Eine Karriere in der Privatwirtschaft ist keine Einbahn
Der ehemalige Postdoc Anthony Guihur rät Doktorierenden zum Sprung in die Unternehmenswelt.

Illustration: Stefan Vecsey
Als Nachwuchsforscher habe ich zunächst den scheinbar in Stein gemeisselten akademischen Weg eingeschlagen – endlos publizieren und irgendwann eine unbefristete Stelle ergattern oder untergehen. Ich befürchtete, dass ich in der Industrie meine Ideale verraten müsste. Unternehmen hielt ich für profitgierige, bürokratische Gebilde, die jede Neugier im Keim ersticken. Wie falsch ich doch lag! Auf einer Karrieremesse lernte ich innovative Unternehmen als Partner für die Entwicklung zukünftiger Lösungen kennen: Eine Firma präsentierte ihr Projekt zu Immuntherapie bei Krebs. Eine andere stellte ihre Technologien für erneuerbare Energien vor. Das sind edle Missionen, bei denen kluge Köpfe zusammenarbeiten.
Als ich nach meinem Postdoc zu einem Biotech-Start-up wechselte, ermutigte man mich, ambitionierte Initiativen zu lancieren. Ich leitete Projekte, die das Leben von Menschen konkret verbessern, anstatt Publikationen zu einem Nischenthema zu veröffentlichen. Ich war in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktdesign, Marktanalyse, Kundenkontakt tätig und lernte neue Sichtweisen auf Probleme kennen. Dabei musste ich keineswegs meine Integrität opfern, sondern konnte das Know-how aus dem Doktorat täglich einsetzen. Meine Firma schätzte die Verbindung von intellektueller Motivation und Geschäftsinstinkt. Ich habe mich zum Beispiel mit Kollegen von der Universität beraten, um unsere Planung in Forschung und Entwicklung so abzustimmen, dass beide Seiten profitieren.
An Hochschulen wird ein solcher Wechsel oft als Verkauf der Seele oder als Abstieg gesehen. Die Bedenken lösen sich in Luft auf, wenn man greifbare Fortschritte für die Menschen erzielt. Ich musste mich also nicht für eine Seite entscheiden, sondern fand ein Terrain, auf dem Wissenschaft und Industrie partnerschaftlich gedeihen. Ohne dieses bleiben beide stecken – die Wissenschaft in ihrem Elfenbeinturm und die Unternehmen ohne Pipeline zu neuen Ideen. Werden die Stärken beider Kulturen zusammengeführt, wird maximale Wirkung erzielt. Haben Sie also keine Angst vor dem Sprung, freuen Sie sich auf die Chance, Ihre Talente zu zeigen! Vielleicht entdecken Sie im Privatsektor belebende Freiheiten. Und vielleicht kehren Sie später zu deiner Alma Mater zurück – mit einem prall gefüllten Rucksack an praktischen Erfahrungen.