Ist das Präfix Post sinnvoll für die Forschung?
Mit der Vorsilbe Post bleibt die Wissenschaft auf die Vergangenheit fixiert. Oder sie hinterfragt diese im Gegenteil konsequent und bringt so fruchtbare Erkenntnisse. Zwei Ansichten im Wortduell.

Foto: ZVG

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Die Vorsilbe Post ist zwar die populärste Erfindung der Geistes- und Sozialwissenschaften nach 1945, aber sie hat viel Schaden angerichtet. Wer sich bei der Beschreibung der Lage damit begnügt, ein altes Grosswort mit Post zu dekorieren, bleibt unweigerlich auf die Vergangenheit fixiert und läuft Gefahr, den Reiz des Neuen zu verkennen. Wäre der Schlachtruf der Revolutionäre in Paris 1789 «Es lebe der Postfeudalismus! » statt «Es lebe die Republik!» gewesen, hätte dies wohl niemanden von den Sitzen gerissen. Und doch ist der neuere Erfolg der Postismen ungebrochen. Der Bogen reicht von Posthistoire über Postmoderne zu Postkolonialismus, dazu gesellen sich Postdemokratie, Postliberalismus und Postfeminismus.
Das Hauptproblem aller Postismen: Sie bleiben stecken in der Ambivalenz zwischen Anhänglichkeit und Abgrenzung gegenüber dem, was vorher war. Diese Unschlüssigkeit lässt sich beispielhaft am Postkolonialismus illustrieren. Einerseits wird damit, wie etwa der palästinensisch- amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said sagte, die Botschaft verbunden, dass die heutige Lage im globalen Süden durch den Kolonialismus determiniert sei, anderseits heisst es beim Historiker Robert Young, der Postkolonialismus habe das Zeug zum «Triumph» über den Kolonialismus.
So oder so erschwert die Vergangenheitslastigkeit des Präfixes Post- die eigenständige Analyse aktueller Handlungsmöglichkeiten, also das, was der französische Philosoph Michel Foucault in einem seiner einflussreichsten Werke «Ontologie der Gegenwart» genannt hat. Das ist wohl der Grund, warum Foucault vom Ausdruck Postmoderne überhaupt nichts hielt und weshalb der kamerunische Historiker Achille Mbembe betont, «der postkolonialen Schule nicht anzugehören».
Viele meinen wohl, dass allein mit der Erfindung eines Postismus schon eine intellektuelle Leistung vollbracht sei. Dabei fungiert dieser eher als Denkersatz, als Label, hinter dem sich oft ein Durcheinander verbirgt. Übrigens: Die Kritik an den Postismen kommt aus allen politischen Lagern, nicht nur von rechts. Stark ist die Kritik von links, die zum Beispiel der Schweizer Regisseur Milo Rau vorgebracht hat.
Dieter Thomä ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und veröffentlichte zuletzt 2025 das Buch «Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe».
Absolut. Die Vorsilbe ist keineswegs nur rückwärtsgewandt, sondern ein Instrument, um die Gegenwart neu zu verstehen. Die Kritik an den Posttheorien lautet, dass sie mit dem verstrickt bleiben, was sie zu überwinden versuchen – doch genau diese Spannung ist ihre Stärke. Nehmen wir den Postkolonialismus: Er sagt nicht, dass der Kolonialismus vorbei ist, sondern untersucht, inwiefern seine Strukturen fortbestehen. Der kolumbianische Anthropologe Arturo Escobar argumentiert etwa, dass der globale Norden den globalen Süden mit angeblichen Entwicklungsprojekten weiter verwaltet.
Ein Beispiel dafür ist die ursprünglich von der Weltbank finanzierte Umsiedlungspolitik beim Staudammprojekt im westindischen Narmadatal, die später von der indischen Regierung übernommen wurde. Dabei wurden indigene Gemeinschaften ohne angemessene Zustimmung oder Entschädigung vertrieben. Analog negiert der Poststrukturalismus nicht Strukturen, sondern fragt, wer sie aufgebaut hat und wen sie ausschliessen. Der französische Philosoph Michel Foucault analysierte, wie Schulen, Spitäler und Gefängnisse Subjektivitäten formen, indem sie bestimmte Verhaltensweisen normalisieren und Abweichungen bestrafen. Meine eigene Forschung zu Indiens Massnahmen gegen sexuelle Belästigung entlarvt, wie diese scheinbar progressive Reform bestimmte Kasten und Queers ausschliesst und damit das Kastensystem und die Heteronormativität aufs Neue festschreibt.
Die Vorsilbe Post bedeutet also nicht einfach „danach“. Forschende fragen damit, wie die Gesellschaft sich von den vorherrschenden Strukturen lösen kann. Und Posttheorien bleiben nicht in früheren Systemen verhaftet, sondern hinterfragen, erschüttern und reformulieren diese. Das macht wirksame, pluralistische und verantwortungsvolle Forschung möglich.
In einer durch Ungleichheit, Klimakollaps und koloniale Rückstände zerrissenen Welt ist Post kein Rückzugsort – sondern die Weigerung, zu vereinfachen. Anstatt die Vorsilbe abzuschaffen, sollten wir fragen: Was will sie erschüttern, und weshalb ist das immer noch wichtig? Post ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.
Anukriti Dixit arbeitet als Postdoc an der Universität Bern. Die Sozialwissenschaftlerin ist spezialisiert auf poststrukturalistische, Anti-Kasten- und dekoloniale Forschung.

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Die Vorsilbe Post- ist zwar die populärste Erfindung der Geistes- und Sozialwissenschaften nach 1945, aber sie hat viel Schaden angerichtet. Wer sich bei der Beschreibung der Lage damit begnügt, ein altes Grosswort mit «Post-» zu dekorieren, bleibt unweigerlich auf die Vergangenheit fixiert und läuft Gefahr, den Reiz des Neuen zu verkennen. Wäre der Schlachtruf der Revolutionäre in Paris 1789 «Es lebe der Postfeudalismus! » statt «Es lebe die Republik!» gewesen, hätte dies wohl niemanden von den Sitzen gerissen. Und doch ist der neuere Erfolg der Postismen ungebrochen. Der Bogen reicht von Posthistoire über Postmoderne zu Postkolonialismus, dazu gesellen sich Postdemokratie, Postliberalismus und Postfeminismus. Das Hauptproblem aller Postismen: Sie bleiben stecken in der Ambivalenz zwischen Anhänglichkeit und Abgrenzung gegenüber dem, was vorher war. Diese Unschlüssigkeit lässt sich beispielhaft am Postkolonialismus illustrieren. Einerseits wird damit, wie etwa der palästinensisch- amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said sagte, die Botschaft verbunden, dass die heutige Lage im globalen Süden durch den Kolonialismus determiniert sei, anderseits heisst es beim Historiker Robert Young, der Postkolonialismus habe das Zeug zum «Triumph» über den Kolonialismus.
So oder so erschwert die Vergangenheitslastigkeit des Präfixes Post- die eigenständige Analyse aktueller Handlungsmöglichkeiten, also das, was der französische Philosoph Michel Foucault in einem seiner einflussreichsten Werke «Ontologie der Gegenwart» genannt hat. Das ist wohl der Grund, warum Foucault vom Ausdruck Postmoderne überhaupt nichts hielt und weshalb der kamerunische Historiker Achille Mbembe betont, «der postkolonialen Schule nicht anzugehören». Viele meinen wohl, dass allein mit der Erfindung eines Postismus schon eine intellektuelle Leistung vollbracht sei. Dabei fungiert dieser eher als Denkersatz, als Label, hinter dem sich oft ein Durcheinander verbirgt. Übrigens: Die Kritik an den Postismen kommt aus allen politischen Lagern, nicht nur von rechts. Stark ist die Kritik von links, die zum Beispiel der Schweizer Regisseur Milo Rau vorgebracht hat.
Dieter Thomä ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und veröffentlichte zuletzt 2025 das Buch «Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe».

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Absolut. Die Vorsilbe ist keineswegs nur rückwärtsgewandt, sondern ein Instrument, um die Gegenwart neu zu verstehen. Die Kritik an den Posttheorien lautet, dass sie mit dem verstrickt bleiben, was sie zu überwinden versuchen – doch genau diese Spannung ist ihre Stärke. Nehmen wir den Postkolonialismus: Er sagt nicht, dass der Kolonialismus vorbei ist, sondern untersucht, inwiefern seine Strukturen fortbestehen. Der kolumbianische Anthropologe Arturo Escobar argumentiert etwa, dass der globale Norden den globalen Süden mit angeblichen Entwicklungsprojekten weiter verwaltet. Ein Beispiel dafür ist die ursprünglich von der Weltbank finanzierte Umsiedlungspolitik beim Staudammprojekt im westindischen Narmadatal, die später von der indischen Regierung übernommen wurde. Dabei wurden indigene Gemeinschaften ohne angemessene Zustimmung oder Entschädigung vertrieben. Analog negiert der Poststrukturalismus nicht Strukturen, sondern fragt, wer sie aufgebaut hat und wen sie ausschliessen. Der französische Philosoph Michel Foucault analysierte, wie Schulen, Spitäler und Gefängnisse Subjektivitäten formen, indem sie bestimmte Verhaltensweisen normalisieren und Abweichungen bestrafen. Meine eigene Forschung zu Indiens Massnahmen gegen sexuelle Belästigung entlarvt, wie diese scheinbar progressive Reform bestimmte Kasten und Queers ausschliesst und damit das Kastensystem und die Heteronormativität aufs Neue festschreibt.
Die Vorsilbe Post- bedeutet also nicht einfach danach. Forschende fragen damit, wie die Gesellschaft sich von den vorherrschenden Strukturen lösen kann. Und Posttheorien bleiben nicht in früheren Systemen verhaftet, sondern hinterfragen, erschüttern und reformulieren diese. Das macht wirksame, pluralistische und verantwortungsvolle Forschung möglich. In einer durch Ungleichheit, Klimakollaps und koloniale Rückstände zerrissenen Welt ist Post- kein Rückzugsort – sondern die Weigerung, zu vereinfachen. Anstatt die Vorsilbe abzuschaffen, sollten wir fragen: Was will sie erschüttern, und weshalb ist das immer noch wichtig? Post- ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.
Anukriti Dixit arbeitet als Postdoc an der Universität Bern. Die Sozialwissenschaftlerin ist spezialisiert auf poststrukturalistische, Anti-Kasten- und dekoloniale Forschung.