Fahrgäste in der U-Bahn von Buenos Aires (subte) in 2015.

Nicht immer geht es in der U-Bahn von Buenos Aires so ruhig zu und her wie auf diesem Foto von 2015 – zumindest, wenn man den Tweets glaubt, die dort abgesetzt wurden. | Foto: Paul Hahn / Keystone

Ob es um Rempeleien, laute Gespräche oder Schwarzfahren geht: Wer sich im öffentlichen Verkehr über seine Mitreisenden nervt, greift heutzutage offenbar gerne zum Handy. Statt Störenfriede direkt anzusprechen und einen handfesten Streit zu riskieren, verschafft man seinem Ärger auf Social Media Luft. Wie genau, haben nun Forschende der Universitäten Lausanne und Buenos Aires anhand von Nachrichten auf Twitter (heute X) untersucht, die zwischen 2017 und 2022 in der U-Bahn von Argentiniens Hauptstadt entstanden sind.

«Wie konnte es nur normal werden, die Leute in der U-Bahn rumzuschubsen? Ich könnte diesen Arsch­löchern den Ellenbogen reinhauen.»

«Könntet ihr auch die U-Bahn-Fahrenden anschreien, die es einfach nicht checken? Zuerst aussteigenlassen, dann einsteigen!»

Tweets, abgesetzt in der Metro von Buenos Aires zwischen 2017 und 2022.

Für ihre sozialpsychologische Studie sammelten die Forschenden über 12 000 Kurznachrichten und analysierten sie inhaltlich in sechs Themengruppen. Was die Reisenden in der viel genutzten U-Bahn von Buenos Aires besonders ärgerte: überfüllte Wagen, Drängeln sowie starrende Blicke. Beklagt wurde egoistisches Verhalten und allgemein, dass die sozialen Regeln im Nahverkehr nicht einheitlich durchgesetzt würden, so die Studie.

Kurznachrichten würden als Ventil genutzt, um mühsame Alltagserlebnisse in der U-Bahn in Echtzeit auszudrücken. Mehr noch: «Die Frustrationen sammelten sich bei den Fahrgästen an und kehrten in aggressiverer Form online wieder», sagt Maite Regina Beramendi, Erstautorin der Studie. Dies könne die Normen aufweichen und damit das Klima im öffent­lichen Raum vergiften. Übrigens: Ein ebenfalls wiederkehrendes Thema der verärgerten Tweets waren ausgerechnet Mitreisende, die sich in der U-Bahn mit ihren Handys beschäftigten.

M. R. Beramendi et al.: From silent discontent to digital outrage: negotiating social norms in the Buenos Aires subway. Travel Behaviour and Society (2026)