Soll die Wissenschaft gebremst werden?
Eine beschleunigende Wissenschaft hat das Potenzial, die Probleme der Menschheit schneller zu lösen. Allerdings könnte auch die Qualität der Forschung darunter leiden. Soll sie verlangsamt werden? Zwei unterschiedliche Meingungen.

Foto: ZVG

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Die Wissenschaft eilt schneller voran denn je. Neue Werkzeuge ermöglichen es, Daten in einem Tempo zu generieren, das noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Geschwindigkeit ist zu einer Tugend an sich geworden. Das wirft eine wichtige Frage auf: schneller wofür?
Erkenntnisse aus der Forschung sind nicht einfach ein Produkt – sie stehen am Ende eines Prozesses, der sorgfältige Validierung, kritische Debatten und Zeit zum Nachdenken erfordert. Wenn das Tempo zu hoch ist, geraten diese Elemente unter Druck. Peer-Reviews werden überstürzt durchgeführt, die Reproduzierbarkeit wird vernachlässigt, Forschende publizieren rasch statt gründlich. Daraus erwächst nicht nur eine überwältigende Informationsflut, sondern auch Unsicherheit darüber, was vertrauenswürdig ist und was irreführend, unausgereift oder sogar falsch.
Die Wissenschaft verlangsamen zu wollen, bedeutet nicht, gegen Innovation oder technologischen Fortschritt zu sein. Es bedeutet anzuerkennen, dass gute Forschung Zeit braucht: zum Erkunden von Ideen, zum Hinterfragen, zum Austausch und zur Korrektur von Fehlern. Dadurch erhalten ethische, soziale und ökologische Überlegungen mehr Raum – Elemente, die oft übersehen werden, wenn Geschwindigkeit dominiert.
Die Gesellschaft braucht ausserdem Zeit, um Erkenntnisse zu verstehen, zu diskutieren und darauf zu reagieren. Wenn die Wissensproduktion schneller voranschreitet als die öffentliche Diskussion, besteht Gefahr, dass Entscheidungen ohne ausreichende Reflexion getroffen, Ungleichgewichte verstärkt oder wichtige Perspektiven übersehen werden. Hinzu kommt die menschliche Dimension. Hohes Tempo kann Stress verstärken und Karrierewege unsicher machen. Ein langsamerer Ansatz fördert nachhaltige Forschung, gesündere Arbeitsbedingungen und letztlich bedeutsamere Beiträge. Bei der Entschleunigung von Wissenschaft geht es also nicht darum, weniger zu tun, sondern es besser zu tun.
Mirjam Heldner ist Neurologin am Inselspital Bern. Sie hat bei der «Better Science Initiative» mitgewirkt.
Wer das will, muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen: Was genau soll nicht entdeckt werden? Welche Therapie braucht es morgen noch nicht? Mit welchem Problem sollen sich unsere Enkel herumschlagen müssen? Die Forderung nach einer Bremse klingt so lange vernünftig, bis man sie konkretisiert. Dann wird sie rasch absurd.
In der Geschichte wollten vor allem drei Gruppen die Wissenschaft beschränken: religiöse Fundamentalisten, autoritäre Regimes und ökonomische Interessengruppen. Natürlich hat die aktuelle Debatte andere Motive als Basis. Aber der Grundimpuls bleibt: Jemand möchte entscheiden, für welche Erkenntnisse es noch zu früh ist. Wer das will, glaubt zu wissen, wofür die Menschheit noch nicht reif ist.
Oft wird von solchen Gruppen gesagt, man wolle nur Leitplanken setzen, um gewisse gefährliche Resultate zu verhindern. Dieses Anliegen ist legitim, aber es zielt fälschlicherweise auf die Wissenschaft statt auf deren Nutzung. Es vermischt Erkenntnis mit Anwendung, Forschung mit Produkt. Das ist heikel, denn wer die Forschung stoppt, bremst auch das Verständnis ihrer Risiken und macht damit die Welt unsicherer. Im heutigen Kontext zielt die Forderung nach einer Bremse oft auf die künstliche Intelligenz. Die Entwicklung gehe zu schnell, man verliere die Kontrolle über die Qualität wissenschaftlicher Artikel. Das Problem ist real. Aber es ist kein Problem der Wissenschaft, sondern des für eine andere Zeit gebauten Publikationssystems. Wer die Qualität sichern will, muss bei der Bewertung ansetzen, nicht beim Tempo.
Klar, nicht jede Erkenntnis ist automatisch ein Segen. Missbrauchspotenziale sind real. Aber die beste Antwort auf Risiken war noch nie Unwissen. Wir forschen aus Neugier, aus Faszination, aus dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Und weil dieses Verständnis letztlich das Leben der Menschen verbessert: sicherere Therapien, sauberere Energie, präzisere Diagnostik. Das braucht Begleitung, Regeln, Verantwortung, aber keine Bremse.
Marcel Salathé leitet an der EPFL das Labor für digitale Epidemiologie und ist Co-Direktor des AI Centers.

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Die Wissenschaft eilt schneller voran denn je. Neue Werkzeuge ermöglichen es, Daten in einem Tempo zu generieren, das noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Geschwindigkeit ist zu einer Tugend an sich geworden. Das wirft eine wichtige Frage auf: schneller wofür?
Erkenntnisse aus der Forschung sind nicht einfach ein Produkt – sie stehen am Ende eines Prozesses, der sorgfältige Validierung, kritische Debatten und Zeit zum Nachdenken erfordert. Wenn das Tempo zu hoch ist, geraten diese Elemente unter Druck. Peer-Reviews werden überstürzt durchgeführt, die Reproduzierbarkeit wird vernachlässigt, Forschende publizieren rasch statt gründlich. Daraus erwächst nicht nur eine überwältigende Informationsflut, sondern auch Unsicherheit darüber, was vertrauenswürdig ist und was irreführend, unausgereift oder sogar falsch.
Die Wissenschaft verlangsamen zu wollen, bedeutet nicht, gegen Innovation oder technologischen Fortschritt zu sein. Es bedeutet anzuerkennen, dass gute Forschung Zeit braucht: zum Erkunden von Ideen, zum Hinterfragen, zum Austausch und zur Korrektur von Fehlern. Dadurch erhalten ethische, soziale und ökologische Überlegungen mehr Raum – Elemente, die oft übersehen werden, wenn Geschwindigkeit dominiert.
Die Gesellschaft braucht ausserdem Zeit, um Erkenntnisse zu verstehen, zu diskutieren und darauf zu reagieren. Wenn die Wissensproduktion schneller voranschreitet als die öffentliche Diskussion, besteht Gefahr, dass Entscheidungen ohne ausreichende Reflexion getroffen, Ungleichgewichte verstärkt oder wichtige Perspektiven übersehen werden. Hinzu kommt die menschliche Dimension. Hohes Tempo kann Stress verstärken und Karrierewege unsicher machen. Ein langsamerer Ansatz fördert nachhaltige Forschung, gesündere Arbeitsbedingungen und letztlich bedeutsamere Beiträge. Bei der Entschleunigung von Wissenschaft geht es also nicht darum, weniger zu tun, sondern es besser zu tun.
Mirjam Heldner ist Neurologin am Inselspital Bern. Sie hat bei der «Better Science Initiative» mitgewirkt.

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Wer das will, muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen: Was genau soll nicht entdeckt werden? Welche Therapie braucht es morgen noch nicht? Mit welchem Problem sollen sich unsere Enkel herumschlagen müssen? Die Forderung nach einer Bremse klingt so lange vernünftig, bis man sie konkretisiert. Dann wird sie rasch absurd.
In der Geschichte wollten vor allem drei Gruppen die Wissenschaft beschränken: religiöse Fundamentalisten, autoritäre Regimes und ökonomische Interessengruppen. Natürlich hat die aktuelle Debatte andere Motive als Basis. Aber der Grundimpuls bleibt: Jemand möchte entscheiden, für welche Erkenntnisse es noch zu früh ist. Wer das will, glaubt zu wissen, wofür die Menschheit noch nicht reif ist.
Oft wird von solchen Gruppen gesagt, man wolle nur Leitplanken setzen, um gewisse gefährliche Resultate zu verhindern. Dieses Anliegen ist legitim, aber es zielt fälschlicherweise auf die Wissenschaft statt auf deren Nutzung. Es vermischt Erkenntnis mit Anwendung, Forschung mit Produkt. Das ist heikel, denn wer die Forschung stoppt, bremst auch das Verständnis ihrer Risiken und macht damit die Welt unsicherer. Im heutigen Kontext zielt die Forderung nach einer Bremse oft auf die künstliche Intelligenz. Die Entwicklung gehe zu schnell, man verliere die Kontrolle über die Qualität wissenschaftlicher Artikel. Das Problem ist real. Aber es ist kein Problem der Wissenschaft, sondern des für eine andere Zeit gebauten Publikationssystems. Wer die Qualität sichern will, muss bei der Bewertung ansetzen, nicht beim Tempo.
Klar, nicht jede Erkenntnis ist automatisch ein Segen. Missbrauchspotenziale sind real. Aber die beste Antwort auf Risiken war noch nie Unwissen. Wir forschen aus Neugier, aus Faszination, aus dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Und weil dieses Verständnis letztlich das Leben der Menschen verbessert: sicherere Therapien, sauberere Energie, präzisere Diagnostik. Das braucht Begleitung, Regeln, Verantwortung, aber keine Bremse.
Marcel Salathé leitet an der EPFL das Labor für digitale Epidemiologie und ist Co-Direktor des AI Centers.