Injektionsnadel

Blockbustermedikamente werden selten entwickelt. Dementsprechend sollte auch die Erwartung an und die Kommunikation über die Forschung angepasst werden, findet Joeri Tijdink, der zu Forschungskultur und Forschungsqualität forscht. | Foto: Philotheus Nisch

Die Wissenschaft ertrinkt in Superlativen wie «bahnbrechend», «Paradigmenwechsel », «transformativ». Diese Begriffe füllen Fördergesuche, Pressemitteilungen, Abstracts und Präsentationen, und doch haben sie selten etwas mit der Realität zu tun. Vor zehn Jahren konnte ich mit Kolleginnen und Kollegen in einer im British Medical Journal veröffentlichten Studie zeigen, dass das mehr als eine Vermutung ist: In vier Jahrzehnten hatte sich die Häufigkeit von Begriffen wie «neuartig», «robust» und «beispiellos» in Abstracts biomedizinischer Publikationen um ein Vielfaches erhöht.

«Die meisten Forschenden haben in ihrer Laufbahn noch nie einen echten Paradigmenwechsel miterlebt.»

Ich habe den Eindruck, dass sich das Problem inzwischen weiter verschärft hat. Forschende veranstalten nach wie vor Partys der Superlativen – und die Förderinstitutionen feiern kräftig mit. Sie verlangen «Impact», «Innovation», «State of the Art» und «Exzellenz». Kaum jemand könnte dabei genau erklären, was diese Schlagworte eigentlich bedeuten. Die meisten der so beworbenen Projekte liefern nie die grossen Ergebnisse, die versprochen wurden. Und die meisten Forschenden haben in ihrer beruflichen Laufbahn noch nie einen echten Paradigmenwechsel miterlebt. Nach einem solchen Wandel gefragt, lächeln die Kollegen verlegen und wechseln das Thema.

Es lohnt sich deswegen, diese Begriffe gebührend zu hinterfragen. Denn Sprache ist niemals neutral. Die Worte, die wir gegenüber Kolleginnen, Doktorierenden und Studierenden verwenden, werden von diesen oft unbemerkt verinnerlicht. Wenn eine Förderinstitution signalisiert, dass sie bahnbrechende, innovative Ergebnisse erwartet, dann beginnen wir Forschende, unsere Ideen in den Gesuchen in den höchsten Tönen zu loben, und geben uns zuversichtlicher, als wir es sind. Im Schreibprozess werden die Vorbehalte weggeschliffen, bevor das Abstract fertig ist. Und irgendwann glauben alle daran: dass Wissenschaft nur Durchbrüche liefert, kurz davor steht, Krebs zu besiegen, und regelmässig Leben rettet.

«Die jüngsten Forschenden lesen Fachartikel voller Triumphe und beginnen, an sich selbst zu zweifeln.»

Das ist es, was der Professor für Wissenschaft und Gesellschaft Daniel Sarewitz als den Mythos des «unendlichen Nutzens» bezeichnet: die Annahme, dass mehr Forschung automatisch zu mehr gesellschaftlichem Wohlergehen führt. Den höchsten Preis für diese Illusion zahlen die jüngsten Forschenden. Sie lesen Fachartikel voller Triumphe und beginnen, an sich selbst zu zweifeln: Warum veröffentlichen alle anderen bahnbrechende Ergebnisse, während sie selbst im Labor mit Daten festsitzen, die keine attraktive neue Hypothese bestätigen?

Aber die Schuld liegt nicht bei ihnen, sondern darin, dass wir uns etwas vormachen. Wir werden nicht jeden Krebs heilen. So zu tun, als könnten wir es, erhöht nur den Druck. Das Eingeständnis «Ich bin nicht sicher» sollte als ein Ausdruck von Redlichkeit gewürdigt werden, als ein Moment, der wertvoller ist als jede vorgetäuschte Gewissheit. Vor allem aber darf ein solches Eingeständnis nicht als Scheitern missverstanden werden.

Übertriebene Versprechen allenthalben

Doch hinter der Rhetorik verbirgt sich eine wichtige Unterscheidung, die mehr verdient als nur Schlagworte: die Grenze zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung. Auch wenn diese keineswegs scharf verläuft, ist die Unterscheidung hilfreich. Die Begriffe kennzeichnen die Ausrichtung der Arbeit: ob das unmittelbare Ziel darin besteht, zu verstehen oder zu nutzen. Keine der beiden Forschungsformen ist wertvoller als die andere. Das Problem übertriebener Versprechen betrifft aber beide gleichermassen.

Angewandte Forschung wird gedrängt, Wirkung und Innovation zu versprechen. Grundlagenforschung wiederum soll Durchbrüche erzielen, Neuland erobern, visionäre Perspektiven entwickeln. Für beide schleifen die Forschenden die Gesuche so, dass sie eher dem Etikett als ihrer Forschungsfrage entsprechen.

«Eine Rangordnung zwischen Grundlagen- und angewandeter Forschung ist künstlich.»

In der Folge sind beide Lager allmählich von der Überlegenheit des eigenen Ansatzes überzeugt. Die eine Gruppe beginnt zu glauben, dass ihre Entdeckungen das Rückgrat jedes Durchbruchs sind. Die andere verweist auf ihren unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen. Dabei sind beide unverzichtbar: Die Gesellschaft braucht Grundlagenforschung, um die Welt besser zu verstehen. Ohne angewandte Forschung wiederum bliebe dieses Wissen ohne praktische Wirkung. Es ist sinnvoll, zwischen beiden zu unterscheiden. Ihnen jedoch eine Rangordnung zuzuweisen, ist künstlich, subjektiv und anfällig für persönliche Vorurteile. Schliesslich ist etwa die Erforschung kognitiver Prozesse auf der Ebene einzelner Nervenzellen schlicht etwas völlig anderes als eine klinische Studie zu depressiven Symptomen. Ohne das eine gäbe es aber das andere nicht.

Was die Lager auch gemeinsam haben, ist ihr Verhältnis zur Unsicherheit. In der Grundlagenforschung ist oft völlig ungewiss, ob die Erkenntnisse jemals praktische Bedeutung erlangen. Ergebnisse, die eine Hypothese nicht bestätigen, werden kaum publiziert und selten gewürdigt. Gleichzeitig müssen Forschende Förderinstitutionen vom Wert ihrer Arbeit überzeugen, obwohl sich dieser noch gar nicht absehen lässt. Daher die Schlagworte. Die angewandte Forschung wiederum steht vor einem ähnlichen Problem: Ihr tatsächlicher Wert zeigt sich oft erst Jahre später.

Unwissenheit ist Kern der Forschung

Aufrichtigkeit wird auf keiner Seite belohnt. Wenn Forschungsinstitute auf Finanzierungssuche sind, werden Erfolgsgeschichten erzählt. Etwa die Geschichte des deutsch-türkischen Paares, das während der Pandemie den MRNA-Impfstoff zur Marktreife führte. Doch das sind Ausnahmen. Diese herauszugreifen, ist unfair und irreführend, weil dabei unterschlagen wird, dass Tausende von Studien zu keinem Durchbruch geführt haben. Sicher, solche Geschichten sind hilfreich, um Politiker zu überzeugen. Aber zumindest innerhalb der Wissenschaft sollten sie kritisch hinterfragt werden.

Oft geht vergessen, dass mit der Finanzierung des seltenen Erfolgs die Unterstützung einer Vielzahl scheinbarer Misserfolge verbunden ist. Dies wird als Survivorship Bias bezeichnet. Wenn Erfolgsgeschichten so selten sind, sollte das Wissenschaftssystem vielleicht nicht so häufig Forschungsprojekte fördern, die von den Gesuchstellenden als «innovativ» und «bahnbrechend» angepriesen werden.

«Replikationsprojekte, deskriptive Forschung und bestätigende Studien werden häufig vernachlässigt.»

Die Schlagworte strahlen also nicht nur, sie werfen auch Schatten. Arbeiten, die nicht in dieses Schema passen, lassen sich immer schwerer finanzieren und veröffentlichen. Denken wir etwa an Replikationsprojekte, deskriptive Forschung oder bestätigende Studien. Sie werden häufig vernachlässigt, weil sie nicht zu den Schlagworten der Förderinstitutionen und Verlage passen. Das ist Verschwendung von Forschungsressourcen in Zeitlupe.

Und ein weiteres Opfer übertriebener Erwartungen ist die Idee der Grundlagenforschung an sich: ergebnisoffene Untersuchungen, deren Nutzen, falls er sich überhaupt einstellt, unvorhersehbar ist und sich oft erst nach Jahrzehnten zeigt. Dies ist kein Mangel, sondern eine intrinsische Eigenschaft. Nur eine Gesellschaft, die die Geduld aufbringt, auf Ergebnisse eines jahrelangen Prozesses zu warten, wird solche Arbeit würdigen. Müsste Forschung allein privat finanziert werden, könnte sich kein Unternehmen dieses Risiko leisten.

Patienten profitieren nicht von falscher Gewissheit

Im Nebel der geforderten Durchbrüche gerät das eigentliche Ziel von Wissenschaft ausser Sicht: die Verringerung von Unsicherheit, im Wissen, dass niemand über absolute Gewissheit verfügen kann. Schon der Mathematiker und Ingenieur Claude Shannon definierte Information als die Verringerung von Unsicherheit. In ähnlicher Weise betrachtet eine einflussreiche wissenschaftstheoretische Denkweise das Forschen als schrittweises Anpassen seiner Überzeugung – oder Gewissheit – im Lichte neuer Evidenz: Am Ende sind wir ein bisschen weniger unsicher als zu Beginn. Das ist bayesianisches Denken. Ein Ergebnis erhält seinen Wert dadurch, dass es die Welt ein kleines Stück weniger ungewiss macht.

Gerade der ehrliche Umgang mit Unsicherheit ist das Wertvolle, das wir Forschende der Gesellschaft zurückgeben. Die Wissenschaft liefert in fast keiner Disziplin endgültige Wahrheiten. Sie bringt uns ihnen nur näher, ohne sie jemals ganz zu erreichen. Jede sorgfältige Studie verschiebt die Plausibilität einer Erkenntnis ein wenig in eine bestimmte Richtung. Ist das Ergebnis positiv, stärkt es das Vertrauen, dass die Erkenntnis wahr ist. Ein negatives Ergebnis dämpft es. Und jede Wiederholung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkenntnis der Realität entspricht.

«Die Gesellschaft sollte Forschende unterstützen, die gegenüber den eigenen Erkenntnissen eine gewisse Vorsicht bewahren.»

In der Medizin ist dies besonders anschaulich. Einem Patienten ist nicht geholfen, wenn die Ärztin einen Grad an Gewissheit vorgibt, den die Evidenz nicht stützt. Er profitiert von einer Person, die sagen kann, wie sicher er aufgrund der verfügbaren Daten sein kann und wo die Grenzen dieser Sicherheit liegen. Die Gesellschaft sollte Forschende unterstützen, die gegenüber den eigenen Erkenntnissen und denjenigen anderer eine gewisse Vorsicht bewahren. Und Forschende sollten Förderinstitutionen, wissenschaftliche Verlage, Kolleginnen und Kollegen sowie Studierende dafür sensibilisieren.

Forschungsbewertung sollte so reformiert werden, dass wissenschaftliche Sorgfalt anstatt angeblich bahnbrechender Ergebnisse belohnt wird. Förderinstitutionen könnten Präregistrierungen und Replikationen von Studien unterstützen, statt Forschende dazu zu verleiten, ihre Artikel so zu verfassen, als hätten sie die Ergebnisse schon immer erwartet. Wir werden höchstwahrscheinlich weder Demenz noch Depressionen in absehbarer Zeit heilen, aber wir können Unsicherheit hinsichtlich Behandlungen und Prognosen verringern.

Von einem echten Paradigmenwechsel

Steuerzahlende haben ein Recht auf Ehrlichkeit, übertriebene Versprechen schaden ihnen dagegen. Eine Öffentlichkeit, die über wissenschaftliche Unsicherheit Bescheid weiss, kann der Wissenschaft vielleicht eher vertrauen, wenn es darauf ankommt – etwa während einer Pandemie –, als wenn sie Wunder erwartet und sich betrogen fühlt, wenn diese ausbleiben.

Wenn wir Forschende die Verringerung von Unsicherheit zu unserem Leitmotiv machen, verändert sich die Ausrichtung der Arbeiten: Der Fokus verlagert sich von den Ergebnissen auf den Prozess, von der Ziellinie auf den Weg dorthin, von der Schlagzeile auf die Sorgfalt. In den Vordergrund rücken Begriffe wie Zuverlässigkeit, Stringenz und Reproduzierbarkeit. Das ist weder glamourös noch Stoff für einen Nobelpreis. Aber sie beschreiben, wozu Wissenschaft eigentlich da ist. Ihr Kern ist nicht das Streben nach Durchbrüchen. Es geht vielmehr darum, all die kleinen Puzzleteile zusammenzufügen, die bis dato ein unvollkommenes, verstreutes und unvollständiges Bild ergeben.

«Vielleicht ist der vielversprechendste Schritt, die eigenen Adjektive infrage zu stellen.»

Sprache zu ändern, ist schwierig: nicht Durchbrüche, sondern Weiterführung; nicht Innovation, sondern Replikation; nicht bahnbrechende Ergebnisse, sondern differenzierte Erkenntnisse, die eine Diskussion eröffnen. Der Soziologe Robert K. Merton zählte den organisierten Skeptizismus zu den Grundnormen der Wissenschaft: die Pflicht, jede Behauptung zu hinterfragen, auch die eigene.

Vielleicht ist der vielversprechendste Schritt, die eigenen Adjektive infrage zu stellen. Wenn es gelänge, den Wortschatz zu verändern, anders über die eigenen Ergebnisse und die eigene Wissenschaft zu sprechen, dann wäre das wirklich bahnbrechend, innovativ und – ja – ein echter Paradigmenwechsel.

Joeri Tijdink lehrt am Institut für Ethik, Recht und Geisteswissenschaften des Amsterdam University Medical Center in Amsterdam und fokussiert auf Forschungskultur und Forschungsqualität.