REPORTAGE
Im Trainingslager für robuste Weinreben
An der Fachhochschule Changins (VD) suchen Forschende eine bekömmliche Mischung, um die Auswirkungen von Pilzbefall im Weinbau abzumildern. Ein Besuch zwischen Rebberg und Labor.

Im experimentellen Weinberg der Hochschule Changins in Nyon wächst eine pilzrobuste Rebsorte. | Foto: Sébastien Agnetti
Markus Rienth dreht vorsichtig das Blatt um und zeigt auf einen Fleck, der etwas heller ist als der Rest der grünen Fläche. «Diese Verfärbung wird durch Falschen Mehltau verursacht. Offensichtlich ist diese Rebsorte nicht widerstandsfähig genug.» Der Leiter des Bereichs Weinbau an der Hochschule Changins (VD) steht in dichten Reihen von Rebstöcken. Hinter ihm fallen sie sanft Richtung Genfersee ab.
«Später im Labor werde ich Ihnen Beispiele mit einem stärkeren Befall zeigen», verspricht er und führt noch tiefer in den Versuchsweinberg der Fachhochschule. Das etwa eine halbe Hektare grosse Gebiet ist seit einigen Jahren einem Projekt gewidmet, das den Anbau von Rebsorten vorantreiben soll, die gegen Pilzkrankheiten resistent sind.
Der Vater war Winzer
Mit einem Fuss im Weinberg, mit dem anderen im Labor: Markus Rienth passt perfekt zum Konzept der angewandten Forschung, das hier in Changins die Maxime ist. Wer hier auf dem Gelände über der Stadt Nyon herumspaziert, dem strömt in ein Nasenloch der wohlriechende Duft der reifenden Trauben, in das andere der scharfe Geruch der Reinigungsmittel für Reagenzgläser. Der Sohn eines Winzers bewegt sich hier wie ein Fisch im Wasser.
«Der Bereich Weinbau konzentriert seine Forschungsaktivitäten auf zwei Schwerpunkte », erklärt der gebürtige Baden-Württemberger. Vor seiner Berufung zum Professor in Changins im Jahr 2015 hatte er am Institut Agro Montpellier einen Master, eine Doktorarbeit und einen Postdoc in Weinbau absolviert. Der erste Schwerpunkt der Forschung in Changins ist, die Auswirkung des Klimawandels auf die Vorgänge in den Zellen, Geweben und Organen der Weinrebe zu untersuchen. Ein weiterer Fokus will den Einsatz von synthetischen und organischen Fungiziden reduzieren.
Für diesen zweiten Bereich werden mehrere Projekte parallel durchgeführt. Untersucht wird dabei einerseits der Ersatz synthetischer Fungizide durch natürliche Substanzen und andererseits die Resistenz der Reben gegen Pilzkrankheiten im weiteren Sinn, wobei auch Erreger von Interesse sind, die nicht zu den eigentlichen Pilzen gehören, wie der Verursacher von Falschem Mehltau. «Allerdings sollte man besser von Toleranz als von Resistenz sprechen», betont der Experte. «Eine vollständige Resistenz ist ein illusorisches Ziel.»
Im Rahmen des Projekts Innopiwi, wobei Piwi für Pilzwiderstandsfähigkeit steht, wurden 40 neue Rebsorten ausgewählt – von privaten und öffentlichen Forschungsinstituten in ganz Europa entwickelt – und an diesem Standort angepflanzt. Es handelt sich um multiresistente Varianten mit mehreren Resistenzgenen gegen Falschen und Echten Mehltau. Die vom Bundesamt für Landwirtschaft finanzierte Studie soll das Potenzial der Rebsorten eben hinsichtlich Resistenzen, aber auch agronomischer und önologischer Merkmale bewerten.
Konkret untersuchen die Forschenden systematisch den Ertrag, die physiologische Reaktion der Pflanze, die Widerstandsfähigkeit gegen abiotischen Stress, namentlich gegen Hitze, Frost oder Trockenheit, die Resistenz gegen Krankheitserreger sowie die organoleptischen Eigenschaften wie Aussehen, Geruch und Geschmack. Im Anschluss daran werden an die Winzerinnen und Winzer konkrete Empfehlungen für Piwi-Rebsorten abgegeben, die für den Anbau in der Schweiz geeignet sind. Im Rahmen des Projekts werden identische Versuche an zwei weiteren Schweizer Forschungsstandorten mit unterschiedlichen Boden- und Klimabedingungen durchgeführt: in Frick (AG) und in Wädenswil (ZH).
Für das ungeübte Auge unterscheiden sich die verschiedenen Reben, die hier nur wenige Gehminuten von den Räumlichkeiten der Fachhochschule entfernt wachsen, nur durch die Farbe der Trauben – von Dunkelblau bis Bernsteingelb. Es fehlen Schilder, die Namen oder Herkunft der brav aufgereihten Stöcke bezeichnen. Das Forschungsteam identifiziert sie anhand einfacher Nummern. «Mit dieser Vorsichtsmassnahme beugen wir Diebstahl vor», meint Rienth augenzwinkernd.
Amerikanische Reben sollen helfen
Während das Projekt Innopiwi kurz vor dem Abschluss steht, wird 2026 das ebenfalls vom Bundesamt für Landwirtschaft finanzierte Folgeprojekt Oenopiwi starten, das sich auf Versuche zur Vinifikation – der Weinherstellung – konzentriert.
Um den Kontext dieser Projekte zu verstehen, ist ein kurzer Blick in den Rückspiegel hilfreich. Rienth: «Die europäische Weinrebe Vitis vinifera blieb lange Zeit vor Pilzkrankheiten verschont und hat daher keine natürlichen Resistenzen entwickelt.» Doch Ende des 19. Jahrhunderts eroberten die in Amerika bereits wohlbekannten Ärgernisse den alten Kontinent, begünstigt durch den zunehmenden Handel.
Zur Bekämpfung wurden zunächst Kupfer und Schwefel eingesetzt, ab den 1930er-Jahren dann zunehmend synthetische Fungizide. «Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde man sich der Probleme von Fungiziden bewusst und interessierte sich – unter anderem – für Kreuzungen mit amerikanischen Reben.» Diese sind im Gegensatz zu ihren europäischen Verwandten natürlicherweise resistent gegen Pilzkrankheiten. Durch Kreuzungen wurden im Laufe der Zeit Sorten gezüchtet, die sowohl hinsichtlich ihrer Widerstandsfähigkeit als auch ihrer geschmacklichen Eigenschaften interessant sind.
«Klassische Züchtung ist aber ein komplexer und langsamer Prozess: Für eine Kreuzungsserie werden ohne gentechnologische Methoden rund 15 Jahre benötigt», so Rienth. Zwar ermöglichen andere moderne Technologien wie die Selektion mit molekularen Markern eine leichte Beschleunigung des Zyklus. «Der einzige Weg für grosse Sprünge wäre aber die Zulassung von gentechnisch veränderten Organismen», meint der Wissenschaftler. «Das bedeutet nicht, dass ich persönlich für eine Aufhebung des Gentechnik-Moratoriums bin.»
Ätherische Öle regen Abwehrkraft an
Derzeit ist die grösste Herausforderung für die Forschenden die önologische Qualität. «Viele resistente weisse Rebsorten sind geschmacklich in Ordnung», betont der Experte. «Bei roten hingegen ist es komplizierter.» Neben der Entwicklung resistenterer Sorten müssen auch andere Wege gefunden werden, um den Einsatz synthetischer und organischer Fungizide zu reduzieren, damit die Ökosysteme im Weinbau erhalten bleiben. Nachhaltigkeit ist zudem ein immer wichtigeres Anliegen der Konsumentinnen und Konsumenten.
«Als vielversprechend haben sich ätherische Öle erwiesen. Sie stimulieren einerseits die Selbstverteidigungsmechanismen der Weinrebe und haben andererseits pilzhemmende Eigenschaften. » Im Rahmen einer Studie konnte das Team von Rienth bereits zeigen, dass Oregano bei Weinreben eine Reaktion des Immunsystems auslöst.
Weinkonsum geht zurück
Im Sommer 2025 wurde diese Spur in Zusammenarbeit mit Chemikerinnen und Chemikern weiter verfolgt. Bei diesem Projekt mit dem Namen Biocapvine werden die ätherischen Öle in Mikrokapseln aus Alginat und Chitosan verpackt. «Durch dieses Verfahren wird das Auswaschen und der Abbau der Öle verhindert und dabei gleichzeitig die Toxizität für die Pflanzen verringert und eine bessere Freisetzung der flüchtigen Stoffe ermöglicht.» Dadurch werden die natürlichen Abwehrreaktionen der Pflanze gegen den Falschen Mehltau länger angeregt.
Als das bisher milde Wetter umzuschlagen droht, schlägt der Experte für Weinbau vor, in einem Labor seines Teams Zuflucht zu suchen. Eine Forscherin holt aus einem Kühlschrank gerade junge Reben in Töpfen, deren Blätter die charakteristischen Flecken eines Befalls mit Falschem Mehltau aufweisen. Rienth stellt eine Reihe von Petrischalen auf einen Tisch, in denen winzige Kügelchen neben typischen dreilappigen Weinblättern liegen. «Das sind Mikrokapseln mit ätherischen Ölen.»
Während draussen lautstark der Regen niederprasselt, schliesst er das Gespräch im grell beleuchteten Raum mit einem gesellschaftlichen Aspekt. «Neben den Problemen, die durch den Klimawandel und Pilzkrankheiten verursacht werden, steht der Weinbau vor einer enormen Herausforderung: dem weltweiten Rückgang des Weinkonsums.»
Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit sei diese Entwicklung natürlich eher erfreulich, räumt der Kenner ein. Für die Produzentinnen und Produzenten sei es dadurch aber noch wichtiger geworden, sich zu profilieren, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. «Beim Marketing besteht für Schweizer Weine noch grosses Verbesserungspotenzial. Sie sind von hervorragender Qualität, machen aber weniger als die Hälfte unseres landesweiten Konsums aus.»










