Der in die Sterne guckt – und sie anderen näher bringt
Astrophysiker Ben Moore bringt sein Wissen mit Filmen, Büchern und Shows unter die Menschen. Und würzt seine Botschaften mit britischem Humor. Treffen mit einem Mann, der die Entstehung des Universums auf einen Tag schrumpfen kann.

Unterhaltung und Substanz gehen auch zusammen, wie Ben Moore findet. Dafür gibt er unter anderem Unwissen zu und setzt auf Humor statt auf Belehrungen. | Foto: Désirée Good
Das Universum ist 13,8 Milliarden Jahre alt – eine Zahl, die unsere Vorstellungskraft übersteigt. Deshalb steht Ben Moore in einer Regennacht vor einem Glockenturm in Zürich. Es schlägt Mitternacht – Urknall. «Raum, Materie und Energie erscheinen», sagt Moore. «Die Zeit beginnt, das Universum explodiert ins Dasein.» Zwanzig Minuten nach Mitternacht leuchtet der erste Stern auf. Moore fährt durch die nächtliche Stadt. Der Tag schreitet voran, weitere galaktische Ereignisse folgen. Gegen 16 Uhr erscheint die Sonne, kurz darauf Erde und Mond.
Die Geburt unseres Sonnensystems feiert Moore mit einem Cocktail an der Bar. Spätabends kehrt er zum Turm zurück, um zu zeigen, dass der Homo sapiens erst eine Sekunde vor Mitternacht auftaucht. In einem 15-minütigen Film des Kunstmuseums Rietberg in Zürich sind die 13,8 Milliarden Jahre in einen 24-Stunden-Tag gepackt. Das Video von 2015 erreichte auf Youtube bisher fast 20 000 Aufrufe.
In kosmischen Weiten und grossen Simulationen
Ben Moore, geboren 1966 in Falstone in Nordengland, studierte Physik und promovierte an der Universität Durham. Nach Aufenthalten in den USA berief ihn die Universität Zürich 2002 zunächst als Professor für theoretische Physik, um eine Forschungsgruppe für Kosmologie aufzubauen. Mit seinem Team entwickelte er einen besonders leistungsfähigen Computer für numerische Simulationen. Moore hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Graubünden – «genau in der Mitte des Kantons».
Moore findet immer neue Wege, sein Fach einem breiten Publikum nahezubringen. In seinem 2022 erschienenen Bestseller «Sternenstaub » erzählt er die Geschichte des Universums anhand von 42 Persönlichkeiten, die für ihre bahnbrechenden Entdeckungen nie einen Nobelpreis erhielten. Er würdigt etwa den antiken Denker Eratosthenes, der bewies, dass die Erde rund ist, und die lange übersehene US-Astronomin Vera Rubin (1928–2016), die entscheidende Hinweise auf die Existenz dunkler Materie lieferte.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen stärker in Gesellschaft und Politik einfliessen, Forschende offen kommunizieren und Vertrauen schaffen – so die immer wieder geäusserten Appelle. Moore, Professor für Astrophysik an der Universität Zürich, setzt das seit über zwanzig Jahren um. Er veröffentlichte fünf Bücher, schrieb Kolumnen für das Magazin des Tages-Anzeigers und gab zahllose Interviews. Im Zürcher Kulturhaus Kosmos führte er als «Popstar der Astrophysik» Wissenschaftsshows durch.
Skepsis in Fachkreisen
Doch Moore verbindet Unterhaltung stets mit Substanz. «Dahinter steckt viel Arbeit – neben meinem Tagesgeschäft als Professor», sagt der 60-Jährige in seinem kleinen Büro. Auf einer Wandtafel stehen Formeln, gegenüber prangt das Foto eines Sternennebels. Bei seiner Wissenschaftskommunikation will er sich verständlich ausdrücken, ohne die Präzision zu verlieren. Unwissen gibt er zu, lieber setzt er auf Humor als auf Belehrungen: «Als Brite bin ich da wohl im Vorteil.»
In Fachkreisen begegnet ihm allerdings mitunter Skepsis gegenüber Populärwissenschaft. «Das hat mir bei Förderanträgen sicher schon geschadet», sagt Moore. Er verweist auf den wissenschaftshistorisch diskutierten sogenannten Sagan-Effekt, wonach öffentlich sichtbare Forschende von Teilen der Fachwelt weniger ernst genommen werden. Wie der US-Astronom Carl Sagan, der eine erfolgreiche Wissenschaftsserie fürs Fernsehen produzierte und Bestseller schrieb. 1991, fünf Jahre vor seinem Tod, lehnte die National Academy of Sciences seine Ehrenmitgliedschaft ab. «Dies trotz ausgewiesener Forschungsleistungen», betont Moore. In «Sternenstaub» widmet er Sagan ein eigenes Kapitel.
Was motiviert Moore dazu, seine Erkenntnisse dennoch zu popularisieren? «Wissen ist das wichtigste Gut unserer Zivilisation», antwortet er. Er will der Allgemeinheit etwas zurückgeben, schliesslich ermögliche ihm sein von Steuergeldern finanzierter Lohn, über die Entstehung des Universums und der Sterne und Planeten in unserer Milchstrasse nachzudenken. Ausserdem habe er gemerkt, wie viel Freude es ihm bereite, Fragen zu beantworten.
Sein Vater, ein Förster in Nordengland, entfachte Moores Wissensdurst. «Meine Eltern hatten nie die Chance zu studieren», erzählt er. Doch der Vater interessierte sich für Natur und Weltall, las Bücher über Quantenmechanik. Gemeinsam führten sie auf dem Estrich das Doppelspalt- Experiment durch, das zeigt, dass Licht sich wie eine Welle verhalten kann – ein staunenswertes Phänomen. Heute könnte der Sohn einige Fragen des Vaters beantworten, allerdings «nicht alle».
Auf Jagd nach dunkler Materie
Moore erforscht unter anderem die dunkle Materie. Sie ist nicht sichtbar, nur physikalische Gesetze belegen ihre Existenz. «Wir verstehen besser, wie sich Galaxien bilden – doch woraus die dunkle Materie besteht, bleibt ein Rätsel.» Ab 2030 könnte sich das ändern. Die Europäische Weltraumagentur Esa will mit dem Teleskop Arrakihs in den Randbereichen – den Halos – von mindestens 80 Galaxien nach Spuren dunkler Materie suchen. Schweizer Hochschulen beteiligen sich an der Mission, Moore leitet das nationale Wissenschaftsteam.
Das Projekt findet er «cool», auf die Daten ist er gespannt, auch weil Simulationsberechnungen von ihm überprüft werden. Nach der grössten Herausforderung beim Erforschen des Weltalls gefragt, antwortet er bestimmt: «Fördermittel zu bekommen.» Wir kennen erst einen winzigen Teil des Universums, sagt er. Als junger Forscher glaubte er, die Geheimnisse des Kosmos lösen zu können. Heute sei er demütiger. Grundlegende Fragen würden vielleicht erst in tausend Jahren geklärt sein: «Doch jeder kleine Beitrag inspiriert jüngere Forschende, ihrer Neugier zu folgen.»
Moores öffentliche Auftritte rufen unterschiedliche Reaktionen hervor. Gläubige schicken ihm Bibeln, Verschwörungstheoretiker werfen ihm vor, Dinge zu verschweigen. Die meisten Rückmeldungen sind jedoch positiv und kommen von Menschen, die sich für Wissenschaft interessieren. Moore erzählt von einer berührenden Begegnung. Ein an Krebs erkrankter Leser rief ihn an und bat um ein Treffen. «Ich fuhr zu ihm, wir unterhielten uns, und eine Woche später verstarb er.»
Woher kommen wir, wohin gehen wir? Diese Fragen bewegen nicht nur den Astrophysiker. Moore rechnet vor, dass die Sonne in sieben Milliarden Jahren die Erde verschlingen wird: «Die Menschheit ist nur durch Zufall hier und wird – im Massstab des Universums – in einem Wimpernschlag verschwunden sein.» Dann blitzt der britische Humor auf, mit dem der Wissenschaftler gelassen auf den Weltuntergang blickt: «Das Leben ist völlig sinnlos», sagt Moore, «also geniessen wir es und machen das Beste daraus.»
Zu diesem Besten gehört für ihn die Musik. Unter dem Namen «Professor Moore» veröffentlichte er elektronische Stücke. Aktuell nimmt er ein Album mit spanischer Gitarre auf. Die Klänge helfen ihm, sein Gehirn zu entspannen, sagt er. Nachdem er lange Zeit fast nur noch am Computer arbeitete, blickt er seit einigen Jahren gerne wieder durch ein Teleskop – an einem einsamen Ort in den Bündner Bergen oder in der Wüste Namibias. «In diesen Momenten sehe ich das Gleiche wie alle anderen: endlose Sterne, die überwältigende Schönheit des Universums.»