Laurence Toutous Trellu von den Universitätsspitälern Genf hat einen ausgeprägten Sinn fürs Ästhetische. | Foto: Guillaume Megevand

Im Schneidersitz vor dem Genfer Springbrunnen betrachtet Laurence Toutous Trellu den See. «Diese Farbe, diese Reinheit hat etwas Magisches. Es macht mir Freude, das Schöne zu suchen.» Der Sinn für Ästhetik, das Gespür für Nuancen, Texturen und Lichtspiele hat die Ärztin schon immer begleitet. Ihr aufmerksamer Blick hat in einen besonderen Bereich der Medizin geführt: zur Haut, zu einer lebendigen Oberfläche, auf der sich die Spuren der Zeit und das fragile Gleichgewicht des Körpers abzeichnen.

Mit ihrem auf der Landschaft ruhenden Blick wirkt Toutous Trellu gelassen. Eine willkommene Auszeit zwischen den immer dichter gesetzten Sprechstunden und Verantwortlichkeiten in Forschung und Lehre. Der See, in dem sie das ganze Jahr über badet, schenkt ihr einen seltenen Moment der Ruhe.

Einsatz gegen Aids

Laurence Toutous Trellu (58) ist Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Nach ihrem Medizinstudium in Brest spezialisierte sie sich in Paris und promovierte dort 1997 an den öffentlichen Universitätsspitälern. Anschliessend wechselte sie an die Universitätskliniken Genf in die Abteilung für HIV/Aids. Seitdem lebt sie in der Schweiz, wurde 2011 Privatdozentin an der Universität Genf und 2024 zur ausserordentlichen Professorin ernannt. Sie forscht hauptsächlich zu Hautinfektionen, vernachlässigten Tropenkrankheiten und sexuell übertragbaren Leiden. Dabei unterhält sie zahlreiche internationale Kooperationen und engagiert sich bei Ärzte ohne Grenzen.

Das belebende Blau erinnert die Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten auch an ihre Kindheit, die sie am Atlantik in der Bretagne verbracht hat. Als junge Frau packte sie zunächst die Idee, den Menschen «mit all seinen Schönheiten und Unvollkommenheiten» zu verstehen, und sie wendete sich der Anthropologie und der Ethnografie zu. Schliesslich entschied sie sich jedoch für die Medizin, weil diese die menschliche Komplexität mit der konkreten Behandlung verbindet.

Nach dem Studium verliess Toutous Trellu die Bretagne und zog in das pulsierende Paris. Dort traf sie auf internationale Offenheit. «Eine globale Perspektive mit einem umfassenderen Blick auf den Menschen hat mich schon immer fasziniert. Paris war ein idealer Startpunkt, um die Vielfalt von Menschen unterschiedlicher Farbe, Herkunft und Berufe kennenzulernen.»

«Ich habe mein Praktikum in den 1990er-Jahren absolviert, mitten in den Aidsjahren. Das war ein Schock.»

Mit ihrem Pariser Mikroskop betrachtete die junge Forscherin Schnitte von menschlichem Gewebe, Mikroorganismen und andere «kleine Tierchen». Dabei entschied sie sich für die Spezialisierung in Dermatologie, einem sehr visuellen Fachgebiet. Doch Schönheit und Farben sind im oft rauen medizinischen Umfeld manchmal schwer zu erkennen. «Ich habe mein Praktikum in den 1990er-Jahren absolviert, mitten in den Aidsjahren. Das war ein Schock», erinnert sich Toutous Trellu. «Man musste sofort handeln, die erkrankten Menschen so gut wie möglich versorgen.»

Sie erkannte, wie präzise es sich von den sichtbaren Zeichen auf der Haut auf die zugrunde liegende Infektion und ihre Komplikationen schliessen liess. Und so fand sie sich im Fachgebiet der infektiösen Dermatologie wieder. Nach Paris boten ihr die Universitätskliniken Genf eine Stelle in der HIV/Aids-Abteilung an, später wechselte sie zu den Haut- und Geschlechtskrankheiten.

Bei Ärzte ohne Grenzen, Studie über Kolonialzeit

Laurence Toutous Trellu wendet ihren Blick vom See auf ihre Uhr, steht auf und greift nach ihrem Velo. Auf dem Rückweg ins Spital wird die Stille des Wassers schnell vom Rummel der Autos und Passanten abgelöst. Das Sprachengewirr zeugt von der Internationalität Genfs. «Ich liebe es, andere Menschen kennenzulernen.

Ich reise auch gerne, bin ein bisschen ruhelos», lächelt die Forscherin, während sie ihr Velo schiebt. Sie erzählt von Reisen nach Kamerun, Mosambik und Eswatini, wo sie sich in Projekten von Ärzte ohne Grenzen engagierte, und zuletzt in die Elfenbeinküste in Zusammenarbeit mit der WHO. In diesen Ländern stellte sie Diagnosen, führte Tests durch und behandelte, oft nur mit einfachen Mitteln. Dabei kooperierte sie mit lokalen Ärzten und führte Präventionskampagnen gegen sexuell übertragbare Krankheiten durch. «Diese Arbeit ist für alle sehr motivierend. Man lernt von den Kolleginnen, und die Patienten sind sehr dankbar.»

«Manchmal überlege ich, alles hinzuschmeissen und Floristin zu werden.»

Zum Schock der Aidsjahre kam nun der Schock der Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung dazu. Diese zu bekämpfen, war der Ärztin ein Anliegen. Auch wenn sie ihren entschlossenen Einsatz nie aufgab, hat sie inzwischen dennoch gewisse Vorbehalte gegenüber der Idee entwickelt, dass eine Ärztin ohne jede weitere Überlegung als Retterin auftauchen sollte: «Jeder Ort hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Gewohnheiten.» Das sind Einsichten, die sie bei interdisziplinären Kooperationen gewann, darunter ein Forschungsprojekt, das sich mit den sogenannten ewigen Infektionskrankheiten befasste. Sie untersuchte dabei gemeinsam mit Historikern die Gesundheitsversorgung in der Kolonialzeit.

Die gebürtige Bretonin erzählt, dass ihr die Freude an der intellektuellen Vielfalt der Zusammenarbeiten hilft, um mit der Brutalität ihres Berufs zurechtzukommen, der sie mit tiefen Wunden und viel Leid konfrontiert. Eine Härte, die sie manchmal erwägen lässt, «alles hinzuschmeissen und Floristin zu werden», um sich nur mit Farben und Schönheit zu umgeben. Doch die Leidenschaft für ihre Arbeit und das Bedürfnis, menschliche Geheimnisse zu ergründen, lässt sie diese Idee immer wieder verwerfen.

Verstaubte Sammlungen digitalisieren

Um Ästhetik und Medizin zu verbinden, beteiligt sie sich an Archimed, einem Projekt zur Digitalisierung medizinischer Archive des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Fachpersonen aus den Bereichen Digital Humanities und Geschichte haucht sie den Sammlungen von verstaubten medizinischen Berichten und Dünnschnitten von Gehirnen sowie anderen menschlichen Geweben neues Leben ein.

Damit lassen sich Fragen beantworten wie: Unterscheiden sich Gewebe aus der Zeit vor und nach der Einführung von Penicillin? Oder: Lässt sich KI so trainieren, dass sie diese Proben nach Pathologien klassifizieren kann? «Es ist wie ein Herbarium aus getrockneten Blüten, nur dass wir hier Biopsien und Patientendossiers scannen», schwärmt Toutous Trellu.

Keine Angst vor Hektik

Vor dem Spital stellt die Dermatologin ihr Velo ab und betritt das Julliard-Gebäude der Genfer Spitäler, wo die hastigen Schritte des Pflegepersonals in weissen Kitteln wiederum im Kontrast zur Ruhe am See stehen. Hier sorgen das ständige Piepen der Maschinen und das Gewimmel von Personal und Patienten für einen unaufhörlichen Trubel.

Die Weite des Genfersees weicht zudem einem kleinen Raum voller Akten und Computerbildschirme. Toutous Trellu jongliert mit drei Telefonen, und auf ihrem Schreibtisch wartet ein Stapel Dokumente. «Es gibt ständig etwas zu unterschreiben», erklärt sie.

«Ich sehe Menschen, die leiden. Aber während sie auf ihre Behandlung warten, lesen sie wunderbare Bücher.»

Bald muss sie die Patientinnen besuchen, die in der von ihr geleiteten Dermatologie hospitalisiert sind. Eine Hektik, die ihr keine Angst macht, sondern ihre Entschlossenheit und Leidenschaft nährt. Hinter ihr hängt das Foto einer Ballerina, deren Eleganz dem Raum Leichtigkeit verleiht – zweifellos eine Erinnerung daran, dass das Schöne nie weit entfernt ist.

Laurence Toutous Trellu scheint die Fähigkeit zu besitzen, dieses Schöne überall zu finden. «Es sind die Patienten, die uns das beibringen», lächelt sie. «Ich sehe Menschen, die leiden. Aber während sie auf ihre Behandlung warten, lesen sie wunderbare Bücher.» Ästhetik begleitet die Amateuroboistin durch ihr ganzes Leben: «Da sind einerseits die Noten, die auf dem Notenblatt stehen und denen man fast mechanisch folgt. Andererseits gibt es aber Nuancen; Piano, Pianissimo, Mezzoforte, die dem Alltag Harmonie und Emotionen verleihen.»