Fokus: Lange Leben
Kleine Schau wahrer Überlebensfreaks
Sie fliegen Millionen von Kilometern, schwimmen durch Jahrhunderte oder trotzen seit Jahrtausenden Wind und Wetter. Treffen mit den erstaunlichsten greisen Lebewesen.
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Illustration: Melanie Grauer
6 — Riesenschwamm gewinnt
Das allerälteste dokumentierte Tier der Welt ist ein Exemplar des Riesenschwamms Anoxycalyx joubini. Er ist mehr als 10 000 Jahre alt. Das haben Messungen seines Sauerstoffgehalts ergeben, denn je älter der Schwamm ist, desto mehr Sauerstoff enthält sein Gewebe. Er hat jeweils einen Durchmesser von etwa zwei Metern und lebt verankert am Grund des Antarktischen Ozeans. Derart alt werden diese Lebewesen wohl, weil sie mit wenig Sauerstoff auskommen und ihr Stoffwechsel massiv verlangsamt ist.
Ein weiteres skurriles Wassertier, die Qualle Turritopsis dohrnii, ist theoretisch sogar unsterblich. Ihre beiden Lebensstadien – die am Meeresgrund verankerten Polypen und die freischwimmenden Medusen – sind genetisch identisch. Und im Gegensatz zu anderen Quallen kann Turritopsis dohrnii bei Stress aus den Medusen wiederum neue Polypen entstehen lassen. Diesen Polypen-Medusen-Polypen-Lebenszyklus können die Tiere im Prinzip beliebig häufig durchlaufen.
5 — Albatros brütet mit 74
Auch manche Vögel können sehr alt werden. Kolkraben werden über 30, manche Papageienarten über 60 Jahre alt. Der älteste bestätigte Wildvogel ist ein Weibchen der Laysanalbatrosse, das auf dem Midway-Atoll mitten im Pazifik lebt und auf den Namen Wisdom getauft wurde. Wisdom wurde 1956 – damals geschätzt fünf Jahre alt – erstmals beringt. Die heute 74-Jährige brütet sogar noch: Zuletzt schlüpfte Ende Januar 2025 ein gesundes Küken. Das machte Wisdom zum Medienstar. Unzählige Fotos, Medienberichte und Fernsehbeiträge gingen um die Welt. Geschätzt hat Wisdom übrigens in ihrem Leben fast fünf Millionen Flugkilometer zurückgelegt – umgerechnet 125-mal um die Welt.
4 — Bärtierchen im Stillstand
Dafür, dass sie so winzig sind, werden Bärtierchen, auch Tardigrada genannt, unglaublich alt. Sie sind kleiner als einen Millimeter, leben aber je nach Art bis zu zweieinhalb Jahre lang. Zudem sind die Tierchen schier unzerstörbar. Unter Stress wechseln sie in eine widerstandsfähige Form, das Tönnchenstadium. Dabei kugeln sie sich ein und bringen ihren Stoffwechsel zum Stillstand. So halten sie Trockenheit, extreme Kälte, Strahlung und sogar Aufenthalte im Weltraum aus. Sind die Bedingungen wieder günstiger, kehren sie in ihre normale Form zurück und leben weiter, als wäre nichts gewesen. So dokumentierte 2016 eine Studie, wie Bärtierchen nach 30 Jahren Stoffwechselstopp wieder auflebten und sich fortpflanzten.
3 — Flickkönigin Fledermaus
Kleine Tiere werden deutlich weniger alt als grosse. Aus Sicht der Evolution ist das nachvollziehbar, denn Körperzellen fit zu halten und so seine Lebensspanne zu verlängern, kostet Energie. Je grösser das Risiko, früh zur Beute zu werden, desto weniger lohnt sich der Aufwand. So werden Mäuse nur zwei bis drei Jahre alt, Rehe können 15 Jahre alt werden, Elefanten bis 70. Doch es gibt Ausnahmen von diesem Muster.
Eine der frappantesten sind die Fledermäuse. Das älteste bekannte Individuum, das der weniger als zehn Gramm wiegenden Art Grosse Bartfledermaus angehörte, wurde mindestens 41. «Wenn man die Körpergrösse berücksichtigt, entspricht das etwa 250 Menschenjahren», sagt Emma Teeling, Forscherin am University College Dublin. Der Aufwand fürs lange Leben ist beträchtlich, lohnt sich aber, da die Fledermäuse den meisten Beutegreifern davonfliegen können. «Dafür müssen die Tiere molekulare Schäden in Proteinen und der DNA reparieren, die sich mit der Zeit in den Zellen ansammeln», sagt Teeling. Bei Mausohr-Kolonien in Frankreich – zu dieser Gattung gehört die Bartfledermaus – entdeckte sie, dass die molekularen Reparaturprozesse nicht wie bei andern Arten im Alter schwächer, sondern stärker werden.
2 — Grönlandhai im Kältemodus
Die langlebigsten Säugetiere sind nach heutigem Wissensstand die Grönlandwale: Sie können über 200 Jahre alt werden. Ein Grund dafür ist vermutlich ihr ungewöhnlich aktiver DNA-Reparaturprozess, der die Ansammlung von Schäden im Erbgut verlangsamt. Noch älter wird aber ihr Namensvetter, der Grönlandhai. «Diese Art ist das langlebigste Wirbeltier der Welt», bestätigt John Fleng Steffensen, Meeresbiologe an der Universität Kopenhagen. In einer Studie von 2016 hatte Steffensens Forschungsteam das Alter von 28 Exemplaren bestimmt, die Fischer als Beifang vor Grönland und Spitzbergen herausgezogen hatten.
Die Forschenden staunten selbst, als das älteste Tier – ein Weibchen von fünf Metern Länge – sich als rund 400 Jahre alt entpuppte.
Demnach wachsen die Tiere extrem langsam. Aus den Daten schätzte das Team auch ab, dass die Haie erst mit etwa 150 Jahren überhaupt geschlechtsreif werden. «Ein Grund für dieses langsame Altern könnte sein, dass die Tiere in den Tiefen des Ozeans leben, wo das Wasser minus 1,8 bis maximal plus 8 Grad Celsius kalt ist», sagt Steffensen. Als wechselwarmes Tier passt der Grönlandhai seine Körpertemperatur an die eisige Umgebung an, wodurch sein Stoffwechsel verlangsamt abläuft– ein Leben in Zeitlupe. Zudem weiss man durch eine Studie von 2024, dass im Erbgut des Grönlandhais Gene dupliziert sind, die mit der DNA-Reparatur zusammenhängen.
1 — Wackere Kiefer Methuselah
Bei uralten Bäumen denken die meisten wohl als Erstes an die gewaltigen Mammutbäume. Tatsächlich können diese ein greises Alter erreichen: Die ältesten Exemplare in der kalifornischen Sierra Nevada stehen dort seit über 3200 Jahren. Noch älter sind aber manche Langlebige Kiefern in den White Mountains in Kalifornien. Ganze 4850 Jahre alt ist das älteste belegte Exemplar, das passenderweise Methuselah getauft wurde.
Die Langlebigen Kiefern gelten denn auch als die langlebigsten nicht-klonalen Bäume der Welt. Also solche, bei denen Stamm und Krone tatsächlich schon Tausende Jahre Wind und Wetter trotzen und nicht einfach nur genetisch gleich bleiben. Dagegen können Klonbäume noch älter werden. So wie Old Tjikko, eine Gemeine Fichte im Nationalpark Fulufjället in Schweden. Zwar erneuert sich ihr Stamm alle 600 Jahre, aber das Wurzelwerk ist an die 10 000 Jahre alt.