Überwachungskamera macht jede Minute ein Bild – über drei Jahre lang
Der Professor für visuelle Intelligenz Helmut Grabner und der Fotokünstler Kurt Caviezel sammeln Bilder von Überwachungskameras und arrangieren sie. Das soll zum Denken anregen und Erkenntnisse generierern.

Jeder Punkt ist ein Foto, jede Linie ein Tag: In den 1,7 Millionen Bildern versteckt sich erstaunlich viel Wissen. | Bild: Helmut Grabner und Kurt Caviezel
Nein, das ist keine abstrakte Kunst, sondern der konkrete Blick einer Überwachungskamera. Während mehr als drei Jahren hat sie Minute für Minute dieselbe langweilige Einfahrt einer umzäunten Wohnanlage in der Nähe von New York abgelichtet und auf einen Server gestellt. Helmut Grabner, Professor für visuelle Intelligenz der ZHAW, und Kurt Caviezel, Fotokünstler aus Zürich, haben die Aufnahmen gespeichert und für ein Kunstprojekt arrangiert – eine Zeile pro 24 Stunden. Tag-Nacht-Rhythmus, Sommer und Winter werden sofort ersichtlich. Bei der Zeitumstellung scheinen sich die Zeilen mit einem Sprung verschoben zu haben. «Ich dachte zuerst, das sei ein Fehler», so Grabner.
Die Langzeitdarstellung offenbart noch mehr: Wenn die Kamera oder der Server ausfällt, sind klar abgegrenzte graue Linien zu sehen, wenn Schnee liegt, wird die Nacht plötzlich hellblau, oder wenn die Sonne einen Schatten wirft, erhält der Tag einen Blaustich. Ein einzelner roter Punkt könnte ein Auto vor der Kamera bedeuten. Auf der Projektwebsite kann bis auf die einzelnen Bilder herangezoomt werden. Grabner hat Algorithmen zur Analyse der Fotoschwemme eingesetzt. Sie finden unter den 1,7 Millionen Aufnahmen etwa ein Reh, das eines Nachts in der Einfahrt auftaucht. Oder bestimmte Personen vor der Kamera. «Das ist unheimlich. Man kann erkennen, wer wann wo ist.» Deshalb hat er die Gesichter unscharf gemacht.
Auf diese Weise picken Grabner und Caviezel auch aus den gerade jetzt irgendwo auf der Welt aufgenommenen Bildern die interessanten heraus: aus einer Metzgerei in Bulgarien, auf einem Berggipfel in Deutschland oder in einer Tiefgarage in Vietnam. «Wir wollen die Leute wachrütteln und zeigen, was im Internet frei zugänglich ist», so Grabner. Wissenschaftlich sind die Aufnahmen auch nützlich, denn: «Es ist das wahre Leben, so dreckig wie es ist. Nichts Gestelltes, ohne perfekte Beleuchtung, goldenen Schnitt oder was weiss ich.» Damit kann er Algorithmen für automatische Bildanalyse entwickeln und testen.