Expertise ist ein Kompass in stürmischen Zeiten
Expertise lässt sich nicht verordnen – sie basiert auf klaren Kriterien, transparenten Verfahren und wissenschaftlicher Kompetenz. Was ein US-Urteil hiesige Demokratien lehrt, zeigt Yves Flückiger, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz.

Yves Flückiger ist Präsident des Verbunds der Akademien der Wissenschaften Schweiz a+. | Foto: Annette Boutellier
Ein US-Bundesrichter musste sich kürzlich mit einer Frage befassen, die für Demokratien zentral ist: Was ist ein Experte oder eine Expertin? Indem er die von der Administration Trump initiierte Impfreform aussetzte, erinnerte er an eine Selbstverständlichkeit, die manchmal zu vergessen gehen scheint: Expertise lässt sich nicht verordnen. Mit seinem Urteil bekräftigte Richter Brian Murphy einen einfachen Grundsatz: Wissenschaftsbasierte staatliche Politik ergibt sich nicht allein aus den festgelegten Zielen, sondern auch aus den Verfahren, die ihr vorausgehen.
Dass kompetente Mitglieder eines Gremiums ersetzt werden durch andere, die ihre Wahl in erster Linie den richtigen Überzeugungen verdanken, steht für eine bedenkliche Entwicklung: die «Expertise à la carte». Der Richter erinnerte daran, dass Fachwissen auf präzisen Kriterien beruht: Leistungsausweis, transparente Auswahl, Beratung im Kollegium.
Ohne diese Garantien sprechen wir nicht von Wissenschaft, sondern von Meinungen. Auch das Argument, wonach sich ein Politiker über diese Anforderungen hinwegsetzen kann, wenn er demokratisch legitimiert ist, passt nicht. Staatliche Entscheidungen dürfen nicht willkürlich sein, selbst dann nicht, wenn eine gewählte Behörde sie trifft. Sie müssen rational begründbar sein, auf Grundlage gesicherter Erkenntnisse.
In den sozialen Medien und gewissen Debatten können sich alle Stimmen Gehör verschaffen. Doch wie der Richter implizit feststellte, bedeutet Pluralismus nicht, dass alle Standpunkte richtig sind: Erforderlich ist vielmehr eine strukturierte Debatte in einer kompetenten Gesellschaft. Diese Einsicht ist nicht nur für die USA wertvoll.
In Europa und der Schweiz, wo die direkte Demokratie den Bürgerinnen und Bürgern eine besondere Verantwortung auferlegt, entscheidet die Qualität der Expertise auch über die Qualität der öffentlichen Debatte. Ohne verlässliche Orientierungspunkte drohen Desinformation und Willkür.
Wissenschaft ist nicht die absolute Wahrheit, sondern ein anspruchsvolles Verfahren, mit dem sich die Gesellschaft der Wahrheit annähert. Das Recht schützt in diesem Fall die Verfahren, die langsam und unvollkommen, aber robust sind. Deshalb gilt es, nicht nur die Wissenschaft zu verteidigen, sondern auch den institutionellen Rahmen, der sie erst ermöglicht. Andernfalls verschwindet nicht nur die Expertise, sondern auch die Fähigkeit der Gesellschaft, aufgeklärt zu entscheiden. Ein Kompass in stürmischen Zeiten mit geopolitischen Krisen.