Leeres Rednerpult

Wenn Studierende nicht wollen, dass eine bestimmte Person an einer Hochschule auftritt, kann es unterschiedliche Gründe dafür geben. Die Haltung dahinter herauszufinden, ist nicht einfach. | Foto: istockphoto

Studierende wollen unerwünschte Meinungen vom Campus verbannen, fand 2020 eine Studie des Soziologen Matthias Revers von der Universität Leeds und des Politologen Richard Traunmüller von der Universität Mannheim heraus. Gegenüber Horizonte sagte Revers damals in einem Interview: «Bis zu einem Drittel der Studierenden würden missliebige Bücher aus der Bibliothek entfernen. Das ist schon schockierend.»

Claudia Diehl und Nils Weidmann von der Universität Konstanz kritisierten die Schlussfolgerung der Studie. Angenommen, eine Rednerin soll ausgeladen werden, weil sie argumentiert, dass es nur zwei biologisch geprägte Geschlechter gibt: Das könnte nicht nur als Diskriminierung ihrer Position interpretiert werden, sondern auch als Schutz für Transmenschen.

Die Idee: gemeinsam eine neue Studie entwerfen, die zwischen den unterschiedlichen Hypothesen der Forschenden unterscheiden kann.

Üblicherweise würden Forschende nun eine Gegenstudie durchführen. Stattdessen entschieden sich die beiden Parteien für eine gegnerische Zusammenarbeit oder auch adversarial collaboration. Die Idee: gemeinsam eine neue Studie entwerfen, die zwischen den unterschiedlichen Hypothesen der Forschenden unterscheiden kann.

Um die Haltung hinter ihren Antworten zu untersuchen, wurden über 3300 Studierenden an deutschen Universitäten fiktive Veranstaltungen vorgelegt: mit konservativen oder progressiven Positionen, die entweder nur eine Sichtweise präsentieren oder auch Massnahmen fordern. Die Befragten mussten entscheiden, ob die Hochschulleitungen etwa die Veranstaltung absagen sollten.

«Welcher Schaden entstünde, wenn eine Stimme gehört würde?»Richard Traunmüller und Claudia Diehl

Diehl und Traunmüller kommentierten im November 2025 in «Die Zeit» gemeinsam, was die Studierenden geantwortet hatten: «Das Ergebnis war eindeutig: Wird eine Position in ihrer konservativen Variante präsentiert, steigt die Bereitschaft zur Einschränkung akademischer Freiheit deutlich.»

Der politische Inhalt eckte bei den Studierenden mehr an als die konkreten Folgen für eine marginalisierte Gruppe. Die beiden Forschenden forderten daher, die Universitäten müssten auch moralische Reflexe beurteilen und sich fragen: «Welcher Schaden entstünde, wenn eine Stimme gehört würde?»