nur die Kriterien wissenschaftlicher Exzellenz erfüllen, also eine eigenständige Idee oder Methode entwickeln oder diese auf neue Forschungsfragen anwenden. Das heisst aber nicht, anything goes. Was exzellent ist, wird von Panels beurteilt, die mit Topwissenschaftlern besetzt sind – und das gemäss fairen und transparenten Regeln.

Doyenne der europäischen Forschungspolitik

Helga Nowotny (89) promovierte in Rechtswissenschaften in Wien, war Professorin für Kriminologie und erwarb ein Doktorat in Soziologie an der Columbia University. Sie lebte und lehrte in den USA, England, Deutschland, Frankreich und Ungarn. Von 1995 bis 2002 hatte sie an der ETH Zürich den Lehrstuhl für Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsforschung inne. Nach ihrer Emeritierung war sie Gründungsmitglied des ERC und von 2010 bis 2013 dessen Präsidentin.

Wäre es heute noch möglich, ein derart umfassendes Förderprogramm für Grundlagenforschung zu schaffen?

Für etliche Leute grenzt die Gründung des ERC an ein Wunder. Heute kann ich mir die Verwirklichung eines solch ambitionierten Vorhabens nicht mehr vorstellen. 2004 gingen die Verhandlungen über das anstehende siebenjährige EU-Forschungsrahmenprogramm gerade in die letzte Runde. Das Zeitfenster war eng. Der EU-Kommission war nicht wirklich bewusst, wie radikal es war, die strategische Ausrichtung des Förderprogramms einem Rat aus 22 unabhängigen Wissenschaftlerinnen zu übertragen. Doch dieser wurde seit seiner Gründung 2007 zur unangefochtenen Erfolgsgeschichte der Kommission. Gäbe es den ERC nicht, müsste er erfunden werden.

Wie kam es damals dennoch zum ERC?

Der lang gehegte Wunsch der Forschungsgemeinschaft, die Grundlagenforschung zu fördern, war für die Politik kein Thema. Auf europäischer Ebene wurde ausschliesslich angewandte Forschung unterstützt. Das änderte sich erst, als einige nordische Staaten erkannten, dass die Finanzierung der Universitäten als Ort der Grundlagenforschung stagnierte und China stark aufholte. Ihre Sorge war, dass Europa längerfristig im internationalen Wettbewerb zurückfallen könnte. Bis zum Schluss gab es jedoch Widerstand von Deutschland und Grossbritannien. Sie meinten, was immer man in Brüssel mache, es könne nie so gut sein wie zu Hause.

«Leider landet die Forschung meistens unten auf der Liste.»
Dass Forschende selbst die thematischen Prioritäten und Beurteilungsmassstäbe bestimmen, wird zunehmend in Frage gestellt. In den USA wird gegen Genderforschung vorgegangen. In Europa militärische Forschung begünstigt. In der Schweiz wird beim SNF gespart.

Jedes Staatsbudget beruht auf politischen Entscheidungen und Prioritäten. Leider landet die Forschung meistens unten auf der Liste. Dass Ergebnisse von Grundlagenforschung für militärische Zwecke genutzt werden, lässt sich nie ausschliessen. Förderung von militärischer Forschung sollte aber von derjenigen für die Grundlagenforschung getrennt bleiben. Eine Verschiebung der Mittel zum Nachteil letzterer würde ich sehr bedauern.

Hinter vorgehaltener Hand hat mir ein Professor mal gesagt, dass die Hälfte der Forschung problemlos streichbar sei.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Forschungsergebnisse fliessen nicht aus einem Wasserhahn, den man auf- und zudrehen kann. Eine 50-Prozent-Kürzung hätte schlimme Folgen. Es müssen ja laufend junge Menschen für die Forschung ausgebildet werden, was Jahre dauert. Ausserdem ist die Grundlagenforschung der internationalen Konkurrenz ausgesetzt.

«Was die Privatwirtschaft fördert, würde als ausschliesslich profitorientiert betrachtet.»
Könnten Privatwirtschaft und Mäzene Grundlagenforschung ganz finanzieren?

Nein, das würde das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft zerstören, und das für lange Zeit. Ob richtig oder falsch, man würde das, was die Privatwirtschaft fördert, als ausschliesslich profitorientiert betrachten. Und Mäzeninnen können Förderung jederzeit beenden, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen.

Wie sähe ein optimales System der Forschungsförderung aus?

Die Schweiz ist sehr gut aufgestellt, da der Staat die Grundlagenforschung fördert und es der Wirtschaft überlässt, für die Entwicklung von Anwendungen aufzukommen. So gibt es sehr gut ausgebildete Hochschulabsolventen, die in der Wirtschaft ihre Kenntnisse umsetzen können. Der Weg von Grundlagenforschung zur Anwendung und Umsetzung ist dadurch kürzer als in anderen Ländern.

«Länder, deren Gesamtförderung für Forschung und Entwicklung unter einem Prozent des BIP liegt, können in der Grundlagenforschung nicht mithalten.»
Wie viel Prozent des BIP soll ein Staat in Grundlagenforschung stecken?

Länder, deren Gesamtförderung für Forschung und Entwicklung unter einem Prozent des BIP liegt, können in der Grundlagenforschung nicht mithalten. Das sieht man bei vielen osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten. Die EU strebt drei Prozent an, und einige Länder, wie auch Österreich, geben sogar mehr aus. Wie viel davon in die Grundlagenforschung fliesst, lässt sich nicht genau ermitteln.

Wie erklären Sie den Mitbürgern, dass ihr hart erarbeitetes Steuergeld in die Erforschung mittelalterlicher Streichinstrumente oder negativ gekrümmter mathematischer Räume fliessen soll?

Viele Menschen sehnen sich danach, Dinge zu verstehen, die jenseits ihres Alltags liegen. Viele sind fasziniert von Wissenschaft, und es liegt an uns Forschenden, dieser Neugier in adäquater Weise zu begegnen.

«Zur Umsetzung von Forschungsergebnissen braucht es politischen Willen und den Mut, strukturelle Reformen anzugehen.»
Wenn Sie eine reiche Mäzenin wären, welche Themen würden Sie fördern?

Ich würde mein Geld in ein Forschungsfeld investieren, das gerade entsteht: sozialwissenschaftliche Fragen mit KI und mathematischquantitativen Methoden anzugehen. Da gibt es Projekte, die den Arbeitsmarkt untersuchen, das Gesundheitssystem, die Energieversorgung, Lieferketten und grenzüberschreitende Mobilität. Ich behaupte sogar, dass wir bald eine Entwicklung sehen werden, die vergleichbar mit jener ist, als die Physiker Mitte des 20. Jahrhunderts die Lebenswissenschaften für sich entdeckten. Etliche haben damals zu ihnen gewechselt, was zusammen mit der Einführung neuer Instrumente wie Elektronenmikroskope zu einem enormen Aufschwung der Molekularbiologie führte.

Wenn Sie an die ganze Gesellschaft denken, welche Themen müssten prioritär erforscht werden?

Ich bin eher skeptisch gegenüber der Idee, Prioritäten durch die Politik vorzugeben. Es gibt sicher gesellschaftspolitisch wichtige Themen, etwa Gesundheit, Klimawandel und vor allem Innovationsfähigkeit. Aber Themensetzung allein genügt nicht. Die Forschung kann gesellschaftspolitische Probleme erforschen und versuchen, Lösungen anzubieten. Zur Umsetzung bedarf es aber mehr als Forschungsergebnisse. Sprich: Es braucht politischen Willen, den Mut zu intervenieren und strukturelle Reformen anzugehen.

«Grundlagenforschung soll gesellschaftlichen Nutzen ermöglichen, ohne jedoch im Vorhinein zu wissen, wie dieser aussehen wird.»
Erachten Sie den Begriff der Grundlagenforschung überhaupt als sinnvoll?

Unbedingt! Das hat aber nichts mit der obsoleten Unterscheidung von reiner und angewandter Wissenschaft zu tun. Grundlagenforschung soll etwas bewirken. Sie soll gesellschaftlichen Nutzen ermöglichen, ohne jedoch im Vorhinein zu wissen, wie dieser aussehen wird und wie er sich verwirklichen lässt.

Sie haben in Ihrer Karriere viele forschungspolitische Umwälzungen erlebt. Was ist Ihnen besonders geblieben?

Wie der Druck auf junge Forschende wächst. Sie sollen immer schneller publizieren, und das möglichst in High-Impact-Zeitschriften. Sie müssen sich dauernd nur auf die nächsten Karriereschritte konzentrieren.

«Mir scheint, als gebe es zurzeit eine grosse Hilflosigkeit dabei, die enormen Herausforderungen der KI anzugehen.»
Was würden Sie Wissenschaftlerinnen empfehlen, die an den Schalthebeln von Forschungsinstitutionen sitzen?

Sie sollten sich intensiv mit den Auswirkungen von KI auf Lehre und Forschung beschäftigen. Mir scheint, als gebe es zurzeit eine grosse Hilflosigkeit dabei, die enormen Herausforderungen anzugehen. Es braucht Räume, wo sich Forschende über die gemachten Erfahrungen austauschen. Wir müssen neue Organisationsformen und ein neues Ethos im Umgang mit der KI erfinden und entscheiden, wie wir in Zukunft Wissenschaft betreiben wollen.