In ihrem Werk «Das blaue Zimmer» zitiert Suzanne Valadon 1923 die erotisch daliegende Venus des 16. Jahrhunderts ironisch mit einer reifen Frau mit müdem, schwerem Körper. | Bild: Suzanne Valadon

Jahrhundertelang gehörte der Körper der Frau nicht wirklich ihr selber. Im kollektiven Bewusstsein wie auch in der Literatur «definierte der männliche Blick den Körper der Frau und damit auch ihre Sexualität», sagt Valérie Cossy, ausserordentliche Professorin für Gender Studies und Mitarbeiterin am Centre interdisciplinaire d’étude des littératures der Universität Lausanne. Erst mit der zweiten Welle weiblicher Befreiung in den 1980er-Jahren hätten die Frauen realisiert, «dass sie die Selbstbestimmung über ihren Körper nur dann zurückgewinnen, wenn sie lernen, selbst über ihn zu sprechen und zu schreiben».

Erotische Literatur gab es schon immer. Die sexuellen Elemente sollten erregen, dienten aber auch anderen Zielen. Die entsprechenden Werke wurden lange im Geheimen produziert, waren aber dennoch weit verbreitet, wie Cossy erklärt. Sie waren überwiegend «von Männern für Männer» verfasst, manchmal anonym oder sogar unter weiblichen Pseudonymen. Abgesehen von dieser Konstante präsentiert sich erotische Literatur äusserst vielfältig. Sie existierte in allen Epochen, Ländern, Gesellschaften, in allen Formen und Stilrichtungen. Anouk Delpedro, Doktorandin am Departement für Französisch der Universität Freiburg, nennt als Beispiel die erotischen Frauendialoge, die im 16. Jahrhundert in Italien erschienen und den Boden für weitere Werke in anderen Ländern bereiteten.

«Das Zusammenspiel von freien Sitten und freiem Geist zog sich durch das gesamte 18. Jahrhundert.»Anouk Delpedro

«Diese Gespräche sollten durch die inszenierte weibliche Intimität das Begehren oder die Neugier einer männlichen Leserschaft wecken. Die dargestellte Sexualität war gegenüber den Frauen nicht unbedingt wertschätzend», so die Forscherin. «Die Protagonistinnen waren häufig Prostituierte, die nicht zum Vergnügen mit Männern schliefen, sondern für eine materielle Gegenleistung.»

Ein freier Geist in einem freien Körper

Das rund hundert Jahre später 1655 in Frankreich veröffentlichte Werk «L’école des filles ou la philosophie des dames» (deutsch: Die Mädchenschule oder Die Philosophie der Damen) basiert ebenfalls auf einem Dialog zwischen zwei Frauen. Dennoch hebt es sich von den früheren italienischen Texten ab. Die Gespräche finden im Alltag der beiden Protagonistinnen statt, und ihre Beweggründe sind nicht finanziell, sondern hedonistisch. Eine erfahrene Frau will eine naive Cousine überreden, sich einen Liebhaber zu nehmen. Dazu erteilt sie ihr eine regelrechte Aufklärungslektion, in der sie ihre eigenen Sexualpraktiken detailliert schildert. Sie versichert ihr, dass die Erfahrung für beide «das grösste Vergnügen der Welt» sein wird. Oder, wie es im Original heisst: «Pour ne te plus tenir en suspens, tu dois savoir qu’un garçon et une fille prennent ensemble le plus grand plaisir du monde.»

Überall moralische Vorurteile hinterfragen

«Der Roman stellt die weibliche Sexualität neu dar», erklärt Delpedro. Er beschreibe die Lust der Frauen nicht nur pornografisch, sondern ermuntere auch dazu, diese zu leben. Das Werk geht sogar noch einen Schritt weiter: «Nachdem die junge Frau zur Tat schreitet und das grösste Vergnügen der Welt erfahren hat, versteht sie, dass moralische Vorurteile in allen Lebensbereichen hinterfragt werden müssen. Ihre sexuelle Initiation verändert sie also auch intellektuell.»

Das Stück gab Anstoss zu Nachfolgewerken. «Das Zusammenspiel von freien Sitten und freiem Geist zog sich durch das gesamte 18. Jahrhundert », erklärt die Doktorandin. Dies bis hin zu den Werken des Marquis de Sade, die wohl bekannteste Figur des mit den Konventionen brechenden, pornografischen Schreibens. Parallel dazu entwickelte sich die traditionellere, androzentrische Erotikliteratur. Lucie Nizard ist Assistenzprofessorin am Departement für moderne französische Sprache und Literatur der Universität Genf. Ihre Dissertation widmete sie der weiblichen Lust in den französischen Romanen des 19. Jahrhunderts. «Diese Epoche war in sexueller Hinsicht sehr konservativ, und erotische Bücher waren immer noch verboten», erklärt sie. «Trotzdem war diese Lektüre für junge Männer ein fester Bestandteil beim Erlernen – und bei der Stärkung – ihrer Virilität.» Sie sprachen untereinander darüber «und gingen als Gruppe ins Bordell».

«Haben Frauen heute wirklich die Mittel, um den erotischen Diskurs neu zu erfinden und nicht in die Falle zu tappen, gleich wie die Männer über Sex zu schreiben?»Valérie Cossy

Der Begriff des «male gaze» (deutsch: männlicher Blick), den die britische Regisseurin und Filmkritikerin Laura Mulvey in den 1970er- Jahren einführte, entfaltete hier laut Nizard seine volle Bedeutung. Frauen wurden – zumindest in der ersten Hälfte des Jahrhunderts – als Figuren dargestellt, «die sich zunächst widersetzten, bevor sie sich der Willkür und der Lust der Männer hingaben». Am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Erotikliteratur weiter. «Die Zustimmung der Frau wurde wichtiger», sagt die Expertin. Dazu trug vermutlich auch die Zunahme der Leserinnen bei. «Dank der neuen Bildungsgesetze erhielten Frauen Zugang zu Literatur aller Genres.» Zudem «wandelten sich mit dem Aufkommen von Flirten und Liebesheiraten die Sexualpraktiken». Frauen werden nun «aktiver dargestellt, wenn auch immer noch als Objekte männlicher Begierde». Erotische Literatur wird weiter in erster Linie «von Männern für Männer» geschrieben.

In der jüngsten Gegenwartsliteratur kehrt der Trend: Immer mehr junge Autorinnen kreieren erotische Inhalte. Was nicht zwingend bedeutet, dass sie Sexualität egalitärer oder feministischer darstellen. «Dass sie so lange von ihrem Körper abgeschnitten waren, ist ein sehr schweres Erbe für die Frauen», findet Cossy. «Haben sie unter diesen Umständen wirklich die Mittel, um den erotischen Diskurs neu zu erfinden und nicht in die Falle zu tappen, gleich wie die Männer über Sex zu schreiben?» Auch heute noch ist erotische Literatur aus Sicht der Gender Studies «eine echte Herausforderung».

Zustimmung bleibt dekorativ

«Im 21. Jahrhundert wird die ursprüngliche feministische Frage nochmals komplexer, weil sich der Bruch mit Konventionen und expliziter Sex hervorragend verkaufen», fährt die Genderwissenschaftlerin der Universität Lausanne fort. Ein Beispiel dafür sei «Fifty Shades of Grey» der Autorin E. L. James. Der 2011 erschienene und später verfilmte Roman «zeichnet ein problematisches Bild weiblicher Heterosexualität, die sehr weit vom feministischen Horizont der weiblichen Selbstbestimmung entfernt ist, wie ihn Hélène Cixous entwirft».

Die französische Schriftstellerin forderte die Frauen auf, sich ihren Körper und ihre Lust wieder anzueignen. In «Fifty Shades of Grey» erscheint weibliches Begehren hingegen «als gleichbedeutend mit Unterwerfung und Zwang, wenn nicht gar mit Belästigung, Einschüchterung und ertragener Gewalt. Das Konzept der Zustimmung bleibt zumindest sehr theoretisch, wenn nicht rein dekorativ», präzisiert Cossy.

«In der Sexualität besteht eine latente Feindseligkeit zwischen Männern und Frauen, was leider ein Einfallstor für körperliche Gewalt sein kann.»Emma Becker

Emma Becker schildert in ihrem 2019 erschienenen Werk «La Maison » ihre Erfahrungen als Sexarbeiterin in Berlin. Die erfolgreiche französische Autorin ist der Ansicht, dass jede erotische Literatur Möglichkeiten der weiblichen Emanzipation in sich trägt. «Ich las die ersten solchen Bücher, als ich noch sehr jung war», erzählt sie. «Auch wenn die meisten Bücher von Männern stammten – oder vielleicht gerade deswegen: Ich habe beim Lesen sehr viel Wahres und Falsches über die weibliche Sexualität und somit über mich selbst entdeckt.» Die Schriftstellerin ist eine der Leitfiguren einer zeitgenössischen Literatur, die Sexualität als Raum voller Nuancen darstellt, ohne starre Geschlechterrollen.

Für sie ist erotische Literatur «ein für alle Menschen zugänglicher Ort, gleichzeitig unpolitisch und hochpolitisch». Sie erklärt dazu: «In der Sexualität besteht eine latente Feindseligkeit zwischen Männern und Frauen, was leider ein Einfallstor für körperliche Gewalt sein kann.» Für Becker «beruht diese Abneigung auf einem grundlegenden Missverständnis: Man geht davon aus, dass Frauen sich in den Dienst des männlichen Vergnügens stellen müssen, um Lust zu erfahren.» Dieses Kräfteringen könne nur aufbrechen, «wenn sich die Frauen von der Vorstellung lösen, dass sie ein Objekt der Begierde sein müssen». Cossy bestätigt: «Das ist eine Tatsache, und die Männer werden ihnen das nicht abnehmen.»