IN RENTE
Ein ganzes, langes Leben für die Forschung
Sie haben einen Grossteil ihrer Karriere der Wissenschaft gewidmet, einige mit sehr später Professur, andere ganz ohne. Fünf Pensionierte erzählen, warum das für sie genau richtig war.

Claude-Alain Roulet | Foto: Maurice Haas
«Im Herzen bin ich Bastler»
«Sechs Monate vor meiner Pensionierung wurde ich nach 32 Jahren Forschung und Lehre zum Professor ernannt! Während meiner gesamten wissenschaftlichen Karriere an der EPFL davor, bei der ich mich hauptsächlich der Bauphysik widmete, war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter gewesen. Ich blieb die ganze Zeit in derselben Institution, abgesehen von einem Jahr in der Industrie. Heute wäre das nicht mehr möglich. Ich fühlte mich mit meiner jungen Familie und nach dem Bau eines Hauses in der Schweiz verankert und sah keinen Grund, anderswo nach dem zu suchen, was ich hier bereits hatte. Dank der Zusammenarbeit mit Forschungsgruppen im Ausland habe ich trotzdem einiges von der Welt gesehen.
Im Herzen bin ich ein bisschen ein Bastler – ich mag konkrete Projekte. Vor allem aber will ich verstehen, wie Dinge funktionieren. Meine Ausbildung zum Physiker hat meine Identität eindeutig geprägt. Ich sehe mich als Rationalisten, aber nicht als Fundamentalisten: Nur weil ich etwas nicht verstehe, heisst das nicht, dass es nicht existieren kann. Man muss offenbleiben. Das ist eine zentrale Haltung in der Forschung.
Im Laufe meiner Karriere hatte ich den Eindruck, dass der Beruf zunehmend von Beamtentum geprägt wird, mit mehr Normen, Richtlinien und Kontrollen. Früher beruhte mehr auf Vertrauen, das Wichtigste war, Ergebnisse zu liefern. Ich sehe auch eine Beschleunigung der Forschung, mit manchmal kurzlebigeren Themen, sowie mehr Möglichkeiten.
Nach meiner Pensionierung im Jahr 2006 hielt ich noch einige Jahre lang einen Kurs an der EPFL. Seither arbeite ich als Berater für Bauphysik für Architekten und Gerichte. Ich war einer der Ersten in der Schweiz, der sich mit diesem Fachgebiet befasste. Inzwischen ist das Thema bekannter, häufig trifft man in diesem Gebiet auf Leute, die meine Kurse besucht oder mit mir gearbeitet haben. Wenn ich auf meine Karriere als Wissenschaftler zurückblicke, kann ich sagen, dass die Arbeit für mich ein Vergnügen war!»

Margit Osterloh | Foto: Maurice Haas
«Widerspruch muss man aushalten»
«Ich forsche an einem kleinen, privaten Institut, das ich mit meinem Mann und Kollegen gegründet habe, weil wir nach unserer Emeritierung Lust auf mehr Wissenschaft hatten. Ich arbeite unter anderem über Gender-Ökonomie. Letztes Jahr widmete ich mich mit meiner Kollegin Katja Rost von der Universität Zürich der Frage, wie man die Leaky Pipeline an den Universitäten erklären kann.
Dabei kam heraus, dass viele Frauen stark familienorientiert sind. Das war bei mir nicht anders: Nach der Geburt meines Sohnes war klar, dass mein damaliger Mann zuerst promoviert. Ich habe das damals auch nicht hinterfragt. Die Sonntagszeitung kündigte unsere Untersuchung mit der etwas reisserischen Schlagzeile an. Ein Shitstorm war die Folge. Aber: Widerspruch muss man aushalten.
Ich hatte ursprünglich Wirtschaftsingenieurwesen studiert, bin aber zunächst lange Jahre in die Praxis gegangen. Damals hat niemand meine Ingenieursqualitäten abrufen wollen. Deshalb habe ich mich in Richtung Betriebswirtschaft bewegt und in diesem Fach promoviert. So bin ich auf die Organisationstheorie gekommen. Das hat sich sehr gut ergänzt mit der Professur für politische Ökonomie meines Mannes. Es gibt viele Parallelen: Gute institutionelle Strukturen sind für Unternehmenserfolg wie für einen funktionierenden Staat zentral.
Ich habe immer viel gearbeitet. Obwohl es keine wirkliche Arbeit war, denn ich habe nur getan, was mir Spass macht. Ich wurde erst mit 47 Jahren Professorin und hatte eine wunderbare Zeit an der Hochschule. Ich weiss nicht, ob ich es heute noch wollen würde. Ich fürchte, die hohe Autonomie gibt es nicht mehr. Die Forschungsfreiheit wird durch überbordende Bürokratie und das Ranking-Unwesen stark eingeschränkt. Der Austausch mit Kollegen und Kolleginnen und mit jungen Leuten ist mir immer noch sehr wichtig. Das fordert mich heraus.»

Manfred Daum | Foto: Maurice Haas
«Wissenschaft kann zu einer Sucht im positiven Sinn werden»
«Ich kam als junger Physiker 1971 zum damaligen Schweizerischen Institut für Nuklearforschung. Mein erster Auftrag war, den Protonenstrahl des damals geplanten Beschleunigers zu berechnen, aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Das gelang äusserst erfolgreich, und so bot mir mein damaliger Chef an der ETH Zürich eine Doktorarbeit an, nämlich den Versuch, die Masse des Myon-Neutrinos zu bestimmen.
Ich wurde wiederholt gefragt, warum ich nie habilitiert habe. Einer meiner Kollegen, ein hochbegabter Privatdozent, hatte sich erfolglos auf viele Professuren beworben. Diesen Spiessrutenlauf wolle ich mir ersparen, zumal ich an unserem Institut an vielen grundlegenden Experimenten mitarbeiten durfte. Ausserordentlich gefreut hat mich, dass ich 2009 und 2010 an der Universität Freiburg als Gastdozent die Pflichtvorlesung Kern- und Teilchenphysik halten durfte.
Im Jahre 2008 wurde ich pensioniert, durfte aber weiter an Projekten mitwirken – natürlich ohne Gehalt. Der Direktor meinte: Du kannst hierbleiben, bis man dich mit den Füssen voran aus dem Haus trägt. Heute gehe bis zu drei halbe Tage pro Woche ins Institut, wo ich ein Büro mit Doktoranden teile, die meine Enkel sein könnten. Ich leiste immer noch wertvolle Beiträge. Umgekehrt lerne ich von den Jungen, wie man mit Handy und PC aktuell bleibt. Es gibt nichts Faszinierenderes als Teilchenphysik, zu sehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ein Beispiel: Beim Urknall muss gleich viel Materie wie Antimaterie entstanden sein. Aber im Weltall findet man kaum Antimaterie. Dieser fundamentalen Frage nachzugehen macht Wissenschaft zu einer Sucht im positiven Sinn.
Ich war lange ein begeisterter Fussballer und gehe immer noch auf Skitouren. Ich habe mich manchmal bei Experimenten gefragt: Was haben wir übersehen? In den Bergen ist mir oft die Lösung eingefallen. Die Natur lüftet den Geist.»

Franziska Rogger | Foto: Maurice Haas
«Wenn ich was kann, dann ist es recherchieren»
«Mein Leben wurde durch drei Stränge bestimmt: die Familie mit meinen Kindern, meinen Erwerbsjob als Archivarin der Universität Bern und meine Forschung. Die Beanspruchung durch die Familie hat immer mehr abgenommen, dafür ist meine private Forschung heute zentral. Ich habe mich auch extra früher pensionieren lassen, um mich ihr zu widmen.
Ich habe in Bern und Berlin studiert und über die Geschichte der Arbeiterschaft doktoriert. Aber ich wollte nie habilitieren. Ich wäre wohl keine gute Professorin geworden. Wenn ich was kann, dann ist es recherchieren. Ich freue mich etwa, wenn ich nach akribischer Suche eine alte Fotografie finde. Das hat schon etwas Journalistisches. Ich habe ja auch zehn Jahre als freie Journalistin für Luzerner Zeitungen gearbeitet. Als Archivarin habe ich viele Rechercheaufträge bekommen und festgestellt, dass manche Professoren bloss für bereits Gedrucktes bestätigende Akten suchten. Sie interessierten sich nicht für das grosse Ganze, den Kontext oder das abweichende Interessante.
In meinen Augen muss Forschung aber einen Gegenstand von allen Seiten umkreisen. Ich habe mich vor allem mit der Geschichte der Frauen auseinandergesetzt, insbesondere mit den ersten Studentinnen und Dozentinnen an der Universität Bern. Eine von ihnen war die Philosophin Anna Tumarkin, die in Bern Professorin wurde und vermutlich europaweit die erste Professorin überhaupt war. Gerade habe ich ein Buch über sie geschrieben. Die praktische Verwertbarkeit von Forschung, das ist mir wichtig. Deshalb freue ich mich auch, dass ich an Projekten wie der Multimediaschau zu 50 Jahren Frauenstimm- und -wahlrecht auf dem Bundesplatz oder dem Film «Die Pazifistin» über die Chemikerin Gertrud Woker mitwirken konnte.
Ich bin glücklich, wenn ich etwas finde, was zuvor noch niemand entdeckt hat. Das Leben ist doch deshalb so schön, weil wir immer wieder Neues ergründen können. Ohne meine Forschungsarbeit hätte ich jetzt ein Leben jenseits von Neugierde. Ich sehe das bei manchen Bekannten, die aus dem Beruf ausgeschieden sind. Denen ist langweilig. Das finde ich grässlich.»

Isabelle Taibi | Foto: Maurice Haas
«Ich empfand meine Arbeit als Privileg»
«Ich wollte keine Doktorarbeit schreiben. Als Ingenieurin interessiere ich mich vor allem für konkrete Projekte. Die klassische akademische Karriere mit mehreren Postdocs im Ausland schien mir prekär. Viele talentierte Kollegen schlugen aufgrund von fehlenden Perspektiven irgendwann einen anderen Weg ein. Das schien mir nicht attraktiv. An der Schnittstelle zwischen Forschung und Informatik stand ich nicht mit den Professoren an vorderster Front. Das hat mich nie gestört. Ich hatte die Chance, an spannenden wissenschaftlichen Projekten mit kompetenten Menschen aus der ganzen Welt mitzuwirken. Das empfand ich als Privileg.
Ich habe fünfzehn Jahre lang bei der französischen Atomenergiebehörde (CEA) gearbeitet, in Grenoble und Paris. Dort entwickelte ich Software-Tools für Biologie, Robotik und Kernkraftwerke. Danach wechselte ich fünf Jahre in die Raumfahrt für eine Firma, die am Integral-Satelliten mitwirkte. Dann bot mir die Universität Genf an, am internationalen Programm Gaia mitzuarbeiten.
Das Weltraumteleskop generiert eine einzigartige Karte des Himmels mit Informationen über mehr als 1,5 Milliarden Objekte – ein fabelhaftes Projekt, das die Verarbeitung gigantischer Datenmengen erfordert. Wie meine Kolleginnen war ich begeistert. Wir liebten unsere Arbeit, entdeckten Neuland in Sachen Technologie und Erkenntnis.
Vor drei Jahren liess ich mich pensionieren. Ich verfolge noch meine letzten wissenschaftlichen Artikel, sonst habe ich jedoch ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen. Ich verbringe meine Zeit mit Kanufahren und Singen, mit Renovationen am Haus und mit unserem Permakultur-Gemüsegarten. Ich war immer gern handwerklich tätig und lerne gern Neues im Internet. Meine Kinder haben Mathematik, Philosophie und Rechtswissenschaften studiert – für mich eher abstrakte Tätigkeiten. Ich selbst bin im Herzen Ingenieurin geblieben.»